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Großraubtiere und Weidehaltung

Bioland für Entnahme übergriffiger Wölfe und Beweislastumkehr

Wolf im Wald
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Freitag, 29.04.2022 - 18:08

In einem Positionspapier zu Wolf und Weidetieren kommt der Ökoanbauverband auf den wunden Punkt. Der Zielkonflikt ist nur unzureichend gelöst. Der Änderungsbedarf reicht bis nach Brüssel.

Der Wolf ist zurück und die Population nimmt stetig zu. Damit wächst der Druck auf die Weidetierhaltung.

In einem Positionspapier hat der Ökoanbau-Verband Bioland die aktuelle Situation analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass für den Ökolandbau und auch den Naturschutz sich ein wachsender Zielkonflikt zwischen Biotopschutz und Tierwohl durch möglichst großflächige Weidehaltung einerseits und dem Artenschutz einzelner Tierarten wie dem Wolf andererseits ergibt.

Davon besonders betroffen sind Öko-Landwirte mit ihrer extensiven und naturnahen Weidehaltung. Die Angriffe auf die Herde haben dabei vielerlei Folgen, die vom reinen wirtschaftlichen Verlust gerissener Tiere bis zur Traumatisierung überlebender Tiere in der Herde reichen.

Existenzgefährdendes Ausmaß

Der überwältigende Anteil der Wolfsangriffe erfolgt auf Schafe und Ziegen. Damit sind besonders viele Schäfer und Ziegenhalter um die Sicherheit ihrer Herde besorgt. Es kommt aber vermehrt auch zu Angriffen auf Rinder, insbesondere Kälbern. Insgesamt steigt mit der Anzahl der Wölfe auch die Anzahl der Angriffe auf Nutztierherden.

Die in den offiziellen Statistiken aufgeführten Zahlen zeigen nach Einschätzung von Bioland allerdings nicht die existenzbedrohende Herausforderung, welche der Umgang mit dem Wolf für die betroffenen Landwirte darstellt. Besonders für Schäfer, Ziegen- und Rinderhalter mit Herden in extensiver Weidehaltung, also besonders tiergerechten und naturverträglichen Formen der Landnutzung, können die aktuellen Entwicklungen existenzgefährdende Ausmaße annehmen.

Entnahme muss rechtssicher verankert werden

Um zu verhindern, dass zahlreiche Weidehalter aufgeben müssen und damit Weidebiotope verschwinden, müssen neben Aspekten des Wolfs- und Artenschutzes sowohl die wirtschaftlichen als auch die emotionalen Beeinträchtigungen betroffener Weidetierhalter eingehend berücksichtigt werden, gibt der Verband zu bedenken. Daraus leitet er einige Forderungen ab. Dazu zählen:

  • Übergriffige Wölfe müssen entnommen werden.
  • Bei einem weiterhin anhaltenden Wachstum der Wolfsbestände muss der Schutzstatus des Wolfes in Deutschland und der EU zeitnah überprüft werden. Hierzu wäre eine Überführung des Wolfs aus Anhang IV in Anhang V Artikel 16 der FFH-Richtlinie genauso notwendig, wie eine Anpassung des Bundesnaturschutzgesetzes und des entsprechenden EU-Rechts.
  • Offene Weidelandschaften sollen erhalten bleiben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass wolfsabweisende Zäune auch wildtierabweisende Zäune sind und dass solche Zaunanlagen das Landschaftsbild stark beeinträchtigen können.
  • Eine Entschädigung von Wolfsangriffen muss auch den zusätzlichen Arbeitsaufwand wie z.B. die bürokratische Abwicklung oder das Einfangen in Panik entlaufener Weidetiere nach einem Wolfsübergriff umfassen; ein Rechtsanspruch der Tierhalter auf diese Entschädigung muss rechtlich verankert werden.
  • Herdenschutz darf nur dort Voraussetzung für einen Schadensausgleich sein, wo eine angemessene Förderung etabliert und entsprechende Übergangsfristen bestehen. Bei Großwiederkäuern und Pferden sind keine über die gute fachliche Praxis der normalen Einzäunung hinausgehende Herdenschutzmaßnahmen zu verlangen.
  • Umkehr der Beweislast: Kompensationszahlung müssen auch erfolgen, wenn der Wolf als Schadensursache nicht abschließend ausgeschlossen werden kann.
  • Pauschale staatlich finanzierte Haftung für Weidetierhalter in Wolfsgebieten für durch flüchtende Weidetiere verursachte Schäden (z. B. Verkehrsunfälle); in Wolfsgebieten muss die Grundannahme gelten, dass der Wolf die Fluchtursache ist.
  • Präventive Vergrämung in Wolfsgebieten ist zu ermöglichen. Es muss geregelt werden, in welcher Form Tierhalter und Jäger selbständig und rechtssicher Wölfe bei Annäherung an ihre Herden verscheuchen und vergrämen können.
  • Bestimmte Schutzkonzepte wie Herdenschutzhunde und besondere Zäune sind nicht bei allen Tierarten (z.B. Großwiederkäuer, Pferde) und in allen Gebieten möglich. Solange keine wirksamen und praktikablen Konzepte für den Herdenschutz in Gebieten mit Weidetierhaltung oder in Gebieten mit besonderer Funktion (z.B. Landschaftspflege, Küstenschutz/ Deiche, Gebiete mit Wanderwegen auf Weideland, insbesondere Almen/Alpen, Gebiete mit hohem Touristenaufkommen) zur Verfügung stehen, muss der Wolf aus diesen Regionen ferngehalten und entnommen werden.

Forderungen sind deckungsgleich mit konventionellen Betrieben

Aus dem Positionspapier lässt sich entnehmen, dass die Forderungen der Weidehalter - egal ob es sich um Öko- oder konventionelle Betriebe handelt - ziemlich deckungsgleich sind. Dabei kommen vor allem folgende Punkte zum Tragen.

  • Ein Zielkonflikt zwischen einer sich ausdehnenden Wolfspopulation und der ökologisch gewollten Weidetierhaltung ist definitiv gegeben.
  • Der derzeit propagierte Herdenschutz stößt durch die hohe Anpassungsfähigheit des Wolfes an Grenzen und verlagert das Problem einseitig zum Tierhalter.
  • Es braucht ein aktives Wolfsmanagement. Darin müssen Entnahmemöglichkeiten rechtssicher verankert sein.
  • Eine territoriale Ausbreitung des Wolfes ist nicht grenzenlos möglich.
  • Die Einstufung des Wolfes über die FFH-Richtlinie entspricht nicht mehr der Populationsentwicklung.

Positionspapier von Bioland zum Wolf