Humusaufbau

Komposttee und Blattsaft

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Veronika Fick-HaasKBM Neuburg
am Freitag, 09.04.2021 - 06:44

Mit Christoph Felgentreu und Ingrid Hörner haben sich ein deutschlandweit gefragter Bodenexperte und eine Verfechterin der regenerativen Landwirtschaft für ein Webinar zusammengetan – und unkonventionelle Praktiken vorgestellt.

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Als ich zum ersten Mal von Komposttee hörte und dass durch ihn der Einsatz von Fungiziden reduziert werden könnte, war das für mich Hokuspokus“, sagt Andreas Henfling, Mitarbeiter im Maschinenring Tirschenreuth. Er und eine Gruppe engagierter Landwirte haben den Komposttee trotz Skepsis ausprobiert – und sind bisher begeistert. Jetzt wollten sie noch mehr darüber erfahren und auch andere Praktiker dazu informieren.

Darum organisierte der MR Tirschenreuth ein zweitägiges Seminar mit Dr. Ingrid Hörner (Die grüne Beratung) und Christoph Felgentreu (Interessengemeinschaft gesunder Boden e.V.). „Komposttee ist per se kein Ersatz für Fungizidmaßnahmen, sondern ein Werkzeug zur Pflanzenstärkung innerhalb eines komplexen Systems. Er bringt Mikroorganismen zurück in den Boden, so dass eine Balance zwischen den pflanzenverfügbaren Nährstoffen hergestellt wird. Humusaufbau und Bodenleben sind dabei von entscheidender Bedeutung“, macht Dr. Ingrid Hörner gleich zu Beginn deutlich. Die promovierte Landwirtin bietet ihren Kunden Pflanzenbauberatung mit einem ganzheitlichen Ansatz an.

Komposttee – beziehungsweise die dadurch zugeführten Mikroorganismen – helfen den Kulturen laut Hörner bei gezielter Blattdüngung Stress zu mindern und die Photosynthese-Leistung zu steigern. Diese Vitalisierung der Kultur mit Mikroorganismen ist innerhalb der sogenannten regenerativen Landwirtschaft aber nur ein Aspekt. Laut Hörner wird auch auf das Gleichgewicht der Nährstoffe im Boden, auf eine schonende Bodenbearbeitung, eine dauerhafte und vielfältige Begrünung der Böden sowie auf eine Flächenkompostierung Wert gelegt. Das sind viele Ansatzpunkte. „Es ist zwar komplex, aber nicht kompliziert“, ist Ingrid Hörner überzeugt.

Gesunder Boden durch Photosynthese

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Immer wieder appellieren sie und Christoph Felgentreu an die Zuhörer, sich intensiv mit ihrem Boden auseinander zu setzen. Bilder von weggespülter Erde und laufenden Bächen am Acker – selbst bei relativ geringen Niederschlagsmengen – werden gezeigt. Der Rat der Referenten: „Fragt nach den Ursachen. Warum läuft das Wasser auf dem einen Feldstück ab und am anderen nicht?“ Als ersten Schritt zur Klärung empfehlen sie dazu „eine ordentliche Bodenuntersuchung, in der die Kationen-Austausch-Kapazität (KAK) geprüft wird“. Zur Bodenanalytik gehöre zudem das Feststellen von Nährstoffgehalten und deren Verhältnisse sowie Wechselwirkungen zueinander. Eine herkömmliche Bodenuntersuchung reiche hier nicht aus.

Wenn die Wasseraufnahme- und Nährstoffaufnahmekapazitäten sinken, sinkt auch die Produktivität. „Wir haben bereits Regionen mit stagnierenden oder fallenden Erträgen. Und die Faktoren verstärken sich negativ“, so Christoph Felgentreu. Er regt einfache Versuche zur Krümelstabilität oder Wasserinfiltration direkt vor Ort an.

