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Tierarznei

Antibiotikaabgabe sinkt stärker als Nutztierbestand

Spritze
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 08.08.2022 - 13:40

Die Gesamtmenge der an Tierärzte abgegebenen Antibiotika hat sich 2021 gegenüber dem Vorjahr um 100 Tonnen verringert. Das ist ein Minus von 14,3 %. Das Bundeslandwirtschaftsministerium vermutet als Ursache die rückläufigen Nutztierbestände - liegt damit aber nicht so ganz richtig.

Rinder und Schweine

Die Abgabemenge betrug 2021 noch 601 Tonnen. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 14,3 Prozent. Betrachtet man den Zeitraum seit Beginn der Erfassung, im Jahr 2011, ist die abgegebene Antibiotikamenge sogar um 65 Prozent gesunken.

Da die Mehrzahl der betreffenden Tierarzneimittel für mehrere Tierarten zugelassen ist, können die Medikamente nicht einzelnen Tierarten zugeordnet werden. Das heißt, in die Gesamtmenge gehen an Haus- und Nutztiere applizierte Mengen ein. Das ist bei der Gesamtbetrachtung zu berücksichtigen.

Abgegebene Menge korreliert nicht unmittelbar mit Nutztierbestand

Antibiotika

Als Grund für die gesunkene Abgabemenge gibt das Bundeslandwirtschaftsministerium den Rückgang der Tierzahlen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung, insbesondere bei Schweinen, an.

Diese Annahme ist aber zu kurz gegriffen. Zwar ging die Zahl der Schweine gegenüber dem Vorjahr um 9,1 % zurück, was einen Teil der 14,3 % erklären würde. Aber ein Blick in die Zeitreihe offenbart dann doch sehr Widersprüchliches. So stiegen in den Jahren 2012 und 2014 die Schweinebestände gegenüber dem jeweiligen Vorjahr an, die abgegebene Antibiotikamenge zeigte sich davon aber unberührt. Sie ging in diesen Jahren sogar kontinuierlich zurück. Das heißt, das Auf- und Ab in den Nutztierbeständen bildet die abgegebene Antibiotikamenge nicht ab.

Bei Betrachtung längerer Zeitreihen, erweist sich damit die Vermutung des Bundeslandwirtschaftsministerium als Eintagsfliege. Nimmt man den gesamten Zeitraum von 2011 bis 2021, dann stehen laut Viehzählung 27.402.500 Schweine (2011) 23.762.300 Tieren (2021) gegenüber. Das sind rund 13 % weniger Tiere. Der Rückgang der Abgabemenge belief sich in diesem Zeitraum auf 65 %. Bei dieser doch sehr vagen Korrelation scheint wohl eher der Wunsch, den Antibiotikaeinsatz vor allem bei den Schweinhaltern zu verorten, der Vater des Gedankens zu sein. Die Realtität sieht etwas anders aus.

Der Großteil des Rückgangs muss sich also aus anderen Quellen speisen. Am besten trifft noch die Aussage zu, die Tierärzte gehen mit Antibiotika, egal ob sie es bei Nutz- oder Haustieren einsetzen, etwas sorgsamer um. Im Schnitt ging zudem die pro Tier eingesetzte Menge zurück.

Bei sensiblen Antibiotika niedrigste Stand erreicht

Als erfreulich bezeichnet das Ministerium die abgegebenen Mengen der für die Therapie beim Menschen kritisch wichtigen Fluorchinolone, Cephalosporine der 3. und 4. Generation und für Colistin auf den jeweils niedrigsten Wert seit 2011 sanken. In Zahlen:

  • Die Abgabemenge der Fluorchinolone ist im Vergleich zum Vorjahr um ca. 0,8 Tonnen auf 5,6 Tonnen gesunken, das entspricht einer Reduktion von rd. 13 Prozent;
  • die der Cephalosporine der 3. und 4. Generation auf 1,2 Tonnen (minus 0,098 Tonnen bzw. minus 7,7 Prozent).
  • Für Polypeptid-Antibiotika (hierbei handelt es sich überwiegend um Colistin) ist die Abgabemenge ebenfalls gesunken (Ge­samtmenge im Jahr 2021 rund 51,3 Tonnen, minus 8,8 Tonnen bzw. minus 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr).

Peni­cilline und Tetrazykline stellen den Hauptanteil

Wie in den Vorjahren stellen Peni­cilline und Tetrazykline den Hauptanteil der abgegebenen Antibiotika dar. Bei diesen Wirkstoff­klassen ist im Vergleich zum Vorjahr eine Reduktion um rund 43 Tonnen (Penicilline) bzw. um rund 23 Tonnen (Tetra­zykline) im Vergleich zum Vor­jahr zu verzeichnen. Bei den Sulfonamiden beträgt der Rückgang im Vergleich zum Vorjahr 1,7 Tonnen.

Hinweis: Seit dem Jahr 2011 sind pharmazeutische Unternehmen und Großhändler gesetzlich dazu verpflichtet, die Mengen an Antibiotika, die jährlich an Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland abgeben werden, zu melden - direkt an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).