Studie

Pflanzenschutz: Da liegt was in der Luft

Karola Meeder
Karola Meeder
am Donnerstag, 01.10.2020 - 11:40

Die Initiatoren der Studie „Pestizidbelastung der Luft“ fordern ein Sofortverbot für fünf Wirkstoffe und einen „Schadensausgleichs-Fonds“ für Biolandwirte.

Luftbewegung

"Viele giftige Pestizide und ihre Abbauprodukte verbreiten sich in erschreckendem Ausmaß über die Luft bis in Städte und Nationalparks hinein. Die Risiken für Gesundheit und Artenvielfalt sind unabsehbar“ – so beginnt die gemeinsame Pressemitteilung vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und des Umweltinstituts München. Dabei beziehen sie sich auf die von ihnen in Auftrag gegebene Studie „Pestizidbelastung der Luft“ und fordern ein Sofortverbot von fünf Wirkstoffen und die Entschädigung von Biolandwirten. Besagte Studie bündelt Messungen an 163 Standorten zwischen 2014 und 2019. Dabei wurde laut Pressemitteilung in allen Regionen Deutschlands „und weit abseits von potenziellen Ursprungs-Äckern“ Glyphosat nachgewiesen. Sogar auf der Spitze des Brockens im Harz habe man zwölf Wirkstoffe nachgewiesen. „Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren.“

Sofortverbot für fünf Wirkstoffe gefordert

Karl Bär vom Umweltinstitut München sagt dazu: „Die Ergebnisse sind schockierend. Die Ackergifte, die sich am meisten verbreiten – Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor –, müssen sofort verboten werden.“ Bär kritisiert, dass der Ferntransport von Wirkstoffen bislang im europäischen Zulassungsverfahren nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, richtete den Blick auf die Ökolandwirte: „Immer wieder werden biologisch bewirtschaftete Äcker durch Ackergifte kontaminiert, ganze Ernten gehen so verloren.“ Solange Pflanzenschutzmittel angewendet werden, müssen Ökolandwirte bei Kontaminationen ihrer Ernte über einen Schadensausgleichs-Fonds entschädigt werden, fordert Frank. Dieser müsse durch 10 % der jährlichen Umsatzerlöse der Hersteller gespeist werden.
Die Forderungen und die Wortwahl der beiden Institutionen dürfte nicht nur dem Industrieverband Agrar (IVA) übel aufgestoßen sein. Dieser kritisierte die jüngsten Äußerungen als „alarmistisch und wissenschaftlich nicht valide“.

Bloßer Nachweis sagt noch nichts über Gefahr

„Über diese Kampagne sind wir wirklich erstaunt. Die Hersteller appellieren schon länger, die Fälle, bei denen Landwirte ihr Erntegut nicht mehr vermarkten konnten, klar zu benennen. Bisher haben wir keine konsistenten Hinweise aus der Bio-Branche erhalten“, sagt IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer. Nach seinen Worten sind nicht nur die Funde selten; die dabei nachgewiesenen Mengen sind so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind. „Hier wird ein Thema künstlich aufgebauscht“, erklärt er weiter.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betont, dass die gesundheitliche Risikobewertung von Wirkstoffen natürlich Abdrift und Verflüchtigung berücksichtigt. Dabei gehe man als „Worst-Case“ davon aus, dass die räumliche und zeitliche Konzentration nicht durch Verfrachtung vermindert wird – somit ist der verfrachtete Anteil durch die Risikobewertung abgedeckt. Daher sei „bei sachgerechter und bestimmungsgemäßer Anwendung nicht von einem gesundheitlichen Risiko durch Abdrift auszugehen“.

Angesichts der präzisen Messtechnik, sagt der bloße Nachweis eines Stoffes noch nichts über die tatsächliche Gefahr aus – so misst die Studie in Mikrogramm (ein Tausendstel Milligramm) und Nanogramm (ein Millionstel Milligramm). Das verdeutlichte auch die Toxikologin Annette Lexa im französichen Magazin Cultivar: „Ich habe ein Worst-Case-Szenario erstellt, das völlig maximiert und unrealistisch ist: Geht man davon aus, dass ein Mensch jede Minute seines Lebens die Außenluft einatmet, so hat er eine Menge Pflanzenschutzmittel eingeatmet, die 20.000 Mal niedriger ist, als die zulässige Tagesdosis.“