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Seltene Rassen

Alte Hühnerrasse neu beleben

Dorking-Hühner sind die älteste bekannte Hühnerrasse. Der weiße Farbschlag ist sehr selten.
Helga Gebendorfer
am Freitag, 11.11.2022 - 07:15

Landwirt Hans Dichtl züchtet seltene Dorking-Hühner in Niederbayern. Er will damit den Bestand der vom Aussterben bedrohten Geflügelrasse sichern.

Die Dorking-Hühner sind meine Leidenschaft“, stellt Hans Dichtl aus Heiligenstadt im Landkreis Kelheim fest. Der 63-jährige ist aktuell stolzer Besitzer von 35 Tieren der vom Aussterben bedrohten und zugleich ältesten Hühnerrasse. „Sie gefallen mir, sind groß, sehr fidel und legen jährlich bis zu 160 Eier“, beschreibt der Hobbyzüchter. Für ihn sei es die ideale Zweinutzungsrasse. Der Nachteil sei dabei: die Tiere sind sehr brutfreudig und legen in dieser Phase keine Eier.

Direktvermarktung statt Milchvieh und Sauen

Ein Prachtexemplar von Gockel: Stolz präsentiert Hans Dichtl seinen weißen Dorking-Hahn. Ein solcher wiegt bis zu 4,5 Kilo.

Hans Dichtl ist gelernter Landwirt und übernahm den Betrieb seiner Eltern 1990. Schon früh strukturierte er ihn in einen Nebenerwerbsbetrieb um. Er gab die Milchviehhaltung 1991 auf und stellte 2012 auf Zuchtsauenhaltung um.

Seit 1998 arbeitet er nebenbei bei einer Entsorgungsfirma. Bis auf die Kartoffelfläche von 0,5 ha für den Eigenbedarf und die Direktvermarktung verpachtete er vor sechs Jahren seine Felder.

Einzig um den 2 ha große Wald kümmert sich Dichtl noch selbst. Seine Frau Waltraud spezialisierte sich auf die Direktvermarktung mit Spargel, Kartoffeln sowie Floristik und betreibt den Hofladen seit 24 Jahren.

Bruteier aus Nord- und Ostdeutschland

Doch wie kam er auf die Dorking Hühner? „Auf einmal waren alle Tiere am Hof weg und sie fehlten mir. Da kam ich auf die Hühner“, erzählt der Landwirt. Allerdings wollte er etwas Besonderes. Er fand die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) schon immer interessant, forschte nach und stieß bei seiner Suche auf einen Artikel über Dorking-Hühner. „Das war 2012 für mich der Auslöser und genau das, was ich wollte“, blickt er zurück.

In Deutschland gibt es nur noch wenige Züchter, hauptsächlich in Nord- und Ostdeutschland, welche diese Rasse züchten. Letztendlich ließ sich Dichtl von zwei Zuchtbetrieben je zehn Bruteier schicken und brütete sie selbst aus. „Das war vor neun Jahren der Grundstock für meine Arbeit und seitdem züchte ich“, erläutert er stolz.

Von den sechs Farbschlägen legte er sich auf den „Silberhals“ fest

Von den sechs Farbschlägen legte er sich auf den „Silberhals“ fest und arbeitete mit zwei Zuchtstämmen – je ein Hahn und zwei bis drei Hennen. Vier Jahre später wurde in Deutschland der Sonderverein zur Erhaltung der Zucht der Dorking und Zwerg-Dorking gegründet und Dichtl wurde Mitglied. Seit vier Jahren gehört er dem regionalen Geflügelzuchtverein Abensberg an. „Dort kommt man ins Gespräch, macht die Rasse bekannter und hilft, den Bestand zu erhalten und die genetische Vielfalt zu erhöhen“, erzählt er.

Hans Dichtl verfolgt damit ein Ziel: Er will pro Jahr 50 Küken ausbrüten lassen – teils von Hennen und teils vom Vereins-Brutapparat. Die Nachzucht steuert der Hühnerhalter so, dass alle Jungtiere gleichzeitig schlüpfen. Mit frühestens zehn Wochen selektiert der Züchter, welche Tiere in die Zucht gehen und welche geschlachtet werden. „Ein Drittel eignet sich zur Zucht und werden von anderen Geflügelfreunden abgenommen“, informiert der 63-jährige. Hinzu kommt der Verkauf von Küken im Alter von acht Wochen bis zu einem halben Jahr. Zusätzlich versendet der Landwirt jedes Jahr von März bis Mai, 60 bis 70 Eier, bis nach Österreich und Südtirol. „Ich habe das Gefühl, etwas bewegen und die Dorking verbreiten zu können.“

Inzwischen hat Hans Dichtl vom Farbschlag „Silberhals“ auf weiße Dorking umgestellt, „weil diese noch seltener sind und mich das noch mehr herausfordert“, begründet er die Wahl. Zu den Kriterien bei der Zuchtauswahl gehören Größe, Gewicht, Form, gerader Rücken und fünf ordentlich ausgebildete Zehen. Ein Hahn soll demnach zwischen 3,5 kg und 4,5 kg und eine Henne zwischen 2,5 kg und 3,5 kg wiegen. Auch wenn die Hühner einen besonders grimmigen Gesichtsausdruck haben, sei das Verhalten der Tiere genau das Gegenteil: Sie sind friedlich und gut zu handhaben, gute Futterverwerter und brauchen keinen hohen Zaun.

Der letzte Beweis fehlt dem Züchter noch

Die Schlachtung der aussortierten Tiere unternimmt der Landwirt selbst. „Das gehört für mich dazu“, sagt er und freut sich gleichzeitig, dass er damit seinen Eigenbedarf decken kann.

Hans Dichtl bedauert, dass die Dorking Hühner noch nicht bei der GEH aufgenommen wurden, weil ein Nachweis fehlt, der beweist, dass die ursprünglich englische Rasse bereits vor 1930 gezüchtet wurde. Doch der Hobbyzüchter gibt nicht auf, lässt in seinen Bemühungen nicht nach und stellt Nachforschungen an, um dies zu beweisen – unter anderem mit Hilfe des Wochenblattes und der Agrarhistorischen Bibliothek in Herrsching. „Dann gilt die Rasse als offiziell gefährdet und das hat entsprechend Gewicht“, ist er überzeugt.