Sauenstall

Abferkelbuchten: Die Tiere stets im Blick

Bewegungsbucht
Laura Schneider
am Mittwoch, 27.01.2021 - 16:34

Sauen dürfen künftig nur noch fünf Tage rund um die Geburt fixiert werden – deshalb müssen neue Buchtenformen geschaffen werden. Experten empfehlen dabei, in erster Linie auf das Tierwohl und nicht nur auf den Preis zu achten.

Auf einen Blick

  • Mit der Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung dürfen Schweinehalter Sauen nur noch wenige Tage rund um die Geburt fixieren, womit neue Buchtenformen nötig sind.
  • Im Hinblick auf das Tierwohl müssen Aspekte optimiert werden. Dabei darf man den Unfallschutz und die Produktivität nicht vernachlässigen.
  • Statt einer quadratischen Bucht empfiehlt sich eine trapezförmige Form im Verhältnis von 2:3, da so weniger Ferkelverluste auftreten.
  • Ziel der Bewegungsbucht ist nicht, den Sauen maximalen Aktionsradius zu bieten, sondern das optimale Verhältnis aus Fluchträumen für die Ferkel und Bewegungsräumen für die Sau zu finden (ca. 1 : 1,5).

Abferkelbucht der Zukunft

Mit der Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung dürfen Schweinehalter Sauen nur noch wenige Tage rund um die Geburt fixieren, dadurch werden nun neue Buchtenformen nötig. Beim Forum Schweinehaltung der Landwirtschaftskammer (LWK) Schleswig-Holstein im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp wurde darüber informiert und diskutiert, wie die Abferkelbucht der Zukunft aussehen kann.

Mit diesem Thema beschäftigte sich bereits das Forschungsprojekt Innopig in den Jahren 2015 bis 2018. Neben der LWK Schleswig-Holstein und der LWK Niedersachsen waren verschiedene Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft am Projekt beteiligt. Ziel war es, drei Abferkelsysteme miteinander zu vergleichen:

  • die traditionelle Abferkelbucht mit Ferkelschutzkorb,
  • freie Abferkelung in Einzelhaltung,
  • freie Abferkelung mit anschließender Gruppenhaltung der ferkelführenden Sauen.

Freie Abferkelung mit hohen Verlusten

„Eigentlich waren wir schon einen Schritt zu weit“, räumt Christian Meyer ein. „Wir wollten freie Abferkelung, aber dabei waren die Verluste viel zu hoch“, berichtete der Berater von der LWK Schleswig-Holstein. Da die Ferkel vor allem in den ersten drei Tagen nach der Geburt erdrückt wurden, ergab sich im Projekt die kurzzeitige Fixierung der Sauen in Bewegungsbuchten als Alternative zum Ferkelschutzkorb. Mit dieser Kurzzeitfixierung vom Tag vor der Abferkelung bis vier Tage danach gelang es, die Ferkelverluste auf ein vergleichbares Maß wie in klassischen Abferkelbuchten zu reduzieren.

Heutiges Ziel sind Bewegungsbuchten

„Unser heutiges Ziel sind daher Bewegungsbuchten“, erklärte Meyer. „Wir haben also keine freie Abferkelung, sondern die Sau wird am Tag vor der Geburt fixiert. Nach der Abferkelung machen wir den Stand auf, sodass die Sau sich bewegt, der Kreislauf in Schwung kommt und sie Futter und Wasser aufnimmt. Danach wird sie zwei bis drei Tage fixiert, um die Ferkel zu schützen.“

Die geforderte Fläche der Abferkelbucht von 6,5 m² ist laut Meyer nicht zu groß für eine Sau mit rund 14 Ferkeln. Jedoch seien Systeme nötig, mit denen diese Bucht funktioniert. Von entscheidender Bedeutung sei dabei der Blick auf das Tier. „Wir müssen zuerst überlegen, was das Tier will und kann und das dann entsprechend umsetzen. Stallbau muss über den Blick auf das Tier geschehen, nicht über den Preis“, betonte er. In dieser Hinsicht sei ein Umdenken nötig, da früher häufig Masse und Menge im Vordergrund standen.

