Getreideanbau

Verzwergung: Noch ist es ruhig - aber Kontrolle bleibt wichtig

Gelbverzwergung
Stephan Weigand, Dr. Luitgardis Seigner, LfL Pflanzenschutz, Freising
am Dienstag, 06.10.2020 - 16:14

Im Ausfallgetreide ist der Virusbefall regional unterschiedlich, meist aber gering. Regelmäßige Kontrollen der neuen Bestände sind dennoch ratsam.

Gelbverzwergungsvirus_Weizen
Auch in diesem Frühjahr waren wieder lokal Schäden durch Verzwergunsgviren zu sehen: Vergilbte Befallsnester in Wintergersten, Pflanzen mit streifigen Blattaufhellungen, gestauchtem, stark bestocktem Wuchs, mit weitgehend tauben Ähren. Vereinzelt waren Symptome auch bei früh gesätem Winterweizen zu beobachten, hier zusätzlich erkennbar an den typisch rötlich-lila gefärbten Fahnenblättern – ähnlich wie später beim Hafer die„Haferröte“. Betroffen waren glücklicherweise bayernweit meist keine größeren Gebiete, wie zuletzt besonders in Niederbayern nach dem Starkbefall 2007/2008, oder aber in der Saison 2014/2015 in Teilen Norddeutschlands.

Einschätzung des Befallsrisikos

Das Infektionsrisiko für die neue Saat hängt davon ab, wann und wie stark die entsprechenden Virusüberträger (siehe Kasten) zufliegen – und vor allem wie lange günstige Witterungsbedingungen für die weitere Ausbreitung anhalten. Bleibt es kühl und regnerisch, bremst dies die Mobilität der Überträger entscheidend. Stellt sich dagegen erneut trockenes, sonnig-warmes, also „goldenes“ Oktoberwetter ein, steigt auch das Infektionsrisiko.
Bei Windstille gelingt geflügelten Blattläusen der gezielte Distanzflug von den Ausgangsflächen auf benachbarte oder weiter entfernte junge Getreidesaaten. Für die Blattläuse sind diese wegen ihrer löslichen Stickstoffverbindungen so attraktiv.
Zikaden sind über ihre springende und mit dem Wind driftende Bewegung ohnehin viel beweglicher. Sie sind leicht erkennbar an den typischen, vor den Füßen aufwirbelnden, dunklen „Zikadenwolken“ beim Kontrollgang übers Feld.

Nicht jede Zikade oder Laus ist ein Überträger

Nun trägt aber nicht jede Blattlaus und schon gar nicht jede Zikade Verzwergungsviren in sich. Gerade bei letzteren kommen im Getreide auch zahlreiche Arten vor, die kein WDV übertragen können. Zudem ist entscheidend, wie die Insektenpopulationen das bisherige erneut sehr warme Jahr 2020 überdauert haben. Wirkte das knappe Nahrungsangebot in den wochenlangen Trockenphasen begrenzend oder haben natürliche Gegenspieler – bei Blattläusen etwa Marienkäfer oder Blattlausschlupfwespen – die Oberhand behalten? So wurde beispielsweise stärkerer Blattlausbefall aus dem Getreide heuer kaum gemeldet, zuletzt jedoch vereinzelt aus Silomaisbeständen.
Einen wichtigen frühen Hinweis liefern die jährlichen Untersuchungen des amtlichen Pflanzenschutzdienstes am Ausfallgetreide. In den ersten beiden Septemberwochen wurden von insgesamt 42 Schlägen, je zehn zufällig ausgewählte Pflanzen entnommen und auf Virusbefall untersucht, mit folgenden Ergebnissen:
  • Insgesamt war auch heuer der Virusbefall relativ gering. Nur jede vierte Pflanze wies BYDV, WDV oder eine Mischinfektion aus beiden Viren auf (2019: 37 %).
  • Auf niedrigem Niveau lässt sich erneut WDV mit 18 % (2019: 33 %) häufiger nachweisen als BYDV mit nur 10 % (2019: 10 %).
  • Vergleichsweise hohen Befall zeigte das Ausfallgetreide in Mittelfranken (alle 6 Schläge mit Infektionen), leicht erhöhten Befall mit BYDV die Proben aus Unterfranken und der Oberpfalz (je 4 der 6 Schläge).

