Bierrohstoff

Bei der Winterbraugerste tut sich was

BLW_LSV WG Feistenaich 4
Dr. Markus Herz, Ulrike Nickl, Lucia Huber, LfL Pflanzenbau, Freising, Dr. Sabine Mikolajewski, LfL Qualitätssicherung, Freising
am Mittwoch, 08.07.2020 - 09:40

Neue Sorten bieten kleine Fortschritte für einen kleinen Markt – mit Blick auf den Klimawandel könnte die Bedeutung der Winterbraugerste aber steigen.

Auf einen Blick

  • Es gibt eine neue Sortenempfehlung für Winterbraugerste.
  • Die Züchter verbessern Schritt für Schritt Qualität und Ertrag der Winterbraugerste.
  • Neue Sorten mit interessanten Eigenschaften stehen in der Prüfung.
  • Bei allen Anbauschritten ist das Ziel eines niedrigen Eiweißgehaltes zu berücksichtigen.

Neue Sortenempfehlung für Winterbraugerste.

Es gibt eine neue Sortenempfehlung für Winterbraugerste. Zusätzlich zur bewährten KWS Liga hat der Verein zur Förderung des Braugerstenanbaus nun auch die Sorte KWS Somerset aufgenommen. Viele Brauereien setzen inzwischen Winterbraugerste regelmäßig als Rohstoff ein. Die Empfehlung des Fördervereins zeigt, dass man sich darum bemüht, den Züchtungsfortschritt auch bei Winterbraugerste in die Praxis zu bringen.

In den letzten beiden Jahren wurden weitere Winterbraugersten vom Bundessortenamt zugelassen. Um eine offizielle Empfehlung geben zu können, fehlen zu diesen allerdings noch mehrjährige Daten über Anbaueignung und Verarbeitbarkeit in der Mälzerei. Trotzdem ist klar: Es tut sich etwas in der Nische – Grund genug, sich die Sorten näher anzusehen. Vom Bundessortenamt sind in Deutschland derzeit insgesamt 15 Winterbraugersten zugelassen, davon immerhin eine Mehrzeilige.

Die Leistungen der Sorten im Vergleich

Sorten

Größere Bedeutung im Anbau in Bayern haben aktuell KWS Liga und KWS Somerset – die jetzt beide vom Braugerstenverein empfohlen sind – und die EU-Sorte SY Tepee. Von diesen drei Sorten liegen auch mehrjährige Versuchsergebnisse aus Bayern vor; hier ihre Leistungen im Vergleich:

