Pflanzenschutz

Integrierter Pflanzenschutz im Visier

Getreide
Jakob Maier, LfL Pflanzenschutz, Freising
am Donnerstag, 14.01.2021 - 17:25

Weil die EU Defizite bei der Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes ausgemacht hat, soll es entsprechende Überprüfungen auf den Betrieben geben.

Auf einen Blick

  • Die EU verlangt, dass die Vorgaben zum integrierten Pflanzenschutz (IPS) eingehalten werden. Darum soll nun die Einhaltung des IPS in den Betrieben überprüft werden – genaueres ist noch nicht bekannt.
  • Das deutsche Pflanzenschutzgesetz fordert im Zuge des IPS chemische Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Maß zu beschränken.
  • Zuvor müssen z. B. präventive (z. B. Fruchtfolge, Sortenwahl; Hygiene), physikalische oder biologische Maßnahmen geprüft und/oder angewandt werden.

Landwirte müssen Grundsätze des integrierten Pflanzenschutz einhalten

Pflanzenschutz

Landwirte und alle anderen Anwender von Profi-Pflanzenschutzmitteln müssen seit dem 1. Januar 2014 die allgemeinen Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes einhalten.

So lauten die Vorgaben der EU-Richtlinie 2009/128/EG über einen Aktionsrahmen der Gemeinschaft für die nachhaltige Verwendung von Pestiziden. In den vergangenen Jahren hat die EU in einigen Mitgliedstaaten geprüft, ob diese eingehalten werden – und Defizite festgestellt, die behoben werden müssen.

Deshalb soll die Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes in den nächsten Jahren in den Betrieben überprüft werden.

Neu ist das Thema aber nicht: Der integrierte Pflanzenschutz wird schon seit Jahrzehnten weltweit als Leitbild des praktischen Pflanzenschutzes in der Landwirtschaft herausgestellt – so auch in der Agenda 21 der UNO-Konferenz für Umwelt und Entwicklung von 1992. Ein Jahrzehnt später diente das Leitbild des integrierten Pflanzenschutzes als Grundlage für die Verankerung im EU-Rechtsrahmen.

Das Ziel ist klar gesteckt

„Die mit der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln verbundenen Risiken und Auswirkungen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verringern und die Anwendung des integrierten Pflanzenschutzes sowie alternativer Methoden oder Verfahren wie nichtchemischer Alternativen zu Pflanzenschutzmitteln zu fördern“. Dies würde auch zur beabsichtigten Reduzierung „der Abhängigkeit von der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln beitragen.“

Letztendlich wurde dann der integrierte Pflanzenschutz mit der EU-Richtlinie 2009/128/EG zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln verbindlich für alle Mitgliedstaaten vorgeschrieben. Der Artikel 2 der Richtlinie definiert den integrierten Pflanzenschutz so:
  • Alle verfügbaren Pflanzenschutzmethoden müssen sorgfältig abgewogen werden.
  • Anschließend müssen geeignete Maßnahmen, die der Entstehung von Populationen von Schadorganismen entgegenwirken, eingebunden werden.
  • Die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln und anderen Abwehr- und Bekämpfungsmethoden müssen auf einem Niveau gehalten werden, das wirtschaftlich und ökologisch vertretbar ist und Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt reduziert oder minimiert.
  • Der integrierte Pflanzenschutz stellt auf das Wachstum gesunder Nutzpflanzen bei möglichst geringer Störung der landwirtschaftlichen Ökosysteme ab und fördert natürliche Mechanismen zur Bekämpfung von Schädlingen.
In Anhang III werden umfangreiche Erläuterungen zum integrierten Pflanzenschutz als „Allgemeine Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes“ ausgeführt. Alle beruflichen Verwender müssen diese spätestens seit dem 1. Januar 2014 anwenden. Der Auftrag der EU an die Mitgliedstaaten ist ganz klar: Sie sollen einen Pflanzenschutz mit geringer Pflanzenschutzmittel-Verwendung — insbesondere den integrierten Pflanzenschutz — fördern und die erforderlichen Voraussetzungen und Maßnahmen schaffen. Wann immer möglich, ist nicht-chemischen Methoden der Vorzug zu geben.

Zusätzliche Betonung im Pflanzenschutzgesetz

Um den Vorgaben der EU-Richtlinie zu genügen und um der Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes in den Betrieben entsprechenden Nachdruck zu verleihen, findet sich der integrierte Pflanzenschutz im deutschen Pflanzenschutzgesetz – dort wird er in § 2 Nr. 2 prägnant beschrieben: Er „ist eine Kombination von Verfahren, bei denen unter vorrangiger Berücksichtigung biologischer, biotechnischer, pflanzenzüchterischer sowie anbau- und kulturtechnischer Maßnahmen die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Maß beschränkt wird.“

Praktiker müssen die Leitlinien kennen

Die Grundsätze des IPS sind recht allgemein gehalten – die speziellen Vorgaben für die Umsetzung des IPS in den einzelnen Kulturen bzw. Sektoren werden in Leitlinien ausformuliert. Diese werden von Verbänden unter Einbindung der Offizialberatung erstellt und nach Anerkennung durch den wissenschaftlichen Beirat zum Nationalen Aktionsplan zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (NAP) im Bundesanzeiger veröffentlicht. Die schon erschienenen Leitlinien finden Sie hier.

