Tiergesundheit

Antibiotikaverbot: Tierärzteverband bittet Politiker um Klarstellung

Tierarznei
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 06.09.2021 - 12:19

Konkret will der Verband von Baerbock, Habeck, Laschet und Söder wissen, wie sie sich zum EU-Antibiotikaverbot positionieren.

Das Europaparlament entscheidet im September, ob vier für die Human- und Tiermedizin gleichermaßen wichtige antibiotische Wirkstoffklassen für die Behandlung von Tieren verboten werden sollen.

Aus Tierarztsicht drohen nach Aussage des Verbandes gravierende Folgen für die Gesundheitsversorgung von Klein-, Heim- und Nutztieren sowie Pferden. Bestimmte Krankheiten könnten dann nicht mehr behandelt werden. Deutsche Europaabgeordnete würden in der Vorbereitung und Unterstützung des Verbotsantrags eine wichtige Rolle spielen. Sie würden, so der Vorwurf des Tierärzteverbandes, sich dabei gegen einen wissenschaftsbasierten Regulierungsvorschlag der EU-Kommission positionieren – und auch gegen Positionen ihrer eigenen Parteien.

Klarstellung der Position ihrer Parteien gefragt

Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) bittet deshalb die Bundesvorsitzenden von CDU, Armin Laschet, und CSU, Dr. Markus Söder, sowie von Bündnis 90/Die Grünen, Annalena Baerbock und Robert Habeck, um eine Klarstellung der Position ihrer Parteien im Vorfeld der finalen Abstimmung im Europäischen Parlament. Dazu stellt bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder den Parteivorsitzenden folgende Fragen:

  • „Unterstützen Sie den von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) erarbeiteten, wissenschaftsbasierten Kriterienkatalog der EU-Kommission, der die im internationalen Vergleich weitreichendste rechtliche Regulierung des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermedizin darstellt?
  • Oder unterstützen Sie den Gegenantrag, der vorsieht, dass vier – für die Human- und Tiermedizin gleichermaßen wichtige – antibiotische Wirkstoffklassen für die Tiermedizin verboten werden sollen?"

Die Sorge der Tierärzte lautet, dass wenn der Verbotsantrag angenommen werde, das dazu führen könne, dass kranke Klein-, Heim- und Nutztiere sowie Pferde nicht mehr behandelt werden könnten. Diese Tiere müssten im Zweifelsfall sogar euthanasiert werden, weil bei bestimmten Indikationen die erforderlichen Tierarzneimittel nicht mehr zur Verfügung stehen, so Moder.

bpt will Klarstellung zu Aussagen von Abgeordneten

Eine Klarstellung der Parteivorsitzenden ist aus bpt-Sicht notwendig, weil deutsche EU-Abgeordnete sich bei diesem Thema gegen Parteipositionen stellen würden. Dazu nennt der Verband drei Beispiele:

  • So habe Bündnis 90/die Grünen auf bpt-Anfrage zum Thema EU-Antibiotikaregulierung Mitte August geantwortet:„Um Antibiotika gezielt einzusetzen und Resistenzen zu vermeiden, sollen vorrangig kranke Einzeltiere behandelt werden. Reserveantibiotika sollen der Humanmedizin vorbehalten werden, wobei kranken Tieren natürlich gezielt geholfen werden muss. Das deckt sich mit Empfehlungen der EMA, bestimmte Kategorien bei Tieren nur dann zum Einsatz kommen zu lassen, wenn die öffentliche Gesundheit sonst gefährdet ist.“
    Der Verbotsantrag im Europaparlament würde aber federführend vom Grünen EU-Abgeordneten Martin Häusling aus Hessen initiiert. Dieser Antrag weise die EMA-Empfehlungen als „unzureichend“ zurück.
  • Auch bei der CDU/CSU gebe es abweichende Positionen. Die offizielle Parteiantwort auf eine bpt-Anfrage laute: „CDU und CSU unterstützen diesen Ansatz (Anmerkung bpt: die Kriterien der EMA). Reserveantibiotika sind Arzneimittel der letzten Wahl und werden verabreicht, wenn sonst nichts mehr wirkt. Die Reserveliste muss aber wissenschaftlich fundiert sein. Es darf nicht zu einem Therapie-Notstand in der Tiermedizin kommen, denn auch kranke Tiere müssen behandelt werden können.“
    Der Verbotsantrag könne im ENVI-Ausschuss des EU-Parlaments aber nur eine Mehrheit erreichen, weil sich die Abgeordneten der EVP-Fraktion, zu der CDU/CSU gehören, mehrheitlich enthielten.
  • Auch der CDU-Politiker Dr. Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, habe sich enthalten. Er bestätige zwar die Sorge der Tierärzte vor gravierenden Folgen bis hin zur Euthanasie. Der Humanmediziner werde in der Westfalenpost vom 21. August 2021 wie folgt zitiert (Passage aus dem Artikel): „Die Frage ist doch: Muss man vielleicht bei einem Tier auf die bestmögliche Behandlung verzichten – oder will man riskieren, dass auch Menschen sterben, weil auch diese Antibiotika irgendwann ihre Wirkung verlieren?“ Liese habe diese Frage laut bpt für sich beantwortet: Reserveantibiotika sollen dem Menschen vorbehalten werden – bei der Behandlung von Tieren müsse dann versucht werden, mit normalen Antibiotika zurecht zu kommen: „Im allerschlimmsten Fall muss es eingeschläfert werden. Das ist natürlich hart.“