  • KWS Liga ist 2012 zugelassen worden und wurde von der Braugerstengemeinschaft als Winterbraugerste intensiv geprüft und empfohlen. Inzwischen hat sie sich bei Landwirten und Verarbeitern gut etabliert. Sowohl in der Eiweißlösung als auch in der Zellwand- und Stärkelösung liefert sie in der qualitätskonformen Stufe 3 gute Werte. Dies drückt sich in den Prozentsätzen für Eiweißlösungsgrad und Friabilimeter sowie niedrigen Zahlen für Viskosität und Beta-Glucan aus. KWS Liga zeigt auch für Extrakt und Endvergärung – bei denen es auf einen möglichst hohen Wert ankommt – ordentliche Werte. Das 3-jährige Mittel bestätigt diese Aussage und zeigt, dass die gute Einstufung gerechtfertigt ist. Insbesondere in der mehrjährigen Auswertung nach Anbaugebieten, bei der auch Ergebnisse aus den benachbarten Bundesländern mit einfließen, wird ersichtlich, dass KWS Liga im Ertrag mittlerweile nicht mehr mithalten kann.
  • SY Tepee ist eine Sorte mit knapperer Zellwandlösung. Sie präsentiert sich mit höheren Zahlen für das Merkmal Viskosität, bei dem niedrige Werte erwünscht sind – und mit leicht unterdurchschnittlicher Friabilimeterzahl, die im Idealfall möglichst hoch liegen sollte. Die Sorte ist außerdem charakterisiert durch ein- und mehrjährig gute (d. h. hohe) Werte in der Eiweißlösung sowie durch einen ordentlichen (d. h. hohen) Malzextraktgehalt. Der Beta-Glucangehalt, bei dem ein möglichst niedriges Niveau angestrebt wird, ist im Vergleich zu den anderen Sorten niedrig, womit die Sorte besser abschneidet als der Durchschnitt des Versuchs. In der Abreife ist SY Tepee etwas früher als die anderen Sorten.
  • Die Sorte KWS Somerset kann in der für die Qualität maßgeblichen Stufe 3 (qualitätsbetonte Düngung)wie alle Sorten mit gutem Eiweißgehalt punkten. Sie schneidet mit guten Werten für die Viskosität und etwas überdurchschnittlichem Beta-Glucangehalt in der Qualität gut ab. Im Eiweißlösungsgrad liegt sie unter dem Mittel der Sorten. KWS Somerset zeichnet sich durch ihre gute Sortierung und eine ordentliche Strohstabilität aus. Im Ertrag schneidet sie auch nach mehrjähriger Prüfung in der Auswertung nach Anbaugebieten besser ab als die etablierte KWS Liga.
  • Die neue Sorte Lyberac ist durch niedrige Beta-Glucangehalte und Viskosität, verbunden mit niedrigen Brabenderwerten und hohem Friabilimeter insgesamt mit einer guten Zellwandlösung ausgestattet. In der qualitätsorientierten Stufe fallen auch die Kennzahlen für die Eiweißlösung (FAN, Eiweißlösungsgrad und löslicher Stickstoff) insgesamt durchschnittlich aus. Damit erzielt die Sorte im Endergebnis eine ausgewogene Malzqualität. Lyberac reagiert im Versuch im Eiweißgehalt und der Qualität besonders auf die Variation der Düngung. In der Resistenz gegen Mehltau schneidet sie schwächer ab als die anderen Sorten im Versuch. Der Ertrag lag im ersten Prüfjahr mit Auswertung nach Anbaugebieten über dem Mittel der geprüften Winterbraugerstensorten.
  • Zophia, die 2019 ebenfalls zum ersten Mal in der Brauqualitätsstufe geprüft wurde, bietet eine gelungene Kombination von Ertrag und Qualität. In der Qualität erreicht die Sorte in der maßgeblichen Stufe 3 in allen Merkmalen etwa das Niveau des anderen Neuzugangs Lyberac. In der Eiweißlösung liegt sie bei den Merkmalen, bei denen ein hoher Wert optimal ist (FAN, Eiweißlösungsgrad und löslicher Stickstoff), sogar etwas über dem Durchschnitt. Dasselbe gilt für den Friabilimeter. Bei den Kennzahlen für die Zellwandlösung (Viskosität und Beta-Glucangehalt), bei denen niedrige Werte eine gute Qualität charakterisieren, erreicht Zophia durchschnittliche Werte. Dafür hat sie bei den Erträgen leicht die Nase vorn. Zophia reift etwas später ab als die anderen geprüften Sorten. Im Vollgerstenanteil liegt sie etwas unter dem Durchschnitt der Winterbraugersten, zeigt sich aber bei Kornausbildung und Spelzenfeinheit als gut.

Noch keine endgültigen Aussagen

Sorten

Für eine endgültige Aussage über Ertrag und Qualität der neuen, 2018 zugelassenen Winterbraugerstensorten ist es noch zu früh. Sie stehen aber im aktuellen Wintergersten-LSV in Bayern zur Ernte 2020. Erste Tendenzen über die Qualität neuer Sorten lassen sich auch aus der Wertprüfung und der Braueignungsprüfung der LfL ablesen. Hier lassen Lyberac und die 2019 zugelassene KWS Donau auf gute Qualität hoffen.

Vielversprechende neue Zuchtstämme demonstrieren eindrucksvoll, welcher Fortschritt in der Qualität möglich ist. Allerdings bleiben auch die neuen Sorten im Kornertrag deutlich hinter den Futtergerstensorten zurück. Innerhalb der Braugersten haben die neuen Sorten Zophia und Lyberac nach den bisherigen Ergebnissen immerhin einen Vorsprung im Ertrag.

Interessante Alternative für trockene Regionen

Bleibt also festzuhalten, dass die Empfehlung des Braugerstenvereins ein Signal an Landwirte und Züchter ist – der Wert der Winterbraugerste wird unterstrichen, was hoffentlich zu weiteren Anstrengungen in Richtung der Sortenentwicklung motiviert. Die neuen Winterbraugersten zeigen eine klare Verbesserung in Ertrag und Qualität. Gerade im Zeichen des Klimawandels könnte Winterbraugerste in trockengefährdeten Gebieten eine Alternative zur Sicherstellung der Versorgung mit hochwertiger Braugerste sein.
Wegen der engen Grenzen für den Eiweißgehalt ist es äußerst schwierig, bei der Braugerstenproduktion organischen Dünger einzusetzen. Daher bleibt der Winterbraugerstenanbau in erster Linie für Ackerbaubetriebe eine interessante Alternative. Um die Motivation für den Winterbraugerstenanbau zu erhöhen, ist die Voraussetzung, dass der Minderertrag aufgrund der Sortenwahl und des extensiven Anbauverfahrens auch durch entsprechende Preise für die Qualitätsware ausgeglichen wird.