Zuckerrübenanbau

Neoniks als Notfallplan

Auflaufende Zuckerrüben
Wolfgang Piller
Wolfgang Piller
am Dienstag, 13.10.2020 - 15:19

Geschützte Saat: Die nächsten Zuckerrüben könnten wieder mit einer schützenden Beizhülle ausgesät werden. Eine Notfallgenehmigung macht es möglich. Aber nur in Frankreich.

In Frankreich haben die von der Regierung geplanten Notfallzulassungen für neonikotinoide Beizen für Zuckerrübensaatgut die größte Hürde genommen. Die Nationalversammlung billigte einen entsprechenden Gesetzentwurf mit 313 Ja- und 158 Nein-Stimmen bei 56 Enthaltungen. Wie kontrovers das Thema selbst in der Regierungspartei La-République-en-marche (LREM) ist, wurde in den Abstimmungsergebnissen deutlich: 32 LREM-Abgeordnete stimmten gegen die Notfallzulassungen, weitere 36 enthielten sich - so stark war der innerparteiliche Gegenwind für die Regierung noch nie. Nun steht nur noch die Zustimmung im französischen Senat aus; sollten sich die beiden Kammern nicht einigen können, hat allerdings die Nationalversammlung das letzte Wort.

Es geht ums Überleben

Trotz teils scharfer Proteste von Umweltgruppen verteidigte der Pariser Agrarressortchef Julien Denormandie den Einsatz der Neonikotinoide als „alleinige Option“, das Überleben der französischen Zuckerwirtschaft zu sichern. Zufrieden mit dem Pariser Votum zeigte sich erwartungsgemäß Frankreichs Verband der Zuckerrübenerzeuger (CGB). Dessen Präsident Franck Sander bezeichnete die Zustimmung durch die Nationalversammlung als „wichtigen ersten Schritt“, die Anwendung bereits im kommenden Jahr zu ermöglichen. Diese sei vor allem zum Schutz der Zuckerrüben vor Blattläusen und vor einer Vergilbungsvirusinfektion unverzichtbar.

Naturschützer und Imker beklagen sich

Der Naturschutz-Dachverband France Nature Environnement (FNE) sprach von einem „Rückschlag“ für die Umwelt und die Bestäuber. Zahlreiche Studien über die Auswirkungen der Neonikotinoide hätten die Exporte sowie die vermeintliche Souveränität der Zuckerwirtschaft und der Lebensmittelindustrie nicht aufgewogen. Der französische Imkerverband (UNAF) beklagte, mit den Notfallzulassungen werde einer der wenigen wirklichen Fortschritte im Umweltschutz aus den vergangenen zehn Jahren wieder rückgängig gemacht.

Notfallgenehmigung auf drei Jahre begrenzt

Paris will die Notfallzulassungen für Zuckerrübensaatgut zunächst auf drei Jahre beschränken. Nach dem Einsatz der Neonikotinoide soll der Anbau von für Bestäuberinsekten attraktiven Kulturen zudem verboten werden. Erteilt werden sollen die Sondergenehmigungen von den Ministern für Landwirtschaft, Umwelt und Gesundheit, und zwar auf Grundlage der Stellungnahme eines eigens eingerichteten Kontrollgremiums.

Deutsche Rübenanbauer befürchten verzerrten Wettbewerb

Auch in Deutschland mehren sich die Stimmen nach einer Notfallzulassung der Beizmittel für Rübensaatgut. Der Vorsitzende der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ), Dr. Hans-Jörg Gebhard, hatte im Hinblick auf die mögliche Notfallzulassung von Neonikotinoiden auch in Frankreich nachdrücklich an das Bundeslandwirtschaftsministerium appelliert, weiteren Wettbewerbsverzerrungen innerhalb der EU zu Lasten der deutschen Landwirte nicht tatenlos zuzuschauen.