Braugerstenanbau

Die Psychologie der Braugerste

Karola Meeder
Karola Meeder
am Donnerstag, 22.07.2021 - 11:57

Grundwasserschutz, weniger Pflanzenschutz, vielfältige Fruchtfolgen: Für viele aktuelle Ziele bietet die Braugerste eine Antwort, trotzdem hat sie Anbaufläche verloren. Sehr zum Leidwesen der Mälzer und Brauer.

Die Braugerste bietet ackerbauliche Vorteile – gleichzeitig hat sie aber auf dem Acker starke Konkurrenz. Besonders in Unterfranken zeigt sich das heuer deutlich: Um rund 30 % ist dort die Braugerstenanbaufläche im Vergleich zum Vorjahr gesunken – und zwar von rund 21.000 auf 15.000 ha.

„Einen so starken Rückgang hatte ich nicht erwartet“, sagt Dr. Herbert Siedler vom Landwirtschaftsamt Würzburg. Nach seinen Worten hat der Dinkel der Braugerste diese Fläche zu fast hundert Prozent abgenommen. Die günstige Marktlage habe dazu geführt, dass der Dinkelanbau in Unterfranken zur Ernte 2021 um 28 % ausgedehnt wurde.

Unwetter erforderte kurzfristige Umplanung

Dass die Rundfahrt der bayerischen Braugerstengemeinschaft in diesem Jahr Unterfranken zum Ziel hatte, war dem Unwetterjahr 2021 geschuldet. Schwerer Hagel hatte die zuvor ausgesuchten Flächen im Landkreis Ebersberg zerstört. Die Braugerste in Unterfranken machte Anfang Juli einen sehr schönen Eindruck. Doch auch Gastgeber Hanskarl Freiherr von Thüngen hat den Anteil der Braugerste auf seinen Flächen erneut reduziert. Zum einen zu Gunsten von Dinkel und Emmer, zum anderen aber auch durch die Teilnahme am Programm vielfältige Fruchtfolgen mit blühenden Kulturen. Auf mindestens 30 % der Ackerfläche müssen dann blühende Kulturen stehen – der Gutsbetrieb nutzt dazu Sonnenblumen, Erbsen und Raps.

Einen hohen Stellenwert hat die Braugerste aber trotzdem für den Gutsbetrieb behalten – kein Wunder, die eigene Brauerei braucht den Rohstoff, aber von Thüngen schätzt die Braugerste auch als wertvolle Kultur auf dem Acker. So bringt sie auf den rübenfähigen Flächen in der Regel gute Erträge. Gleichzeitig ist sie vergleichsweise anspruchslos, was Pflanzenschutz und Düngung angeht. Das bietet nicht nur Vorteile mit Blick auf die DüV – sondern im Falle des Gutsbetriebes auch mit Blick auf das Wasserprojekt Werntal. Auf freiwilliger Basis nehmen zahlreiche Landwirte der Region an dem Pilotprojekt zum Grundwasserschutz teil.

Freiherr-von-Thüngen

Von Thüngen erzählt stolz, dass es im Rahmen des Projektes bereits gelungen sei, den Nitratgehalt von 55 auf 35 mg/l zu senken. „Da spielt die Braugerste natürlich eine ganz wichtige Rolle“, betonte er. Natürlich werde die Braugerste in seinem Betrieb nicht untergehen – ihre Anteile werden aber wohl auch künftig von Jahr zu Jahr schwanken: „Nämlich in Abhängigkeit von der Marktlage. Ich denke, das ist auch das gute Recht eines jeden Landwirts“, so von Thüngen.

Doch obwohl die Braugerstenfläche in Unterfranken so stark abgenommen hat, wird das Braugerstenaufkommen heuer wohl auf dem Niveau des Vorjahres liegen, schätzt Siedler. Denn die Gerste hatte immer genügend Wasser. Das kühle Frühjahr hat dafür gesorgt, dass die Bestände etwa zwei Wochen später dran sind als in den vergangenen Jahren – geschadet hat es der Gerste aber nicht. Und so geht Siedler von guten Erträgen, gepaart mit guter Qualität aus. Dadurch könnte dann dieselbe Menge Qualitätsbraugerste erreicht werden wie 2020, also rund 80 000 t – vorausgesetzt das Wetter stellt doch noch auf Sommer und trockenes Erntewetter um.

Ernte Anfang bis Mitte August

Darauf hoffen natürlich alle – ganz besonders aber vermutlich die Anbauer in Oberfranken. In der ohnehin durch die Höhenlage späteren Region sind die Sommergersten ebenfalls rund zwei Wochen hinterher. Robert Sprinzl, Präsident des Bayerischen Mälzerbundes, rechnet damit, dass die Ernte Anfang bis Mitte August stattfinden wird. Auch in Oberfranken präsentieren sich die Bestände gut. Im Gegensatz zu Unterfranken sehen hier auch die Anbauzahlen gut aus: Oberfranken hat bayernweit die geringsten Rückgänge, wie Sprinzl erklärt. Er begründet das damit, dass der Bierrohstoff so stark in der Region eingebunden sei. „Ein Großteil der bayerischen Mälzereien liegt ja in der Region“, erklärte er. Spielt das Wetter bis zur Ernte mit, geht auch er von guten Erträgen und Qualitäten aus.