Diese Veränderungen sieht auch Dr. Eckhard Meyer vom Lehr- und Versuchsgut Köllitsch in Sachsen auf die Schweinehaltung zukommen. „Beim Stall der Vergangenheit standen Arbeitsproduktivität und biologische Leistungen im Vordergrund. Diesen Stall müssen wir jetzt weiterentwickeln, aber wir dürfen nicht alles verwerfen. Der Tierschutz fordert eine Revolution, doch wir brauchen eine Evolution“, erklärte er.

Aspekte für das Tierwohl

Viele Aspekte müssten im Hinblick auf das Tierwohl optimiert werden, aber zugleich dürfe man die Produktivität und auch den Unfallschutz nicht vernachlässigen. Chancen sieht Dr. Eckhard Meyer darin, Komponenten aus überholt geglaubten Systemen mit modernen Komponenten zu kombinieren. Fasst man die Aussagen von den beiden Experten zur Abferkelbucht der Zukunft zusammen, ergeben sich folgende Anforderungen:

  1. Der Kastenstand sollte nicht diagonal in der Bucht ausgerichtet sein, sodass die Sau mit dem Kopf in einer Ecke der Bucht steht, sondern gerade. Diese Ausrichtung verhindert, dass Nischen neben dem Kastenstand entstehen. Statt einer quadratischen Bucht empfiehlt sich eine trapezförmige Form im Verhältnis von ungefähr 2:3, da so weniger Ferkelverluste auftreten.
  2. Ziel der Bewegungsbucht ist nicht, den Sauen maximalen Aktionsradius zu bieten, sondern das optimale Verhältnis aus Fluchträumen für die Ferkel und Bewegungsraum für die Sau zu finden (etwa 1:1,5).
  3. Buchtenflächen größer als 6,5 m² bringen keine Verbesserung, da neugeborene Ferkel hier zu große Entfernungen zurücklegen müssen. Wichtig ist, die Bucht so einzurichten, dass der Platz ausreicht, um Geburtshilfe leisten zu können.
  4. Niedrige Buchtenwände können vorteilhaft sein, um aus der Ferne in die Bucht zu schauen und leicht ein- und auszusteigen. Ein guter Boden gewährleistet vor allem die Tritt- und Standsicherheit der Sauen, die in allen Bereichen der Bucht gegeben sein muss. Darüber hinaus muss er die Temperaturansprüche der Sau erfüllen sowie Hygiene und Liegekomfort bieten. Die Standfläche der Sau sollte gegenüber der restlichen Bucht nicht erhöht sein.
  5. Ferkel werden unter anderem erdrückt, wenn sich Sauen zuerst mit der Vorderhand ablegen und dann unkontrolliert fallen lassen. Ursache dafür können neben rutschigen Böden Fundamentschwächen und Klauenprobleme sein, die ein langsames Abliegen schmerzhaft machen. Eine andere Verhaltensweise, bei der Sauen häufig Ferkel erdrücken, ist das sogenannte Rolling, ein unkoordinierter Positionswechsel im Liegen von einer Seite auf die andere. Beiden Verhaltensweisen wirkt der Ferkelschutzkorb entgegen, indem er die Bewegungen der Sau leitet und einschränkt, um Erdrückungen zu vermeiden. Damit der Ferkelschutzkorb die Sau beim Abliegen unterstützen kann, dürfen sich die Seitenteile des Korbs nicht bewegen und müssen ihr sicher Halt geben. Wichtig ist für den Schutz der Ferkel auch der Ferkelschutzbogen an den Wänden in der gesamten Bucht. Ohne einen solchen Bogen besteht die Gefahr, dass die Sau sich direkt an der Wand ablegt und dabei Ferkel erdrückt.
  6. Neben den Ansprüchen von Sau und Ferkeln muss die Bucht auch die Ansprüche des Menschen berücksichtigen. Er muss stets vor Verletzungen geschützt sein, was bei freilaufenden ferkelführenden Sauen eine Herausforderung sein kann. Wichtig ist, dass das Einsperren der Sauen schnell, unkompliziert und ohne Verletzungspotenzial durch eingeklemmte Finger oder direkten Kontakt zur Sau möglich ist. Auch eine Person allein sollte den Ferkelschutzkorb schließen können, was bei Systemen, in denen der Fixierbügel von oben heruntergeklappt wird, erschwert sein kann.
  7. Das Ferkelnest muss der Landwirt jederzeit ohne Verletzungsrisiko erreichen können. Dafür ist es wichtig, dass die Abdeckung des Nests leicht klappbar ist und sich sowohl von außerhalb der Bucht als auch von innen öffnen lässt. Durchsichtige Deckel sind vorteilhaft, verstauben aber schnell. Das Ferkelnest muss ausreichend weit von der Standfläche der Sau entfernt sein und so liegen, dass es nicht nass wird, wenn die Sau Urin absetzt. Aus arbeitswirtschaftlicher Sicht empfiehlt sich ein Nest mit einer Unterteilung in zwei, besser drei Fächer, um beispielsweise bei der Kastration unter Isoflurannarkose Ferkel abzutrennen.
  8. Wichtig ist auch die richtige Temperatur im Ferkelnest. Eine Gummimatte reicht nicht aus. Auf jeden Fall sollte eine Heizung von oben und idealerweise zusätzlich eine Fußbodenheizung vorhanden sein. Zu bedenken ist aber auch, dass das Ferkelnest nicht zu viel Wärme nach außen abgeben darf, weshalb eine Ummantelung mit thermoneutralem Material empfehlenswert ist.
  9. Um den Temperatur- und Luftansprüchen der Sau gerecht zu werden, ist ein gutes Lüftungssystem wichtig. Es muss so gebaut sein, dass die Sau sich wohlfühlt und beim Liegen Frischluft am Kopf hat.