Zu den zentralsten heutigen Erkenntnissen zum Humusaufbau zählen nach Dr. Ingrid Hörner die Ergebnisse der australischen Professorin Dr. Christine Jones. Sie wies nach, dass Humus durch die Pflanzen und ihre Photosynthese aufgebaut wird. „Dreißig bis vierzig Prozent der durch Photosynthese gebildeten Zucker werden im Boden über Wurzelexsudate ausgetauscht. Diese Ausscheidungen der Pflanzen bilden zusammen mit dem Glomalin Aggregate – also den Humus“, erklärt Hörner. Ein gesunder Boden entstehe damit letztlich durch Photosynthese.
Und somit sei das Ziel von gesunden Pflanzen mit hohen Photosyntheseleistungen auch im Sinne des Humusaufbaus. Die Photosyntheseleistung lässt sich anhand des Blattsaftes mit dem Refraktometer messen, wie Hörner weiter erklärte. Die Maßeinheit Brix gibt die relative Dichte von Flüssigkeiten und damit den Gehalt an gelösten Inhaltsstoffen an. So lässt sich nicht nur die Qualität von Obst und Gemüse überprüfen, sondern auch das Wachstum der Pflanzen.
„Ich bin ganze Sonntage am Feld gewesen und habe Messungen durchgeführt. Die Ergebnisse sind verblüffend“, berichtet Andreas Henfling. Teste man morgens, mittags und abends, so verändere sich der Wert. Das liege daran, dass die Photosynthese-Leistung im Laufe des Tages steigt. Nachmittags verlagert die Pflanze den Zucker dann in die Wurzeln – tut sie das nicht, bleiben die Werte den ganzen Tag über konstant. „Und das kann auf Bormangel hinweisen“, weiß Henfling. Der Brix-Wert sei darüber hinaus ein Indikator für gute Kalzium- und Phosphor-Versorgung.
Ingrid Hörner stellte eine weitere Besonderheit vor – das „Fiebermessen“ bei Pflanzen. Die Temperaturdifferenz der Blattoberfläche zur Umgebungstemperatur sei nämlich ein guter Indikator für den Stress der Pflanzen. Hörner animierte auch zu weiteren Messungen. Anhand weniger Tropfen des Blattsaftes lassen sich die elektrische Leitfähigkeit (EC), der pH-Wert sowie die Nährstoffe Nitrat, K, Ca, Na messen. Anhand der Messergebnisse könne man dann eine ganze Menge nützlicher Informationen ableiten.

Die Leistung der Pilze: Humus aufbauen und Pflanzen stärken

„Pilze sind in der Landwirtschaft meist negativ besetzt. Man denkt an Schadpilze. Doch rund 95 % im gesunden Boden sind nützlich. Sie machen den Boden preiswert fit“, bekräftigt Christoph Felgentreu.
Im Fokus hat er vor allem die Mykorrhizapilze, die mit Pflanzen eine enge Symbiose eingehen. Sie machen Mineralstoffe und Wasser aus dem Boden für die Pflanzen verfügbar. So verbessert die Teamarbeit mit den Pilzen die Wasser-, Stickstoff- und Phosphat-Versorgung der „infizierten“ Pflanzen. „Das Pilz-Bakterienverhältnis hat eine signifikant hohe Korrelation zu Erträgen“, berichtet Christoph Felgentreu. Anzustreben sei ein Verhältnis von mindesten 1:1. Ein Handicap für viele Betriebe ist es allerdings, dass Pilze keine tiefe Bodenbearbeitung mögen.
Und damit schließt sich der Kreis, denn im Weninar wurde auch die Herstellung eines pilzbetonten Komposts erklärt – und der wiederum kann als Ausgangsbasis für Komposttee oder die Impfung des Saatgutes dienen. Bau und Funktionsweise eines sogenannten Johnson Su Kompost-Reaktor wurden erläutert.
Im Unterschied zu klassischen Komposten wird als Ausgangsmaterial frisch gehäckseltes stark ligninhaltiges Material gemischt mit wenig Stallmist verwendet. Das Material wird nicht gewendet – und die ersten zwei Tage mittels Rohren belüftet. Nach der thermophilen Phase werden Kompostwürmer zugefügt.

Wichtig: Von Anfang an wird der Kompost über eine Sprühvorrichtung feucht gehalten. Die Konsistenz des Kompostes ist klebrig, fast wie Ton. Das Ganze habe nichts mit einem herkömmlichen Kompost gemein, sondern diene als Innokulat für die Impfung des Bodens mit Pilzen, erklärte Hörner, die förmlich darin aufgeht, den Praktikern solche unkonventionellen Maßnahmen näher zu bringen: „Der erste Schritt einer Veränderung beginnt im Kopf. Ich werde nicht müde jeden dazu zu animieren nach Lösungen zu suchen. Seid neugierig, probiert was aus – und tauscht euch mitanderen aus“, so ihr Credo. Das gebe Hoffnung und zeige Perspektiven auf.

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Brottrunk statt Glyphosat?

Eine weitere Möglichkeit der regenerativen Landwirtschaft findet die Anwendung mit Brottrunk. Hof Barsland aus Schleswig-Holstein verzichtet seit zwei Jahren auf Pflanzenschutzmittel. Bauer Thomas spritzt 15 Liter Brottrunk je ha aus und arbeitet das Ganze flach ein.

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