Ähnlich schätzt Dr. Markus Herz von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) die gesamtbayerische Ernte ein. Meist stehen die Gersten gut, nur in der Oberpfalz scheinen die Bestände etwas schwächer zu sein. „Dort war es im Frühjahr zu lange zu kühl, was der Bestandesentwicklung geschadet hat“, erklärt er. Insgesamt geht Herz von guten durchschnittlichen Erträgen mit über 50 dt/ha im Schnitt aus. Verdirbt das Wetter nicht noch kurz vor der Ernte die Hoffnung auf gute Qualitäten, wird Bayern heuer wohl zwischen 300 000 und 350 000 t Braugerste produzieren. Dann würde die Ernte auch bayernweit auf dem selben Niveau wie im Vorjahr liegen – obwohl die Anbaufläche im Freistaat um rund 10 % zurückgegangen ist.

Kaum ein Unterschied zwischen frühen und späten Sorte

Auf dem vom Gut Thüngen angelegten Streifenanbau verschiedener Braugerstensorten ließ sich heuer kaum ein Unterschied zwischen frühen und späten Sorten erkennen. Dr. Herz führt das auf die kühlere Phase im Frühjahr zurück. „Die Pflanzen waren in einer Art Warteposition und als es warm wurde, sind sie gleichzeitig durchgestartet“, erklärt er. Insgesamt sind die Braugerstensorten gut mit dem feuchten, kühlen Frühjahr zurechtgekommen, Sortenunterschiede hätten sich diesbezüglich nicht herauskristallisiert.

Er fasste kurz zusammen, was sich derzeit bei den Braugerstensorten tut: Die Sorte Solist läuft aus und RGT Planet besticht immer noch mit ihren agronomischen Leistungen – allerdings fehlt ihr ja bekanntlich die Verarbeitungsempfehlung des Berliner Programms. Dafür haben aber zwei Sorten, die RGT Planet im Stammbaum haben, heuer im Februar die Verarbeitungsempfehlung bekommen – und natürlich standen sie auch auf dem Demo-Versuch von Hanskarl von Thüngen:
  • Amidala: Sie zeigte bisher in den LSV überdurchschnittliche Erträge, eine gute Sortierung und gute Resistenzeigenschaften.
  • KWS Jessy: Sie braucht hohe Bestandesdichten und zeigte bisher eine eher schwache Leistung bezüglich der Sortierung. Für gute Ergebnisse braucht sie genügend Wasser und gute Standorte.
Die bewährte Sorte Avalon bringt gute Qualitäten und zeigt immer noch die beste Sortierung, sie fällt aber mittlerweile ertraglich etwas ab. Die Sorte Lexy wurde neu in die großtechnischen Praxisversuche im Rahmen des Berliner Programms aufgenommen. Bisher zeigt sie auf dem Feld sehr gute Erträge und eine gute Gesundheit. Wenn sie hält, was sie verspricht, scheint mit Lexy eine gute Braugerstensorte in der Pipeline zu sein, doch auch sie muss sich vor einer offiziellen Empfehlung erst mehrjährig beweisen.

Braugerste steht bei vielen Betrieben auf dem Prüfstand

Aber nicht nur die einzelne Sorte, auch die Braugerste generell scheint bei vielen Betrieben jedes Jahr auf dem Prüfstand zu stehen. Das zeigen die jährlich schwankenden und in der Tendenz nach unten gerichteten Anbauzahlen. Dem möchte Walter König vom Förderverein Braugerste gerne entgegenwirken. Gemeinsam mit Michael Gutmann, dem Vorstandsvorsitzenden des Vereins, sprach er über Regionalkonzepte, die die Verbundenheit der Landwirte zur Braugerste stärken und die Wertschöpfung in der Region halten sollen. „Wir wissen unsere regionalen Anbauer zu schätzen. Regionalität ist auch ein Qualitätsversprechen“, betonte Gutmann von der gleichnamigen Weißbierbrauerei in Titting im Landkreis Eichstätt. Darum sei es ein großes Anliegen seitens der Brauereien, dass die Verbindungen vom Acker bis zum Sudhaus gestärkt werden, um die Flächenanteile der Braugerste stabil zu halten.

Man müsse die Vorteile der Braugerste mehr betonen, sagte Dr. Herz. So leistet die Sommerung einen Beitrag zu vielfältigen Fruchtfolgen, sie gilt auch als Problemlöser bezogen auf Ackerfuchsschwanz und sie ist sehr genügsam. Oft reicht eine einzige Pflanzenschutzmaßnahme und die geringe N-Düngung leistet einen Beitrag zum Grundwasserschutz. Die Braugerste bietet also eine Antwort auf viele aktuelle politische Forderungen – damit sie sich gegen alternative Kulturen durchsetzt, muss aber auch die wirtschaftliche Komponente passen. Ein Punkt, der seit vielen Jahren auf verlässliche Antwort wartet.