Überprüfung in den Betrieben kommt

Alle Anwender von Pflanzenschutzmitteln sind gehalten, diese – und die noch erscheinenden – Leitlinien als Grundlage des praktischen Pflanzenschutzes zu kennen und zu verwenden. Die Leitlinien sollen den Ackerbauern dabei helfen herauszufinden, wo sie den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren können und diese Möglichkeiten dann auch auszuschöpfen: Die Gesamtstrategie beginnt bei der Gestaltung der Fruchtfolge und der Sortenwahl bis hin zu alternativen Verfahren, Bandspritzung und letztendlich Ausbringgeräten auf den aktuellen Stand der Technik.
Bereits 2013 mussten die Mitgliedstaaten der EU-Kommission Bericht über die Fortschritte bei der Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes erstatten – insbesondere darüber, ob die nötigen Voraussetzungen gegeben sind. Mittlerweile hat die EU in einigen Mitgliedstaaten geprüft, ob und inwieweit die beruflichen Verwender die Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes, die seit 2014 eingehalten werden müssen, anwenden. Dabei hat sie Defizite festgestellt, die behoben werden müssen.
Als positives Beispiel wurde das in Irland angewandte Verfahren genannt. Diesem Beispiel folgend erstellen die Bundesländer derzeit neben einer Checkliste auch eine Broschüre mit erläuternden Beispielen zu den allgemeinen Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes. In den kommenden Jahren soll bundesweit damit begonnen werden, die Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes auf Betriebsebene zu überprüfen. Näheres dazu ist noch nicht bekannt, die Abstimmungen dazu laufen noch.

Allgemeine Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes

Gemäß Anhang III der EU-Richtlinie 2009/128/EG gelten folgende allgemeinen Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes:

  1. Die Vorbeugung und/oder Bekämpfung von Schadorganismen sollte neben anderen Optionen insbesondere wie folgt erreicht oder unterstützt werden:
    Fruchtfolge;
    Anwendung geeigneter Kultivierungsverfahren (z. B. Unkrautbekämpfung im abgesetzten Saatbett vor der Saat/ Pflanzung, Aussaattermine und -dichte, Untersaat, konservierende Bodenbearbeitung, Schnitt und Direktsaat);
    gegebenenfalls Verwendung resistenter/toleranter Sorten und von Standardsaat- und -pflanzgut/zertifiziertem Saat- und Pflanzgut;
    Anwendung ausgewogener Dünge-, Kalkungs- und Bewässerungs-/Drainageverfahren;Vorbeugung gegen die Ausbreitung von Schadorganismen durch Hygienemaßnahmen (z. B. durch regelmäßiges Reinigen der Maschinen und Geräte);
    Schutz und Förderung wichtiger Nutzorganismen, z. B. durch geeignete Pflanzenschutzmaßnahmen oder die Nutzung ökologischer Infrastrukturen innerhalb und außerhalb der Anbau- oder Produktionsflächen.
  2. Schadorganismen müssen mit geeigneten Methoden und Instrumenten, sofern solche zur Verfügung stehen, überwacht werden. Zu diesen geeigneten Instrumenten sind unter anderem Beobachtungen vor Ort und Systeme für wissenschaftlich begründete Warnungen, Voraussagen und Frühdiagnosen, sofern dies möglich ist, sowie die Einholung von Ratschlägen beruflich qualifizierter Berater zu zählen.
  3. Auf der Grundlage der Ergebnisse der Überwachung muss der berufliche Verwender entscheiden, ob und wann er Pflanzenschutzmaßnahmen anwenden will. Solide und wissenschaftlich begründete Schwellenwerte sind wesentliche Komponenten der Entscheidungsfindung. Bei der Entscheidung über eine Behandlung gegen Schadorganismen sind wenn möglich die für die betroffene Region, die spezifischen Gebiete, die Kulturpflanzen und die besonderen klimatischen Bedingungen festgelegten Schwellenwerte zu berücksichtigen.
  4. Nachhaltigen biologischen, physikalischen und anderen nichtchemischen Methoden ist der Vorzug vor chemischen Methoden zu geben, wenn sich mit ihnen ein zufrieden stellendes Ergebnis bei der Bekämpfung von Schädlingen erzielen lässt.
  5. Die eingesetzten Pflanzenschutzmittel müssen so zielartenspezifisch wie möglich sein und die geringsten Nebenwirkungen auf die menschliche Gesundheit, Nichtzielorganismen und die Umwelt haben.
  6. Der berufliche Verwender sollte die Verwendung von Pestiziden und andere Bekämpfungsmethoden auf das notwendige Maß begrenzen (z. B. durch Verringerung der Aufwandmenge, verringerte Anwendungshäufigkeit oder Teilflächenanwendung), wobei er berücksichtigen muss, dass die Höhe des Risikos für die Vegetation akzeptabel sein muss und das Risiko der Entwicklung von Resistenzen in den Schadorganismenpopulationen nicht erhöht werden darf.
  7. Wenn ein Risiko der Resistenz gegen Pflanzenschutzmaßnahmen bekannt ist und der Umfang des Befalls mit Schadorganismen wiederholte Anwendungen auf die Pflanzen erforderlich macht, sind verfügbare Resistenzvermeidungsstrategien anzuwenden, um die Wirksamkeit der Produkte zu erhalten.
  8. Der berufliche Verwender muss auf der Grundlage der Aufzeichnungen über Pestizidanwendungen und der Überwachung von Schadorganismen den Erfolg der angewandten Pflanzenschutzmaßnahmen überprüfen.