Stallbau

Bioschweine: Stall oder Auslauf?

Aufgelöste Bauweise 4
Christian Wucherpfennig, LWK Nordrhein-Westfalen
am Donnerstag, 21.01.2021 - 08:25

2022 tritt die neue EU-Bioverordnung in Kraft. Das Aktionsbündnis Bioschweinehalter Deutschland veranstaltete dazu eine Tagung, bei der es auch um die Frage ging, was zum Stall und was zum Auslauf gehört und wo die Trennlinie verläuft.

Auf einen Blick

  • Im Jahr 2022 soll die neue EU-Bioverordnung in Kraft treten. Sie stellt die Schweinehalter in einigen Bereichen vor große Herausforderungen.
  • Die neue Verordnung hat auch Auswirkungen auf die Fütterung. So darf im Mischfutter der Anteil der Umstellungsware künftig nur noch 25 % betragen.
  • Im Auslauf der Abferkelbuchten sollte es möglich sein, dass die Ferkel zu Nachbarferkeln nach rund acht Tagen Kontakt aufnehmen können.

Kein Stall gleicht dem anderen

Kein Stall gleicht dem anderen, weil es immer wieder neue Aspekte gibt“, erklärte Götz Daniel vom Ökoring Vers.-und Beratungsring ökol. Landbau im Norden e.V. in seinem Vortrag zu den verschiedenen Haltungsverfahren in der Bioschweinehaltung bei der Online-Tagung des Aktionsbündnisses Bioschweinehalter Deutschland. Bei der neuen EU-Bioverordnung stelle sich erneut die Frage, was mit Stall bzw. mit Auslauf gemeint sei und wo die Trennlinie verlaufe.

Bei der Mast bevorzugt Daniel kleinere Gruppengrößen, damit die Übersicht nicht verloren geht. Durch die Strukturierung der Buchten erschließen sich den Schweinen die einzelnen Funktionsbereiche Liegen, Fressen und Aktivität. Vor allem kann man so steuern, wo die Schweine koten. Geeignet sei hier auch eine aufgelöste Bauweise, bei der die Schweine in einem Bereich fressen und in einem gegenüberliegenden Bereich liegen und dazwischen findet sich ein offener oder teilüberdachter Auslauf. „In diesen Stallsystemen gehen Stall und Auslauf jedoch ineinander über, so dass sich die einzelnen Bereiche nicht voneinander abgrenzen lassen“, hob Daniel hervor.

Verschiedene Konzepte für Abferkelbuchten

Aufgelöste Bauweise 1

Bei den Abferkelbuchten gibt es ebenfalls sehr unterschiedliche Haltungskonzepte. Einzelne Ställe werden als Außenklimaställe mit Liegehütten konzipiert, was jedoch die Tierkontrolle erschwere. Viele auch neuere Buchten leiten sich auch heute noch von der sogenannten Heku-Bucht ab, bei der die Möglichkeit besteht, die Sau kurzzeitig zu fixieren. Der Trog der Sau sollte auch für die Ferkel erreichbar sein. Einzelne Betriebe arbeiten hier mit einer Bodenfütterung. Befindet sich das Ferkelnest am Bediengang, erleichtert dies die Kontrolle der Ferkel, aber erschwert die Übersicht für die gesamte Bucht.Im Auslauf sollte es möglich sein, dass die Ferkel zu Nachbarferkeln nach etwa 8 Tagen Kontakt aufnehmen können, indem sie von Auslauf zu Auslauf schlüpfen. Dann kennen sie sich schon, wenn sie später zusammen aufgestallt werden.

Bei Neubauten für tragende Sauen ist die aufgelöste Bauweise mittlerweile Standard. Zum Ruhen stehen den Tieren wärmegedämmte Hütten zur Verfügung. Am Bediengang finden sich die Fressstände und dazwischen der teilüberdachte Auslauf. Wie bei den Mastschweinen stellt sich die Frage einer klaren Abgrenzung zwischen Stall- und Auslauffläche.

Das Raufutter stets im Auslauf anbieten

Zur Beschäftigung und Sättigung erhalten Bioschweine Raufutter, das aus arbeitswirtschaftlichen Gründen bevorzugt im Auslauf angeboten wird. Wird das in den Auslauf reichende Gitter der Raufe sehr schräg montiert und gleichzeitig eine Beton- aufkantung errichtet, können die Schweine an dieser Stelle nicht koten und aus der Raufe herausfallendes Futter kommt nicht mit Kot in Berührung. Zur Umstellung von zuvor konventionellen Mastställen auf Vollspalten für Großgruppen empfiehlt Daniel eine Buchtenbreite von 2,5 bis 4 m bei einer Länge von maximal 8 bis 9 m, damit die Schweine den Auslauf zum Koten auch aufsuchen.

