Düngerpreise

Keine rasche Entspannung bei Düngerpreisen erwartet

aiz
am Freitag, 26.11.2021 - 09:35

Ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren hat zu einer Preisexplosion geführt. Experten raten zu bedarfsgerechter Versorgung und Preisabsicherungen.

Die Preise für Düngemittel in der Landwirtschaft gehen seit einigen Monaten durch die Decke. Kostete in der Vergangenheit 1 kg Stickstoff durchschnittlich 1 Euro, so sind es gegenwärtig rund 2,50 Euro pro kg Stickstoff.

Auch wenn sich derzeit eine Seitwärtsbewegung der Notierungen abzeichnet, wird in nächster Zeit keine schnelle Entspannung erwartet. Die Gründe für die Kostenexplosion und wie landwirtschaftliche Betriebe darauf reagieren können, erörterten die Fachexperten Manfred Weinhappel , Pflanzenbaudirektor der Landwirtschaftskammer (LK) Niederösterreich, sowie Harald Lindner, Analyst in der Marktforschung, und Wolfgang Höfler, Verkaufsleiter für Zentraleuropa, beide von der Borealis Group, in einem Webinar.

Für den ersten Bedarf eindecken

Laut Weinhappel ist jetzt der Zeitpunkt für die Bäuerinnen und Bauern gekommen, sich über eine teilweise Eindeckung des ersten Bedarfs an Stickstoffdünger für die Saison 2021/22 Gedanken zu machen. "Bei anhaltend hohen Preisen ist ein maßgeschneidertes Düngermanagement unerlässlich, denn ganz ohne Stickstoffdünger wird es nicht gehen", empfahl Weinhappel folgende Optimierungsprozesse zur Erreichung eines zufriedenstellenden Deckungsbeitrages sowie zur Risikostreuung: So gilt es beispielsweise,

  • die Entwicklung des aktuell sehr volatilen Düngemittelmarktes intensiv zu beobachten und Händlerportfolios regelmäßig zu durchforsten.
  • Auch ein gemeinschaftlicher Düngerankauf in größeren Chargen kann angedacht werden, um etwa massenhafte Bestellungen und Lieferengpässe zu Vegetationsbeginn zu vermeiden.
  • Ein weiteres Instrument, das zur Verfügung steht, sind Preisabsicherungsmodelle für 2022, wie etwa für Weizen oder Raps. Derzeit wird Weizen bei einer Vermarktung im September 2022 an der Warenterminbörse Euronext in Paris mit 271 Euro/t gehandelt. Zudem bietet der Vertragsanbau, wie für Zuckerrübe, Kürbis und Erdäpfel, die Möglichkeit, mit vereinbarten Preismodellen die Erlöse richtig einschätzen zu können.

Wie reagieren Sie auf die Lage am Düngermarkt?

Ich warte ab und hoffe, dass sich die Situation bis zur ersten Gabe normalisiert hat.
24% (68 Stimmen)
Ich wollte mir trotz der hohen Preise eine gewisse Düngermenge sichern, habe aber nichts mehr bekommen.
3% (9 Stimmen)
Ich habe mir trotz der hohen Preise eine gewisse Düngermenge gesichert.
28% (79 Stimmen)
Ich habe mir Dünger für die nächste Saison gesichert und im Gegenzug einen Teil der Ernte über Kontrakte verkauft, um mir die Preise zu sichern.
6% (17 Stimmen)
Ich werde den Anteil der organischen Düngung weiter ausdehnen.
9% (26 Stimmen)
Ich führe einen reinen Ackerbaubetrieb und habe in letzter Zeit keinen organischen Dünger aufgenommen – werde das aber nun wieder in Betracht ziehen.
4% (11 Stimmen)
Ich werde meine Düngemenge reduzieren.
15% (44 Stimmen)
Kombiniert mit der Situation auf dem Pflanzenschutzmarkt, befürchte ich, dass mir die Ernte 2022 unterm Strich rote Zahlen bringt.
11% (31 Stimmen)
Total votes: 285
  • Auch das Nährstoffreservoir aus dem Vorjahr sollte je nach Vorfrucht nicht unterschätzt werden und kann anhand einer Nmin-Untersuchung ermittelt werden. Darüber hinaus geben die Nitratinformationsdienste Auskünfte zur Versorgungssituation der Böden im Frühjahr.
  • Außerdem können weniger nährstoffbedürftige Kulturen, wie beispielsweise Sojabohne oder Braugerste, in Betracht gezogen sowie düngeintensivere Kulturen je nach Entwicklungsstand versorgt werden, das reduzierte, aber dennoch bedarfsgerechte Gaben bedeuten kann.
  • Fällt die Entscheidung auf eine radikale Extensivierung, sollte der Landwirt genau überlegen und kalkulieren, ob sich diese tatsächlich lohnt, so Weinhappel. Nicht zuletzt haben auch weitere Produktionsfaktoren, wie Saatgut, Pflanzenschutz und Treibstoff, preislich deutlich zugelegt.

Viele heimische Landwirte sind noch unschlüssig, was den nächsten Düngereinkauf betrifft, wie auch eine Umfrage während des Webinars ergeben hat. Mehr als ein Drittel der Teilnehmer gab an, noch so gut wie keinen Dünger eingekauft zu haben.

Treiber der Preisspirale

Der Treiber für eine derartige Preisspirale nach oben ist laut den Experten Lindner und Höfler eine Kombination verschiedenster Faktoren, die unglücklicherweise zum selben Zeitpunkt zusammengetroffen sind.

  • Zum einen ist es die globale wirtschaftliche Erholung aus den Tiefen der Corona-Krise, durch die Fabriken wieder hochgefahren und Energiepreise befeuert wurden,
  • zum anderen sind es Wetterextreme. "Ein 'normaler' Winter in den Anfangsmonaten 2021 in Europa hat die Gasmärkte auf dem falschen Fuß erwischt, denn die Gasspeicher waren nicht so vollgefüllt wie in den vergangenen Jahren, und so hatte Europa bereits eine schlechtere Ausgangsposition", erklärte Lindner. Ein Blackout durch eine außergewöhnliche Hitzewelle im September im Süden von China, der gleichzeitig mit einer Kältewelle im Norden von China einherging, habe einen regelrechten Energiehunger ausgelöst.
  • Zudem musste eine durch ungünstiges Wetter weltweit reduzierte Produktion aus Wind, Sonne und Wasserkraft mit Energie aus Gas und Kohle kompensiert werden, und das Pipeline-Projekt "Nord Stream 2" ist zum Spielball politischer Interessen geworden.

"Es kann jeden Tag neue Meldungen geben, die den Energiepreis nach oben ausschlagen lassen", so Lindner, der von keiner Entspannung bis zum Frühjahr 2022 ausgeht.