Bodenpreforation als Herausforderung

Herausforderungen durch die neuen Vorgaben sieht Dr. Eckhard Meyer neben den Flächenangeboten und der begrenzten Fixierungsdauer im Hinblick auf den Bodenperforationsgrad von maximal 7 Prozent im Liegebereich der Sauen und dem Zugang zu organischem Beschäftigungsmaterial. Zudem wurde bei den Grenzwerten für die Schadgas- und Lärmbelastung das Wort „dauerhaft“ aus der Verordnung gestrichen. Die Bedeutung dieser Änderung hänge von der Auslegung ab: Wenn die Vorgabe nicht für Einzelpunktwerte gilt, hält Meyer sie für umsetzbar, doch einzelne Messungen würden die Grenzwerte immer überschreiten.

Eine Voraussetzung für den Stall der Zukunft sind für ihn auch qualifizierte Arbeitskräfte. Um diese zu bekommen, müsse die Schweinehaltung ihr Image verbessern. „Wir müssen klar kommunizieren, was wir bereits Gutes tun“, forderte er die Schweinehalter deshalb auf. Daneben erforderten zukünftige Stallsysteme züchterische Entwicklungen. „Die einseitige Zucht auf Leistung und viele Ferkel ist vorbei. Die Sauen müssen weniger aggressiv und mütterlicher werden“, erklärte der Experte.
Und wie sieht es bei den Stallausstattern aus? Laut Christian Meyer ist auf dem Markt eine Vielzahl verschiedener Bewegungsbuchten verfügbar, auch wenn diese noch weiterentwickelt und angepasst würden. Es liege jetzt an den Landwirten zu entscheiden, in welcher Form sie bauen wollen, wobei Berater und Fachleute der Firmen sie gut unterstützen würden. Die entscheidende Frage sei, inwiefern es eine finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite geben wird. Denn die Landwirte seien bereit für einen Wandel, müssten diesen aber auch finanzieren können.