Christoph Heimann hat heuer zusammen mit seinem Bruder Elmar für rund 200 Sauen neu gebaut und stellte die Stallungen mithilfe eines Films vor. An eine vorhandene Halle schließen sich Stallungen für tragende Sauen und ein Deckzentrum sowie vier langgezogene Gebäude für ferkelführende Sauen und zwei für die Ferkelaufzucht an.

„Es ist für die Eigenschaften und Wirkung eines Auslaufs ein erheblicher Unterschied, wie hoch das Dach des Auslaufs ist“, erklärte Heimann. Daher mache es Sinn, die maximal zulässige Überdachung mit der Höhe des Dachs zu verknüpfen. „Auch bei 100 % Überdachung erfahren die Sauen und ihre Ferkel immer noch ausreichend Klimareize“, meinte daher auch Heimann. Die eingestreuten Ausläufe können mit dem Radlader abgeschoben werden.

Strohmenge ist ein entscheidender Faktor

Dabei ist für Heimann die Menge des eingesetzten Strohs ein entscheidender Faktor. Zu wenig Stroh erschwert das Ausmisten und verschlechtert die Hygiene im Auslauf. Zu viel Stroh kann die Sauen dazu animieren, zu selten den Stall aufzusuchen, was insbesondere in der Säugezeit jedoch erwünscht ist.

In der Abferkelbucht ist das Ferkelnest vom Gang erreichbar und mit einer Deckelheizung versehen. Zwischen dem Ferkelnest und dem Trenngitter zum Schutz vor der Sau gibt es nur einen kleinen Zwischenraum, damit die Sau nahe bei ihren Ferkeln ist. Die Ruhehütten in der Ferkelaufzucht schließen nach oben hin mit einem Metallrost ab, auf dem Strohballen liegen. Diese nehmen die anfallende Feuchtigkeit sehr gut auf.

Einen Überblick über die veränderten Vorschriften der neuen EU-Bio-Verordnung gab Peter Röhrig vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Im Mischfutter darf künftig der Anteil an Umstellungsware nur noch 25 % anstatt wie bisher 30 % betragen. Der Anteil regionaler Futtermittel muss mindestens bei 30 % und um 10 % höher liegen als bisher. „Da in Deutschland regional als Bundesland und angrenzende Bundesländer sowie Provinzen von Nachbarstaaten definiert ist, ist das aber leicht einzuhalten“, erklärte Röhrig.

Ab 2037 nur noch Ökoferkel zu kaufen

Der Einsatz von konventionellen Futtermitteln – bei Bioschweinen hat hier nur Kartoffeleiweiß Bedeutung – ist ab 2022 nur bei Ferkeln bis 35 kg möglich und auch hier bis 2026 begrenzt. Ein endgültiger Ausschluss wird dann von der Verfügbarkeit ökologischer Eiweißfuttermittel abhängig gemacht. Im Auslauf darf der Spaltenanteil künftig bis zu 50 % betragen. Zugekaufte Tiere sollen bis 2037 ausschließlich aus ökologischer Erzeugung stammen. Gegenwärtig dürfen noch im geringen Umfang Sauen für die Remontierung und Zuchteber aus konventioneller Erzeugung bezogen werden. Hinsichtlich der Zulässigkeit der Immunokastration setzt sich der BÖLW für eine Zulässigkeit aller Alternativen zur betäubungslosen Kastration ein.
Kritisch bewertet Röhrig die häufig nicht bestehende Kompatibilität mit dem „horizontalen Recht“, also den Rechtsvorschriften, die für alle Schweinehalter gelten. „Die Abwägung zwischen Emissionsschutz und Tierwohl in der neuen TA Luft und im Baurecht darf eine artgerechte Haltung von Schweinen nicht unmöglich machen“, appellierte er. Auch bei Regelungen zum Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest bedarf es Regelungen, die eine Auslauf- und Freilandhaltung nicht ausschließen. „Liegen die nationalen Regelungen deutlich über den europäischen Vorschriften, benachteiligen wir völlig unnötig die deutschen Bioschweinehalter“, stellte der Experte klar.
Mit ihrem Vortragstitel „Bioschweinehaltung: Möglichkeiten zur Anpassung der EU-Öko-Verordnung an innovative Haltungsmaßnahmen“ machte Elisabeth Bünder vom BMEL deutlich, dass das Wohl des Tieres bei ihr im Vordergrund steht. Änderungen in der schon 2018 verabschiedeten Basisverordnung 2018/848 sind derzeit nicht geplant, so dass Vorgaben zur Unterbringung der Tiere hinsichtlich Bodenbeschaffenheit und Einstreu, zur Gestaltung des Auslaufs und zur Fütterung erst einmal „gesetzt“ sind. Insofern gilt zunächst weiter die Vorgabe, dass Freigelände, die offizielle Bezeichnung des Auslaufs, nur teilweise überdacht sein darf.

