GVO-Sorten-Nachweis

Wirbel um „Gentechnik-Nachweis“

Rapsblüte
Karola Meeder
Karola Meeder
am Freitag, 11.09.2020 - 05:26

Gentechnikkritiker verkünden Erfolg – ist der Meilenstein tatsächlich gesetzt?

Viel Wirbel um nichts – so fasst der Verband der europäischen Saatgutindustrie Euroseeds die jüngste medienwirksame Aktion von Greenpeace, verschiedenen Gentechnikgegnern und der Handelskette Spar Österreich zusammen: In einer gemeinsamen Pressemitteilung heißt es, man habe die weltweit erste Methode entwickelt, mit der man nachweisen kann, dass das Erbgut einer Pflanze mit einem Verfahren der „neuen“ Gentechnik verändert wurde.

Was mit „neuer“ Gentechnik gemeint ist

Laut EuGH-Urteil von 2018 gelten alle neuen Züchtungsmethoden, die Erbgut mittels Punktmutation verändern – das bekannteste ist wohl Crispr/Cas – pauschal als Gentechnik. Punktmutationen entstehen aber nicht nur durch dieses Genome-Editing, sondern auch ohne menschliches Zutun ganz natürlich auf dem Feld oder durch klassische Züchtung – und: auf welchem dieser Wege eine solche Mutation entstanden ist, lässt sich derzeit nicht sicher nachweisen.

Laut Rechtsprechung fallen also unter den Begriff Gentechnik auch solche Mutationen, die nicht von natürlichen Mutationen zu unterscheiden sind. Damit ist auch die Kontrolle nach derzeitigem Stand der Wissenschaft unmöglich. Sie wäre aber dringend nötig, denn in einigen Ländern außerhalb der EU wird Genome-Editing nicht als Gentechnik eingestuft – und entsprechende Produkte könnten unbemerkt in die EU eingeführt werden.

Nachweisverfahren für genomeditierte Pflanzen gesucht

Daher wird spätestens seit dem EuGH-Urteil mit Hochdruck an geeigneten Nachweisverfahren für genomeditierte Pflanzen gesucht, um Saatgut und Agrarrohstoffe kontrollieren zu können – auch wenn man sich der Schwierigkeiten bewusst ist: Laut Julius Kühn-Institut (JKI) ist ein Nachweis – wenn überhaupt – nur möglich, wenn klar ist, nach welcher Veränderung man sucht. „Dazu müssen aber eine Reihe an Voraussetzungen erfüllt sein, die üblicherweise nicht gegeben sind“, erklärt das JKI. Und selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt wären, wären die Analysen sehr teuer und zeitaufwendig. Der eindeutige Nachweis von unbekannten Beimischungen – und das wäre ja wichtig, um Agrarimporte zu kontrollieren – ist laut JKI unmöglich.

Bleibt also festzuhalten: Könnte man zweifelsfrei nachweisen, ob eine Mutation nun natürlich, durch klassische Züchtung oder eben durch Genome-Editing verursacht wurde, wäre das ein Meilenstein der Wissenschaft.

Greenpeace und Partner wollen diesen Meilenstein nun gesetzt haben

Speziell gehe es „um den Nachweis einer gentechnisch veränderten Rapssorte, die mit Genome-Editing hergestellt wurde.“ Damit seien „die Behauptungen der Gentechnik-Industrie und einiger europäischer Behörden widerlegt“, dass die neuen Züchtungsmethoden nicht eindeutig nachweisbar sind, heißt es in einer Pressemitteilung vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG). VLOG vergibt die Lizenz für das bekannte grüne „Ohne-Gentechnik“-Siegel.

VLOG und Greenpeace fordern die deutschen Behörden auf, das neue Nachweisverfahren „unverzüglich in der Lebens- und Futtermittelkontrolle einzusetzen.“ VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting wurde noch deutlicher: „Wir haben diesen Test entwickelt, weil die Behörden es versäumt haben.“ Unterstützung kommt von Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Sie sieht in dem neuen Verfahren laut Handelsblatt einen Fortschritt für den Umweltschutz. Martin Häusling (Bündnis 90/die Grünen) twitterte zum Tehma: „Und es geht doch!“.

Experten vom JKI und vom BVL sehen das anders

Die Experten vom JKI und vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sehen das anders. Über das angebliche Nachweisverfahren haben die Initiatoren einen Artikel in der Zeitschrift Foods veröffentlichen lassen.

Darauf nimmt das JKI Bezug: „Nach sorgfältiger Prüfung der Ergebnisse durch BVL und JKI ist das Nachweisverfahren, das in dem Artikel der Zeitschrift Foods beschrieben wird, nicht in der Lage, praktisch und gerichtsfest zu unterscheiden, ob die Punktmutation der untersuchten Raps-Linien durch Genome-Editing, durch andere herkömmliche Mutageneseverfahren erzeugt wurde oder natürlich aufgetreten ist.“

Laut Züchter geht die Sorte nicht auf Genom-Editing zurück

Die weiteren Ausführungen des JKI zeigen, dass die Autoren das Verfahren selbst ad absurdum führen: Mit dem neuen Test soll es ja gelungen sein, nachzuweisen, dass das Erbgut einer bestimmten Rapslinie durch Genome-Editing verändert wurde.

Die Autoren zitieren jedoch eine Veröffentlichung, die eindeutig beschreibt, dass die besagte Rapslinie nach Angaben des Herstellers Cibus das Ergebnis einer spontanen Mutation ist – und nicht auf das Genome-Editing-Verfahren zurückgeht.

Auch wurden die FalcoTM-Rapssorten, die in dem Artikel untersucht wurden, nach Angaben des Züchters mit traditionellen Züchtungsmethoden entwickelt. Mit dem neuen Test hat man also Genome-Editing nachgewiesen, obwohl das Verfahren laut Züchter gar nicht zur Anwendung kam.

„Dies verdeutlicht, dass ohne umfängliche, belastbare Vorab- und Zusatzinformationen über das Untersuchungsmaterial auch die neue Methode keine Auskunft über den Auslöser einer Mutation geben kann“, schlussfolgern JKI und BVL.

Rege Diskussion auf Twitter

Selbiges haben auch einige User auf Twitter erkannt. Dort entwickelte sich eine kritische Diskussion. Mehrfach ist dort zu lesen, dass man mit dem neuen Verfahren lediglich eine bekannte Mutation nachgewiesen habe – das könne jeder Biologiestudent. „Viel Wirbel um nichts“ als Kommentar von Euroseeds bleibt damit noch freundlich formuliert. Auf Twitter ist die Rede von Irreführung und Verbrauchertäuschung.