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Tagung

Bioschweine: Viele Wege und ein Ziel

B_1_Tragende Sauen Grassilage 1
Christian WucherpfennigLWK Nordrhein-Westfalen
am Freitag, 13.03.2020 - 08:40

Auch die Bioschweinehaltung ist gefordert, Praktiken zu hinterfragen und für Neues offen zu sein. Der Biolandverband will voran gehen und lud in Kooperation mit dem Thünen-Institut für Ökologischen Landbau nach Schleswig-Holstein ein.

Auf einen Blick

  • Als Folge der größeren Bedeutung des LEH beim Verkauf von Bioprodukten, betreibt Bioland eine neue Vermarktungsstrategie.
  • Künftig kann es sinnvoll sein, mittels Tierwohlindikatoren die besondere Qualität ökologischer Erzeugung nachzuweisen.
  • Mehrere Prognosen erwarten bis 2035 einen massiven Wandel des globalen Fleischkonsums zugunsten von Fleischersatzprodukten.
  • Bei der Inhalations- und der Injektionsnarkose gibt es Verbesserungsbedarf. Beide Verfahren sind jedoch auf Augenhöhe.

Hohe Erwartungshaltung der Gesellschaft

Stall Tragende Sauen 3

Wer soll vorangehen, wenn nicht der Ökologische Landbau“, eröffnete Dr. Hans Marten Paulsen vom Thünen-Institut für Ökologischen Landbau die Bioschweinetagung in Schleswig-Holstein. Einer hohen Erwartungshaltung der Gesellschaft stehe das Bedürfnis der Praxis gegenüber, bei den gegebenen Preisen möglichst kostengünstig zu produzieren. „Vor diesem Hintergrund muss sich auch die ökologische Landwirtschaft stetig fortentwickeln“, erklärte Paulsen und verwies beispielhaft auf Forschung hinsichtlich der Immissionen bei frei gelüfteten Ställen, deren Ergebnisse dann in die Genehmigungspraxis einfließen können.

Kanäle zur Vermarktung reichten nicht mehr aus

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Peter Boysen, Mitglied des Bioland-Präsidiums, verwies auf die veränderten Vermarktungsstrategien des Verbandes als Folge der größeren Bedeutung des Lebensmitteleinzelhandels beim Verkauf von Bioprodukten: „Die bisherigen Kanäle reichen nicht mehr aus, wenn über Naturkosthandel und Direktvermarktung nur noch 30 Prozent des Absatzes erfolgen.“
B_3_Einreißschutz
Als vor drei Jahren Lidl auf Bioland zukam, bestand zunächst Sorge vor Preisdruck. Aus Erfahrungen habe man aber gelernt und mit Lidl über einen längeren Zeitraum einen Vertrag geschlossen, der auskömmliche Preise für die Landwirte garantiert, ohne Schwierigkeiten mit dem Wettbewerbsrecht zu bekommen.
Mit der Frage „Wohin geht die Reise in der Schweinehaltung?“ beschäftigte sich Antje Schubbert vom Friedrich-Loeffler-Institut für Tierschutz und Tierhaltung. Den großen Fortschritten in der Ressourceneffizienz stehen erhebliche Defizite in der Tierhaltung gegenüber. Daraus hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik 2015 Leitlinien für den Tierschutz abgeleitet, die für Schweine unterschiedliche Klimazonen sowie Funktionsbereiche vorsehen – bei einem Verzicht auf Amputationen und der Durchführung von mehr betrieblichen Eigenkontrollen. In der Folge gab es zahlreiche Bemühungen, die Tierhaltung zu verbessern, beispielsweise in Buchten durch die Schaffung einer zweiten Ebene oder dem Angebot von Beschäftigungsmaterial.

