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Humusaufbau

InnoTour Bayern für klimafitte Böden

Daniel-Pröbstle-Gast-Celli-Fräse
Karola Meeder
Karola Meeder
am Donnerstag, 15.07.2021 - 13:18

Auftakt der InnoTour Bayern mit dem Thema nachhaltiger Humusaufbau. Das Landwirtschaftsministerium hat dazu Betriebe in den Fokus genommen, die nicht nach Schulbuchwissen arbeiten – und Erfolg damit haben.

Sepp-Hägler

Komposttee, Flächenrotte, angewelkte Pflanzenreste einfräsen und anschließend walzen oder die Kinsey-Bodenuntersuchung: Mit Sepp Hägler und Michael Reber hat das Bayerische Landwirtschaftsministerium zwei Referenten eingeladen, die nicht nach Schulbuchwissen arbeiten – und das offensichtlich mit Erfolg. Die Aufmerksamkeit zahlreicher Praktiker und der Medien haben sie bereits in den vergangen Jahren gewonnen – und nun auch die des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Unter den Praktikern, die sich für die alternativen Methoden interessiert haben, war auch Daniel Pröbstle. Er hat sich 2017 bewusst dazu entschieden, das Anbausystem auf seinem Betrieb zu ändern. Der Boden, seine Gesundheit und der Humus sollten mehr im Mittelpunkt stehen. Dass er dazu auf Mulchsaat umstellt, war ihm schnell klar. Aber was gehört noch zu einem ganzheitlichen System? Das Handwerkszeug, um diese Frage zu beantworten, habe er beim „Bodenkurs im Grünen“ bekommen, erzählte Pröbstle den rund 35 Gästen auf seinem Betrieb in Kötz (Lks. Günzburg). Seine Gäste waren bunt gemischt. Es waren Praktiker, Wissenschaftler, Berater und Vertreter von Verbänden dabei. Und diese Mischung war kein Zufall, denn die Gäste wurden gezielt vom Ministerium eingeladen – und zwar zur Auftaktveranstaltung der InnoTour Bayern 21/22. Sie soll Praxis und Wissenschaft besser vernetzen, um so Lösungen für aktuelle Themen zu finden. Bei der ersten von sieben geplanten Stationen der InnoTour drehte sich auf dem Betrieb Pröbstle alles um nachhaltigen Humusaufbau.

Auch Starkniederschläge verkraften

Gerade die vergangenen niederschlagsreichen Wochen haben uns wieder deutlich vor Augen geführt, was wir eigentlich längst wissen – aber leider nicht immer die nötige Beachtung findet: Wir brauchen klimafitte Böden. Sie müssen nicht nur bei Trockenheit die Pflanzen möglichst lange mit Wasser versorgen, sondern auch mit Starkniederschlägen zurechtkommen. Es braucht also stabile Strukturen sowie hohe Wasseraufnahme- und Wasserspeicherkapazitäten. Untrennbar mit diesen Eigenschaften verbunden ist der Humus. Aber nicht nur wegen seinem Einfluss auf die Bodeneigenschaften – auch durch das Stichwort Kohlenstoffspeicher ist der Humus wieder verstärkt in die Diskussion gekommen.

Zurück zu den klimafitten Böden: Dass gezielte Maßnahmen auch ihre Wirkung haben, konnte Daniel Pröbstle heuer auf seinen Äckern erkennen. Während seine Maisflächen den starken Niederschlägen trotzten, trat auf Nachbarfeldern Erosion auf. „Das hat mir gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, betonte er. Und gerade, weil nicht immer alles glatt laufe, wenn man sich auf neues Terrain begibt, „sind solche Motivationsschübe wirklich wichtig“, fügte er hinzu.
Der Bodenkurs, den er gemeinsam mit seinem Onkel besucht hatte, ist für ihn aus zwei Gründen wichtig – zum einen, weil er dadurch Teil eines Netzwerkes aus Praktikern geworden ist, die sich gegenseitig austauschen und dabei helfen, Lösungen für die jeweiligen Standorte zu finden. Zum anderen, weil es – unabhängig vom Veranstalter solcher Kurse – sehr hilfreich sei, sich mehrere Tage am Stück nur mit dem Boden, dem Bodenleben, der Bodenphysik und der Bodenchemie zu beschäftigen. Wenn man das alles als zusammenhängendes System verstanden habe, falle es auch leichter, Entscheidungen für den eigenen Betrieb zu treffen.

