Weidehaltung

Ein bayerisches Rumänien?

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Michael Ammich
am Freitag, 02.11.2018 - 12:18

Ein Verein will großflächige Beweidung als zentrale Strategie für den Schutz von Natur und Landschaft wieder in Politik und Gesellschaft verankern.

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Der Verein zur Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands möchte „die großflächige und extensive Beweidung als zentrale Strategie für den Schutz von Natur und Landschaft wieder in Politik und Gesellschaft verankern“. Die Frage, weshalb die Bauern in Mitteleuropa diese Form der Viehhaltung weitestgehend aufgegeben haben, spielt in den Überlegungen des Vereins offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen präsentierte Dr. Alois Kapfer in seinem Vortrag Bilder aus den vergangenen drei Jahrhunderten und aus dem heutigen Rumänien mit schlecht bezahlten Hirten, die das Vieh zur naturnahen Beweidung in die Landschaft treiben.

Gerne möchte man das Geschrei der modernen Zeitgenossen in unseren Dörfern hören, wenn morgens um Sechs die Rinder durch die Straßen getrieben werden, auf denen anschließend ein Kothaufen nach dem anderen liegt. Gerne würde man auch die Bäuerin oder den Bauern sehen, der einen Hirten findet, der seine 80 Rinder zum staatlich garantierten Mindestlohn täglich nach dem Melken aus dem Stall zu den Magerrasen und Moorweiden treibt und abends wieder zurück führt. Und gerne möchte man auch die vielen Verbraucher finden, die bereit sind für diese naturnahe Weidemilch, sofern sie sich flächendeckend etabliert hat, einen kostendeckenden Preis zu bezahlen.

Bliebe also noch die naturnahe Weidehaltung von Fleischrindern, sicher eine Möglichkeit und Nische für einzelne bäuerliche Spezialisten, die das häufige Herumfahren ihrer Tiere mit dem Viehanhänger oder Viehtransporter nicht fürchten und mit festen Fleischabnehmern kalkulieren können. Zumindest Letzteres sollte ja kein Problem sein, nachdem die Naturschützer den Bauern bei der naturnahen Weidehaltung ihre Unterstützung zusagen, was auch immer das bedeuten mag.

Keine Frage – wir alle erfreuen uns an urwüchsigen Natur- und Kulturlandschaften mit einer reichhaltigen Flora und Fauna. Unseren vom beschleunigten Alltagsgetriebe der Hochleistungsgesellschaft geplagten Seelen schmeichelt der Anblick von Rindern, die frei und gelassen auf blühenden, von Schmetterlingen und anderen Insekten durchgaukelten Flächen grasen. Aber sind wir auch bereit, diese aufwändige Art der Viehhaltung über unser Einkaufsverhalten oder die steuerliche Förderung durch Prämien zu bezahlen?

Auf der anderen Seite: Sind die bäuerlichen Familien bereit, sich neben den von der Gesellschaft kritisierten Subventionen auf weitere „Almosen“ einzulassen? Der Traum vieler Naturschützer wäre es sicherlich, die Bäuerinnen und Bauern mit Fördergeld zu ködern und sie von noch halbwegs freien Unternehmern zu Erfüllungsgehilfen naturschutzfachlicher Anliegen zu machen.

Nichts spricht gegen eine naturnahe Weidehaltung, aber sie muss sich wirtschaftlich aus sich selber tragen – wie im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Andernfalls ist sie nur ein weiteres Teilchen im Naturschützer-Puzzle einer subventionierten bäuerlichen Landwirtschaft, die in erster Linie nicht der Produktion von Lebensmitteln, sondern dem Arten-, Biotop- und Klimaschutz dienen soll.

Was auf einzelnen ökologisch wertvollen Flächen durchaus zweckmäßig sein kann, lässt sich heute schon aus arbeitswirtschaftlichen und produktionstechnischen Gründen kaum mehr auf großflächige Natur- und Kulturlandschaften übertragen. Oder anders gesagt: Die Bauern wussten schon, weshalb sie seit dem Mittelalter „die großflächige und extensive Beweidung als zentrale Strategie für den Schutz von Natur und Landschaft“ schrittweise und dann fast vollständig aufgegeben haben.