Romantische Vorstellung ist nicht erfüllbar

Für die Branche sei es zwingend notwendig, verbesserte Verfahren einzuführen, um wettbewerbsfähig zu sein, wenngleich „agrarromantische Vorstellungen nicht erfüllt“ werden könnten. Bei der Stufe 3 des Tierschutzlabels könnte es sogar schwierig werden, den Verbrauchern die Unterschiede in der Haltung gegenüber biologischer Erzeugung mit deutlich höheren Preisen zu vermitteln.
„Künftig kann es daher sinnvoll sein, mittels Tierwohlindikatoren die besondere Qualität ökologischer Erzeugung auch nachzuweisen“, erläuterte Schubbert, denn durch die Verbesserungen in der Haltung bei konventioneller Erzeugung komme es zu einer gewissen Annährung zwischen den Wirtschaftsweisen.
Zum Thema Fleischersatzprodukte referierte Dr. Claus Deblitz vom Thünen-Institut für Betriebswirtschaft – er ging der Frage nach, welche Fleischersatzprodukte es schon gibt und was künftig zu erwarten ist. „Fleischersatzprodukte zielen auf den Ernährungstypen Fleischesser und nicht auf Vegetarier und Veganer“, berichtete Deblitz. Dabei ist die Hauptantriebsquelle, den Fleischkonsum zugunsten der eigenen Gesundheit zu reduzieren und weniger aufgrund ethischer oder Umweltgedanken.

Wandel zugunsten von Fleischersatzprodukten

Dabei müsse man sich bewusstmachen, dass Fleischersatzprodukte stark verarbeitete Lebensmittel sind. Bestandteile seien z. B. neben pflanzlichem Protein Rote Bete-Saft zum Einfärben und Methylcellulose, um die Form der Produkte zu halten. Noch sei der Markt für Fleischersatzprodukte sehr klein. Mehrere Prognosen erwarten bis 2035 jedoch einen massiven Wandel des globalen Fleischkonsums zugunsten von Fleischersatzprodukten.
„Aus Umweltsicht kommt es darauf an, ob die benötigte Energie aus regenerativen Energiequellen stammt“, hob Deblitz hervor und ergänzte: „Das hat nichts mit Landwirtschaft zu tun, sondern ist ein hochtechnologischer Prozess.“ Wenn die zurzeit noch sehr hohen Preise jedoch sinken, die technologischen Probleme gelöst werden und die Menschen die Produkte akzeptieren, sei es plausibel anzunehmen, dass der Markt für Fleischersatzprodukte künftig beträchtlich wachsen kann.

Mobilställe als Teil
der Fruchtfolge

Mobilställe bei Legehennen sind in der Praxis schon weit verbreitet, aber geht das auch bei Schweinen? Peer Sachteleben gründete im niedersächsischen Belm 2018 einen Betrieb und hält seitdem Bentheimer Schweine in Mobilställen. Die Ställe sind so konzipiert, dass sie ohne große Veränderungen sowohl von ferkelführenden Sauen als auch von Mastschweinen genutzt werden können. Pro Hütte steht den Tieren zudem knapp 1000 m2 Fläche zur Verfügung. Wählt man die Fläche größer, verteilen die Schweine ihre Ausscheidungen zu ungleichmäßig und wenn die Fläche zu klein ist, muss man die Wagen zu oft umsetzen.
Die Mobilställe sind Teil der Fruchtfolge und sollen langfristig auf den gesamten 35 ha rotieren. Der Arbeitsaufwand für das Versetzen hält sich in Grenzen. An einem Tag können alle zwölf Mobile versetzt werden. Sachteleben kann gute Preise in der Direktvermarktung im Handel erzielen, wobei die Kunden vor allem Wert auf die besondere Fleischqualität legen und sich weniger für das ausgefallene Haltungssystem interessieren. Übrigens sind die Mobilställe nicht patentierbar. „Fahrgestell und Stallungen gibt es schon“, so Sachteleben.
Mit dem Vergleich der Inhalations- mit der Injektionsnarkose beschäftigte sich Sabine Heckmann vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Der Vergleich fand im Rahmen des MuD-Projektes Tierschutz statt, an dem auch acht Ökoferkelerzeuger beteiligt waren und deren Erfahrungen über ein ganzes Jahr begleitet wurden. Die Mortalität war bei beiden Verfahren mit etwa 0,5 % in etwa gleich, während sie nach 72 Stunden bei der Injektionsnarkose höher lag, was zur Hälfte an Kümmerern gelegen hat. Bei der Narkose mittels Isofluran dauerte die Nachschlafphase im Schnitt nur vier Minuten und liegt nur bei kleinen Ferkeln etwas höher. Allerdings zeigten sich auch einzelne dieser Ferkel im Verlauf des Tages noch etwas schläfrig.
„Die Verfahren sind auf Augenhöhe“, resümierte Heckmann, sieht aber noch Verbesserungsbedarf. Beispielsweise seien einige Isoflurannarkosegeräte schlecht zu reinigen und auch wenn die Grenzwerte selten überschritten wurden, klagten nicht wenige Anwender nach dem Isofluraneinsatz über leichte Kopfschmerzen. Die Injektionsnarkose zeichnet sich hingegen durch einen höheren Managementbedarf aus.