An Kompromissen kann noch gearbeitet werden

Dagegen hat die EU-Kommission zugesagt, die kürzlich verabschiedeten Durchführungsvorschriften (EU-Bio-Verordnung 2020/464) zu diskutieren und mit Hilfe von Experten Lösungen zu finden, um innovative Haltungsverfahren zu ermöglichen. Gegenwärtig seien für einzelne Bereiche aber gute Kompromisse für die deutschen Bioschweinehalter gefunden worden. „Schwierigkeiten bereiten die Begriffe „indoor“ und „outdoor“, die ins Deutsche mit Stallinnenfläche und Freigelände übersetzt wurden“, sagte Bünder. Ihrer Ansicht nach gebe es keine Möglichkeit, eine kleinere Stallfläche durch eine größere Außenfläche zu kompensieren. „Andererseits hat die Kommission erklärt, dass sie innovativen Schweinehaltungssystemen, die keine klare Trennung zwischen Innen- und Außenflächen zulassen, Rechnung tragen möchte.“
Der Vorschlag, in der Ferkelaufzucht bis zu 35 kg zwei Zwischengrößen für die Platzvorgaben – z. B. bis 20 kg und von 20 bis 35 kg – zu definieren werde von Praxis und Beratung einhellig gewünscht. „Hier können wir mit konkreten Vorschlägen für den Platzbedarf in diesen Kategorien auf die EU-Kommission zugehen“, schlug die Expertin vor.
Die Beratung der einzelnen Themen erfolgt unter anderem in der KTBL-Arbeitsgruppe Ökologische Schweinehaltung, an der auch Praktiker beteiligt sind. Über Dossiers mit konkreten Vorschlägen und auf Grundlage einer Abstimmung mit weiteren Mitgliedsstaaten können Änderungen und Konkretisierungen von Vorgaben der EU-Bioverordnung in Angriff genommen werden.

Immunokastration auch für Bioschweine?

„Die Immunokastration liegt der Ministerin sehr am Herzen – auch, dass das Verfahren für ökologische Haltung genutzt werden kann“, so Bünder. „Manchmal findet man juristische Formulierungen, die noch etwas möglich machen, wie auch bei den Umstellungsfuttermitteln, was zunächst ausgeschlossen schien“, betonte sie. Die Meinungsbildung zur Immunokastration innerhalb der EU-Kommission sei vor einigen Jahren erfolgt und vielleicht müsse man sie noch einmal neu starten. Konkrete Anpassungen der EU-Bioverordnung erwartet Bünder aber nicht mehr für 2021.
Einen Einblick in den Umgang der niederländischen Bioschweinehalter mit der neuen EU-Bioverordnung gab Bennie Rupert von Reudink Biofutter. „Bei Sauen sehen wir keine Probleme und bei der Mast empfehlen wir eine Aufteilung in drei Phasen, um Kartoffeleiweiß bei jungen Tieren noch etwas einsetzen zu können“, berichtete Rupert. Biosoja werde als Eiweißträger noch wichtiger und bei Biogetreide seien hohe Proteingehalte anzustreben.
Für die häufig hohen Spaltenanteile in den Ausläufen gibt es eine Übergangszeit von acht Jahren, bei Neubauten müsse der maximale Spaltenanteil von 50 % sofort umgesetzt werden. Bei einer Vermarktung an das Schlachtunternehmen De Groene Weg – dort werden die meisten niederländischen Bioschweine verarbeitet – ist den tragenden Sauen im Sommer Weidegang anzubieten.
Die in den Niederlanden bestehende Aufkaufregelung für Schweine gilt auch für Biobetriebe, so dass sich die Zahl der Bioschweine in diesem Jahr um etwa 5 % verringert hat. Die Schlachtzahlen werden sich im kommenden Jahr aber auf dem Niveau von 2020 bewegen, weil Neu-Umsteller und bessere Leistungen dies kompensieren. Auch in den Niederlanden ist es nicht einfach Baugenehmigungen zu bekommen, so dass auch deshalb viele Interessierte letztlich nicht umstellen. Dabei wird das geschlossene System mit etwa 70 bis 150 Sauen im Familienbetrieb favorisiert. Bei Trennung von Ferkelerzeugung und Mast darf der Transport der Ferkel maximal eine Stunde betragen.
Die neue EU-Bioverordnung ist für Bioschweinehalter in einigen Bereichen eine Herausforderung. Der intensive Diskussionsprozess Anfang 2020 zeigte aber auch, dass auf Beschlüsse der EU Einfluss genommen werden kann, wenn gute Argumente vorliegen. Hier haben die Bioschweinehalter heuer die Gelegenheit, diesen Prozess fortzusetzen und gute Lösungen für Tierwohl und Landwirte zu finden.