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Stallumbau

Vom Anbinde- zum Laufstall: Umbau als Puzzlespiel

MR-Stallansicht-Tiefboxen
Franz Galster, Max Riesberg
am Freitag, 04.03.2022 - 09:50

Maximales Tierwohl, flexible Arbeitsabläufe durch kluge Technik und all das auf beengtem Raum: Familie Kohlmann machte sich viele Gedanken beim Umbau ihres Milchviehstalls. Dann fügte sich eines zum anderen und das Konzept passt.

Auch im oberfränkischen Rosenbach im Landkreis Forchheim hat man in einen neuen Milchviehstall investiert und ist glücklich, wie es jetzt läuft. Jungbauer Sebastian Kohlmann hat im Jahr 2020 zusammen mit seiner Frau Christine den elterlichen Betrieb übernommen.

Für das Paar war es keine Frage, den mittelständischen landwirtschaftlichen Familienbetrieb in 14. Generation weiterzuführen. Dabei ist die Milchviehhaltung seit jeher ein fester Bestandteil, den man auch in die Zukunft weiterführen möchte. Denn Kohlmanns arbeiten nicht nur mit und für ihre Tiere, sie liegen ihnen auch besonders am Herzen.

Große Arbeitsbelastung durch Vielfältigkeit

MR-Spaltensauger

Der Betrieb ist jedoch alles in allem sehr breit aufgestellt, denn neben der Milchviehhaltung und der Bewirtschaftung des Grünlands sowie der Sonderkulturen (z. B. Meerrettich), betreibt man Acker-, Wald- und Obstbau, hält Legehennen in Mobilställen und ist mit der hofeigenen Milchtankstelle zusätzlich noch in die Direktvermarktung eingestiegen.

Die Arbeit geht also so schnell nicht aus auf dem Vollerwerbsbetrieb in der Marktgemeinde Neunkirchen am Brand. Umso wichtiger ist es, dass die Sache im neuen Kuhstall rundläuft und das tut sie allen Anschein nach.

Das Altgebäude auch weiterhin nutzen

Der noch verhältnismäßig junge Anbindestall aus dem Jahr 1990 für 30 Milchkühe und deren Nachzucht ist die Grundlage für die Planung und das Herzstück des neuen Laufstalls. „Wir wollten die Bausubstanz unbedingt erhalten und weiter nutzen“, beschreibt Sebastian Kohlmann das klare Ziel vor der Bauplanung.

Ein kompletter Neubau sei auch aufgrund der räumlichen und finanziellen Grenzen nicht zu realisieren gewesen. „Hinzu kommt, dass wir von der Größe her so bleiben und das System nicht ausreizen wollten“, ergänzt der 33-jährige Familienvater.

Familie-Kohlmann-Außenfuttertisch_MR

Man entschied sich also für einen kompletten Umbau des bestehenden Stallgebäudes. Die Planung erfolgte Schritt für Schritt und dabei kam dem Tierwohl sowie der Arbeitseffizienz der größte Stellenwert zu. „Doch auch wir mussten auf dem Weg zur idealen Lösung erst eine Menge lernen“, betont Christine Kohlmann.

„Zunächst konnten wir uns mit dem empfohlenen Konzept der Fressliegeboxen nicht wirklich anfreunden, sahen aber aufgrund der Enge keine andere Lösung, bis uns ein Berater der Melktechnikfirma die Augen öffnete. Denn im freitragenden Stallgebäude konnte eine Doppelreihe mit Liegeboxen, kombiniert mit einem Futterband optimal realisiert werden. Und auf der Südseite des Gebäudes war noch genug Platz für einen Anbau, in dem ein Melkroboter Platz hat“, schildert sie. Damit sei die wichtigste Entscheidung in der Planung schließlich gefallen.

Die Verbindung bzw. Integration der beiden Laufhöfe schaffte zudem mehr Freiraum für die Fleckviehdamen der Familie Kohlmann. „Es fügte sich eines zum andren, wie bei einem Puzzlespiel“, berichtet die Junglandwirtin weiter.

Mehr Bewegungsfreiraum dank Futterband

MR-Futterband

Das Herzstück des Stalls sind nun die 30 Tiefboxen mit Kalk-Stroh-Matratze, die mit der flexiblen Cow-Welfare-Aufstallung ausgestattet sind. Im Außenbereich stehen weitere fünf bzw. zehn Liegeplätze zur Verfügung.

Der schmale Futtertisch mit dem 90 cm breiten „feed-Star“-Futterband, auf einer Länge von 34 m, wurde an die nördliche Außenmauer des Gebäudes verlagert, sodass den Tieren deutlich mehr Bewegungsraum zur Verfügung steht. Beschickt wird das Futterband täglich. Der Futterrest wird automatisch abgeräumt und dem Jungvieh vorgelegt. Das Futterband fährt in einer Höhe von 25 cm. Die Barrenwand ist genau 0,5 m hoch.