Grundsätze für die Bodenbewirtschaftung

Pröbstle setzt nun unter anderem auf die Kinsey-Philosophie. „Wir sind noch am Anfang, aber ich will die Spurenelemente ins Gleichgewicht bringen. Denn je besser die Bodenchemie läuft, desto besser läuft auch der Anbau. Davon bin ich überzeugt“, erklärte er. Pröbstle hofft, dass er dadurch langfristig auch Pflanzenschutzmittel einsparen kann. Er hat auch Methoden von Sepp Hägler übernommen, was man schon an der auf dem Hof befindlichen Celli-Fräße erkennen kann, und legt ebenso viel Wert darauf, dass der Boden nicht mehr nackt in den Winter geht.

„Es geht darum, den Hägler Sepp zu kapieren, und nicht darum, ihn zu kopieren“, stellte Sepp Hägler klar. Jeder müsse für seinen Standort und seinen Betrieb selbst das passende System finden. Dabei sind seiner Meinung nach die folgenden Grundsätze wichtig:
  • Keine grünen Pflanzen in den Boden einarbeiten.
  • So wenig Bodenbearbeitung wie möglich.
  • Maximales Wurzelwachstum als Ziel setzen.
  • Den Fokus auf die Bodenchemie legen.

Bodenchemie als Schlüssel zum Erfolg

„Die Bodenchemie ist der Schlüssel zum Erfolg“, ist er überzeugt. Hägler, der kein Geheimnis daraus macht, dass er Quereinsteiger ist, erklärte wie er zu dieser Erkenntnis kam: Er hatte schon früher, als er noch konventionell wirtschaftete, öfter Wissenschaftler auf seinem Hof. So kam es auch zu Blutuntersuchungen seiner Kühe. Dabei habe sich gezeigt, welch „großen Einfluss die Spurennährstoffe auf die Gesundheit der Tiere haben“, blickte Hägler zurück. „Und dann habe ich mir gedacht: Die Kuh ist ein Lebewesen, sie braucht ausgeglichene Nährstoffverhältnisse. Der Boden ist auch ein Lebewesen – warum braucht er nur NPK?“. Dieser Gedanke brachte Hägler dazu, tiefer in die Bodenchemie einzusteigen. So kam er zur Kinsey-Methode. „Das war das einzige, das mich weitergebracht hat“, erzählt er und betont aber auch, dass jede Untersuchungsmethode ihre Stärken und Schwächen habe. Wichtig sei es, die Schwachpunkte der gewählten Methode zu kennen und darauf zu reagieren.

Wetter gibt den Takt vor

Auch Michael Reber hat in den letzen Jahren einiges auf seinem Betrieb und auf den Äckern verändert. An seinem Weg hin zu Methoden der Regenerativen Landwirtschaft wie Komposttee und Flächenrotte hat er Interessierte über die digitalen Netzwerke teilhaben lassen. Am Ziel ist er aber noch nicht. „Das heurige Frühjahr hat mir deutlich gezeigt, dass wir die Bodenbearbeitung noch weiter reduzieren müssen“, sagte er. Generell müssten die Böden resilienter gegenüber Wetterextremen werden – und das besser gestern als heute. Doch der Boden ist nicht nur ein komplexes, sondern auch ein relativ träges System. Und daher befürchtet er, dass „uns das Wetter rechts überholt.“

Doch nicht nur der Klimawandel und die damit verbunden Wetterextreme zwingen zu Veränderungen – auch die DüV sowie Resistenzen und Restriktionen beim Pflanzenschutz, führte Reber weiter aus. „Den Bauern wird immer mehr weggenommen. Man sagt ihnen aber nicht, wie sie darauf reagieren können.“
Darum begrüßte er das neue Format InnoTour Bayern ausdrücklich. Er sieht sie als Zeichen, dass man die Bauern eben nicht im Regen stehen lässt, sondern nach praxisorientierten Lösungen sucht. „Deswegen blicke ich schon ein wenig neidisch auf meine bayerischen Kollegen. Solche Bemühungen gibt es bei uns in Baden-Württemberg nicht“, sagte er.

