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Hagel

Unwetterschäden verdoppeln sich

Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 30.06.2021 - 16:10

Sogenannte Superzellen haben in den letzten Tagen für ein Ansteigen der Schäden auf 23 Mio. Euro gesorgt und 66.000 ha geschädigt.

Mais

Vor wenigen Tagen vermeldete die Vereinigte Hagel noch 30.000 Hektar geschädigte Fläche. Dieser Wert sich innerhalb kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Gut 66.000 Hektar wurden vom 18. bis 25. Juni zur Regulierung angemeldet.

Hintergrund sind so genannte Superzellen, die von Frankreich kommend über Baden-Württemberg und Bayern bis nach Österreich und Tschechien Hagelschneisen auf einer Länge von mehreren hundert Kilometern verursachten. Örtlicher Starkregen mit enormen Regenmengen aus sogenannten „Wasserbomben“ und Hagelschlossen in der Größe von Tennisbällen führten zu Schäden an nahezu allen Kulturen, oftmals mit Totalschäden.

Am 22. und erneut am 24. Juni reichte das Schadengebiet vom Starnberger See über München bis nach Passau. In Baden-Württemberg waren am 21. Juni die Region Neckar-Alb und nur zwei Tage später der Streifen von Freiburg über Reutlingen bis nach Esslingen am heftigsten getroffen. Ein lokales intensives Schadengebiet erstreckt sich an der Nordsee-Küste im Dreieck Groningen-Norden-Aurich sowohl auf der niederländischen als auch auf der deutschen Seite der Grenze. Darüber hinaus waren im Ausland vor allem die Poldergebiete am Ijsselmeer sowie das Baltikum betroffen.

Nach den ersten Besichtigungen rechnet die Vereinigte Hagel nun mit einem Schaden von etwa 20 bis 23 Millionen Euro, eine Verdopplung im Vergleich zum Anfang der letzten Woche.

Superzellen und was es damit auf sich hat

Hintergrund der nun erheblich höheren Schadenzahlen sind sog. Superzellen, die durch ihre Rotation und Langlebigkeit ein weitaus höheres Schadenpotenzial haben als gewöhnliche Gewitter. „Ihr wichtigstes Merkmal ist die sogenannte „Mesozyklone“, ein mächtiger rotierender Aufwindbereich (Updraft). Er erzeugt am Boden einen Unterdruck, sodass wie bei einem Staubsauger beständig die warme und energiegeladene Luft am Boden ansaugt werden und bis an den Oberrand der Troposphäre (über 10 km Höhe) gelangen kann. Dort wird die Warmluft angesaugt und auch die Gefahr von möglichen Tornados ist dort gegeben. Anschließend kommt es im Bereich der absinkenden Kaltluft nicht selten zu extremen Fallböen bis in den Orkanbereich. Superzellen entwickeln mit der Zeit eine Eigendynamik, die verhindert, dass die (als Ausgleich zur aufsteigenden Warmluft) absinkende Kaltluft in den Warmluftbereich eindringt. So wird die Mesozyklone über mehrere Stunden hinweg mit Warmluft gefüttert.

Durch die Langlebigkeit und die massive Power des rotierenden Updrafts können Hagelkörner mehrfach in die Höhe geschleudert werden und zu großen Hagelbrocken heranwachsen. Von Montag bis Donnerstag vergangener Woche waren im Süden Deutschlands die Bedingungen für diese rotierenden Monster ideal. In der unteren Atmosphäre lagerte eine warme und feuchte Luftmasse, sozusagen der Sprit für den Motor der rotierenden Mesozyklone.

Zudem kam der Wind in Bodennähe aus östlicher bis nordöstlicher Richtung (was das Ansaugen begünstigte), drehte bis in eine Höhe von etwa 5 Kilometern um nahezu 180° auf Südwest und nahm dabei deutlich zu. Kurz gesagt, es war ausreichend Richtungs- und Geschwindigkeitsscherung vorhanden. Dies ist Grundvoraussetzung für die Entstehung der Rotation im Aufwindbereich und trägt dazu bei, dass die absinkende Kaltluft nicht vor die Gewitterzelle gelangt.“ (Quelle und weitere Informationen unter www.dwd.de vom 27.06.2021 „Thema des Tages“)

Zur Zeit kein Ende in Sicht

Und es geht so weiter. Bereits gestern abend zog wieder eine Schwergewitterlage über Bayern hinweg und die Prognosen des Deutschen Wetterdienstes verheißen nichts Gutes. Es soll unbeständig mit teils kräftigen Schauern und Gewittern weitergehen. Zwar dürften sich die Risikogebiete etwas verlagern, aber die Großwetterlage ist weiterhin kritisch.

Am Donnerstag dürfte es des Norden und Osten Deutschlands treffen. Hier sind weitere markante Gewitter mit Starkregen angesagt. Unwetter nicht ganz ausgeschlossen aber deutlich weniger wahrscheinlich als am Vortag.

Am Freitag, abgesehen von vereinzelten Gewittern über den Mittelgebirgen sowie in der Norddeutschen Tiefebene, sind voraussichtlich keine signifikanten Wettererscheinungen.

Am Samstag kann es dann vor allem im Westen und Südwesten gebietsweise teils kräftige Schauer und Gewitter geben, vereinzelt Unwetter durch heftigen Starkregen.

Der Ausblick bis Dienstag nächster Woche lautet: Wechselhaft und mäßig warm bis warm. Immer wieder Schauer und Gewitter mit der Gefahr von Starkregen, lokal weiterhin Unwetter nicht ausgeschlossen.