Die planbefestigten Flächen wie den Fressgang mit einer Breite von 3,5 m und den Laufgang mit einer Breite von 2,5 m sowie die beiden Laufhöfe werden von einem automatischen Güllesauger-System gereinigt.
„Wir sind sehr froh, dass es diesen Roboter gibt, den wir mindestens dreimal am Tag auf vier verschiedenen Routen fahren lassen und der uns eine wahnsinnige Arbeitserleichterung bringt“, berichtet Christine Kohlmann zufrieden. Der Sauger entleert sich dabei vollautomatisch über einem Abwurfschacht in den Güllekanal.
Die Laufhöfe, wo auch die Kuhbürste installiert wurde, sind den Tieren 24 Stunden am Tag zugänglich und es befindet sich dort auch ein Außenfuttertisch, wo z. B. Heu zugefüttert werden kann. Die TMR für die laktierenden Kühe ist auf 21 l Milchleistung ausgerichtet. Zudem erhalten die Kühe über den Melkroboter leistungsbezogen maximal 5 kg Kraftfutter.

Auch eine großzügige und ausgiebig mit Stroh eingestreute Abkalbebucht gibt es im neuen Stall der Kohlmanns. Für beste Lichtverhältnisse sorgen 24 LED-Röhren im Innenbereich, die von 6 bis 22 Uhr angeschaltet sind. Und selbst der Außenbereich kann zusätzlich ausgeleuchtet werden.

Umbau im Akkord und in zwei Bauabschnitten

Im August 2021 begann man mit den Umbaumaßnahmen. Letzten Endes wurde der ganze Stall in zwei Abschnitten entkernt und das Projekt in zwei nacheinander folgenden Bauabschnitten umgesetzt. Die logistische Herausforderung bestand darin, dass die Milchkühe auf der einen Hälfte des alten Stalles versorgt werden mussten. Anschließend zogen sie in den neuen Teil um und die zweite Stallseite wurde in Angriff genommen. In der beachtlich kurzen Zeit bis Dezember 2021 war der modernisierte Stall dann komplett bezugsfertig.

Behornte Tiere sind kein Problem

MR-Melkroboter

Der umgebaute Stall bietet jetzt Platz für 42 Milchkühe. Dass ein Teil der Herde behornt und der andere hornlos ist, sei wieder dem Abraten einiger Berufskollegen, „bislang überhaupt kein Problem“, wie Kohlmanns versichern.

Der vor dem Umbau etwas reduzierte Kuhbestand soll nun sukzessive wieder aufgestockt werden. Das Jungvieh wurde ausgelagert. Die kompletten Investitionskosten belaufen sich auf rund 330.000 € netto.

„Wir sind froh, dass wir diesen Schritt gegangen sind und dass sich das Puzzlespielen bei der Stallplanung gelohnt hat. Schließlich ergab Eines das Andere. Und was daraus geworden ist, macht uns Freude bei der Arbeit und tut unseren Tieren gut“, sind sich Sebastian und Christine einig.

Der Melkroboter liefert ihnen wichtige Daten für das Herdenmanagement. „Wir wissen nun eigentlich alles rund um die Milch, von der Menge, über die Inhaltsstoffe bis hin zur Zellzahl. Zudem können wir bei einer anstehenden Brunst oder Auffälligkeiten bei der Eutergesundheit schneller reagieren“, zählt Christine Kohlmann einige Vorteile der „intelligenten Technik“ auf, die ihr sichtlich Spaß machen.
„Und unsere Kühe haben sich schnell an den Melkroboter gewöhnt. Nach fünf Tagen mussten wir nur noch unsere vier alten Ladies holen und selbst die hatten dann nach rund vier Wochen den Dreh raus. Auch die Erstlaktierenden ließen sich nach dem Kalben problemlos einmelken “, erzählt die Betriebsleiterin erleichtert.

Das Bedienen der Technik ist keine Zauberei

Auch die Austragsbauern Veronika und Franz freuen sich über die Arbeitserleichterung, helfen tatkräftig mit und freunden sich nach und nach mit der modernen Technik an.
„Am Ende des Tages ist das Bedienen des Roboters, des Güllesaugers oder des Futterbandes zumindest hinsichtlich der Grundeinstellungen ja keine Zauberei und bringt uns deutlich mehr Flexibilität am Hof“, sind sich Christine und Sebastian Kohlmann bewusst.
„Vor allem im Sommer, wo die Sonderkulturen viel Zeit in Anspruch nehmen, sind wir beispielsweise nicht mehr an feste Melkzeiten gebunden“, meint das junge Betriebsleiterehepaar und hofft künftig auf weniger Stress und ein Stückchen mehr Lebensqualität für die gesamte Familie.