Welche Maßnahmen sind nun wichtig?

Ausfallgetreide als wichtigste Ausgangsquelle sollte umgehend mechanisch beseitigt werden. Auch starker Getreidedurchwuchs im Raps sollte gezielt beseitigt werden. Neben diesen vorbeugenden Maßnahmen bleibt die regelmäßige Kontrolle der eigenen Bestände. Besonders gefährdet sind dabei die zuerst auflaufenden Wintergetreidebestände (Frühsaaten!), sowie wärmebegünstigte, windgeschützte Lagen wie Waldränder oder Südhänge. Durch die heuer wesentlich spätere Silomaisernte droht bei Blattlausbefall im Mais bei der Ernte ein Übersiedeln der Läuse in benachbarte Gerstenschläge.
Um das mögliche Auftreten von Blattläusen zu erfassen, sollten ab dem Zwei- bis Drei-Blatt-Stadium regelmäßig mindestens 50 Pflanzen, nicht nur am Schlagrand, sondern verteilt über den gesamten Schlag, kontrolliert werden. Folgende Bekämpfungsschwellen gelten für Blattläuse als Virusvektoren:
  • Normalsaat: Blattlausbefall an 20 % der untersuchten Pflanzen.
  • Frühsaat (= Auflauf bis ca. 25. September): Befall an 10 % der Pflanzen.
Bei Überschreitung der Schwellenwerte und anhaltend günstiger Witterung wird der Einsatz eines Insektizids mit der Indikation „Blattläuse als Virusvektor“ empfohlen. Hierbei gilt es, alle Abstandsauflagen zu beachten sowie auf Bienenschutz zu achten.
Weder Bekämpfungsschwellen, noch ausreichend wirksame Insektizide stehen dagegen zur Bekämpfung der mobilen Zikaden zur Verfügung. Hier können aber erste Frostnächte helfen, die Zikaden zu dezimieren, was bei Blattläusen nicht gelingt.

Verzwergungsviren und ihre Überträger

Alle Verzwergungsviren im Getreide werden durch Insekten übertragen. Zu unterscheiden sind:

  • das Gerstengelbverzwergungsvirus (BYDV), das durch drei Blattlausarten (Große Geteideblattlaus, Bleiche Getreideblattlaus, Haferblattlaus) übertragen wird
  • das Weizenverzwergungsvirus (WDV), mit der Wandersandzirpe, einer Zwergzikadenart, als bislang einzig bekanntem Überträger.

Die Viren können alle Getreidearten befallen

Anders als ihr Name vermuten lässt, können beide Viren sämtliche Getreidearten infizieren, wenngleich die stärksten Schäden in Wintergerste oder früh gesätem Winterweizen auftreten. Wichtige Wirtspflanzen sind, neben dem Ausfallgetreide, über 150 verschiedene Wild- und Kulturgräser – für BYDV auch der Mais. Da sich die Schadsymptome beider Viren an Einzelpflanzen stark ähneln, gelingt eine Unterscheidung nur im Labor. Bei stärkeren Schäden im Feld zeigen sich dagegen unterschiedliche Befallsmuster:

Blattläuse: Ausgehend von ersten, durch geflügelte Mutterläuse infizierten Pflanzen breitet sich das Virus von dort über ungeschlechtlich abgesetzte Jungläuse auf unmittelbar benachbarte Pflanzen aus. Durch diese Sekundärinfektionen entstehen so später die typischen, oft kreisförmigen Befallsnester im Schlag.

Zikaden: Die Infektion erfolgt im Herbst nur über erwachsene Tiere. Entsprechend der bevorzugten Bewegung der sehr wärmebedürftigen Zikaden zeigen sich befallene Pflanzen meist streifenförmig entlang der Saatreihen, bevorzugt an den sonnenzugewandten Seiten von Fahrgassen oder Schlagrändern.

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