Improvac muss
zulässig bleiben

Sinje Büttner vom Thünen-Institut für Ökologischen Landbau stellte Versuchsergebnisse zum Improvac-Einsatz bei Saugferkeln vor, die während der dritten und der siebten Lebendswoche behandelt wurden. Während die Skatolwerte durchweg unter dem Grenzwert lagen, überschritten sieben Prozent der Ferkel den Adrostenongrenzwert und wären somit als „Stinker“ einzuordnen. Gegenüber geimpften Mastschweinen erreichten die Ferkel in der Mast vergleichbare biologische Leistungen. Büttner sieht die Improvac-Impfung als „vielversprechenden Ansatz mit weiterem Forschungsbedarf“.
Es besteht aber Klärungsbedarf, inwieweit Improvac nach Inkrafttreten der neuen EU-Bio-Verordnung 2018/848 in der Bioschweinehaltung eingesetzt werden darf. Einzelne Formulierungen deuten darauf hin, dass keine Mittel eingesetzt werden dürfen, die die Fortpflanzung verhindern. Ein bei der Tagung anwesender Vertreter von Zoetis geht jedoch davon aus, dass der Improvaceinsatz rechtskonform bleibt.

Schwachstellen schnell erkennen

Nach Durchführung eines mehrjährigen Projektes zum Tierwohl und zur Tiergesundheit in der Bioschweinehaltung formulierte Ulrike Westenhorst von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen Empfehlungen für Beratung und Praxis.

„Tierwohlchecks zwingen zur regelmäßigen und objektiven Kontrolle des Tierbestandes“, erklärte Westenhorst und man könne damit Schwachstellen aufdecken und komme der Verpflichtung zur Eigenkontrolle nach.

Sie empfahl die Kontrollen halbjährlich zusammen mit einem Berater durchzuführen, wobei man im Laufe der Zeit auf einzelne Bereiche auch verzichten könne, wenn dort keine Probleme aufträten. Mithilfe des Ampelschemas seien Zusammenhänge und Schwachstellen schnell erkennbar. „Das Kennen der eigenen Zahlen ist Basis der eigenen Betriebsentwicklung“, ermunterte Westenhorst die Landwirte. Grundsätzlich müsse man hartnäckig sein und auch häufiger untersuchen. Nicht immer entstünden Probleme da, wo man sie sähe.

Westenhorst verwies zudem auf die Prüfung der Durchflussraten an den Tränken, wo es trotz aller Appelle immer wieder Verbesserungsbedarf gebe. Landwirte, die an dem Projekt mitwirkten, bestätigten ihren Ansatz: „Das Auge wird geschult!“

Futteranalyse zahlt sich aus

Im Rahmen des Projektes „Potenzialanalyse“ identifizierte Leonie Blume von der Universität Kassel die Fütterung als wesentlichen Einflussfaktor auf den Deckungsbeitrag. Anhand von Rationen von über 30 Betrieben zeigte sie auf, dass sowohl eine Überversorgung, beispielsweise in der Endmast, als auch eine Unterversorgung bei ferkelführenden Sauen oder in der Vormast unnötig Geld kostet oder aber nicht bedarfsgerecht ist.

Blume empfiehlt die Untersuchung der Einzelkomponenten, denn bei einer Spannbreite von 8,2 bis 14,2 % beim Rohprotein, beispielsweise bei Weizen, sei dies immer wirtschaftlich. „Die preiswerte NIRS-Analyse reicht aus.“

Vom großen Potenzial heimischer Grünpflanzen berichtete Biolandberater Martin Kötter-Jürß. Mit früh geschnittenen Klee- und Luzernegrassilagen und der Trennung der Halme von den Blättern werden dabei zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt, um deren hohen Rohproteinertrag nutzbar zu machen. Für die getrennte Nutzung der eiweißreichen und faserarmen Blätter fehle es aber noch an einer geeigneten technischen Lösung. Bei der Analyse der Gemenge muss darauf hingewiesen werden, dass das Untersuchungsergebnis für die Fütterung von Schweinen gedacht ist, damit aus den Rohnährstoffen auch die richtigen Werte berechnet werden.

Bioschweine im Thünen-Institut

Das Thünen-Institut für Ökolandbau im schleswig-holsteinischen Trenthorst wird seit 2003 ökologisch bewirtschaftet und seit 2005 werden dort Bioschweine gehalten. Besonders bei den Sauen, aber auch bei den Mastschweinen wurden seitdem zahlreiche Forschungsvorhaben durchgeführt.

Nach einem Brand im Jahr 2018 wurde der Abferkelstall zu großen Teilen neu erbaut und ein neuer Buchtentyp entwickelt. Ziel von Ralf Bussemas, der den Bereich Schweine in Trenthorst leitet, war es dabei, einen geringen Arbeitsbedarf und einen niedrigen Energiebedarf in einer haltungsmäßig optimierten Bucht zu realisieren.

In dieser Bucht besteht mithilfe eines schwenkbaren Bügels die Möglichkeit, sowohl die Sau zu fixieren, als auch die Ferkel abzusperren. Im Winter kann mittels eines Aufsatzfensters die Wärmedämmung verbessert werden, sodass in dem massiven Gebäude nur selten zugeheizt werden muss.

Durch kleine Einsätze innerhalb der Bucht kann die Sau so geleitet werden, dass sie an der gewünschten Stelle abferkelt bzw. sich ablegt. Ein Teil des Ferkelnestes ist von drei Seiten umschlossen, sodass keine Zugluft eindringen kann.

Bei Abmessungen von 2,40 x 3,20 m bietet die Bucht im Stall 7,8 m2 Fläche, sodass zusammen mit dem Auslauf den ferkelführenden Sauen rund 12 m2 zur Verfügung stehen. 11,6 abgesetzte Ferkel je Wurf dokumentieren die Qualität der Bucht, wobei Bussemas mehrmals darauf hinweist: „Der Erfolg einer jeden Bucht hängt maßgeblich vom Management ab.“

Ziel von Versuchen zu Biomastschweinen am Thünen-Institut ist es, die Fütterung ab der Endmast weitestgehend mit betriebseigenen Futtermitteln sicherzustellen. Neben Ackerbohnen enthält die Ration der Versuchsvariante nur Kleegras als Eiweißträger, während in der Kontrollgruppe noch Raps- und Sonnenblumenkuchen eingesetzt werden. Nach ersten noch vorläufigen Ergebnissen erreichten die Schweine der Kleegrasgruppe dabei nur geringfügig geringere Leistungen bei einer etwas niedrigeren Ausschlachtung, sodass Kleegras als Futtermittel für Endmastschweine eine sinnvolle Alternative darstellen kann.