Konservierende Bodenbearbeitung erhöht nicht automatisch Humusgehalt

Sozusagen als Starthilfe für den erwünschten Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft wurden auf einem der Maisfelder von Daniel Pröbstle Bodenprofile ausgehoben. Professor Dr. Bernhard Göbel von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ging zuerst auf die Geologie ein und startete dann die Diskussion. Er ist als Befürworter der konservierenden Bodenbearbeitung bekannt. „Zu Anfang hatten wir große Hoffnungen, dass die reduzierte Bodenbearbeitung deutlich zum Humusaufbau beitragen kann“, sagte er. Zahlreiche Studien aus Amerika hätten gezeigt, dass Bodenbearbeitung mit CO2-Freisetzung – also Humusabbau – einhergehe. Der logische Umkehrschluss: Der Verzicht auf Bodenbearbeitung sorgt für Humusaufbau.

Dass das leider nicht so einfach ist, ist mittlerweile bekannt. So ist es in der Regel eher so, dass sich bei reduzierter Bodenbearbeitung der Humus im Boden anders verteilt: In der obersten Bodenschicht (bis 10 cm Tiefe) steigt der Humusgehalt zwar, er sinkt aber dafür im Bereich von etwa 10 bis 40 cm Tiefe.
Warum so viele amerikanische Studien Humusaufbau bei reduzierter Bodenbearbeitung bescheinigen, erklärte schließlich Prof. Dr. Kurt-Jürgen Hülsbergen von der TUM: Oft wurde der Boden nur in den obersten 5 bis 7 cm beprobt, weshalb die verringerten Humusvorräte in der unteren Bodenschicht gar nicht wahrgenommen wurden. Eine Auswertung von Studien mit tieferer Beprobung ergab laut Hülsbergen folgendes: In etwa 50 % der Fälle brachte die reduzierte Bodenbearbeitung höhere Humusgehalte, in etwa 25 % der Fälle waren keine Unterschiede erkennbar und in weiteren 25 % der Fälle war der Humusgehalt in den Parzellen mit Pflugeinsatz höher. Das unterstreiche, dass der Humusgehalt im Boden eben nicht ausschließlich von der Bodenbearbeitung, sondern von vielen weiteren Faktoren abhängig sei, sagte Göbel.

Passender Rahmen für Humusaufbau

„Wenn der ganze Rahmen es nicht hergibt, reicht die Bodenbearbeitung alleine nicht für einen Humusaufbau aus“. Aber was genau ist dann der passende Rahmen für Humusaufbau? Hülsbergen und Göbel nannten folgende Punkte:

  • In Fruchtfolgesystemen denken.
  • Mehrjährige Leguminosen in die Fruchtfolge aufnehmen.
  • Den Boden so lange wie möglich im Jahr bedeckt halten.
  • Bei organischen Düngern nicht auf Quantität, sondern auf Qualität setzen.
  • Agroforstelemente anlegen.
Doch auch, wenn die reduzierte Bodenbearbeitung in Bezug auf den Humusgehalt nicht die Effekte hat, die man sich versprochen hat: Im Anbausystem hat die Bodenbearbeitung natürlich eine große Bedeutung, da waren sich Wissenschaftler und Praktiker einig.

Vergütung über CO2-Zertifikate

Deutlich mehr Diskussionsstoff bieten da die sogenannten CO2-Zertifikate – sie versprechen Landwirten eine Vergütung für CO2-Speicherung im Boden, also Humusaufbau. Weil die Untersuchung solcher Veränderungen im Boden kompliziert und häufig fehlerbelastet ist, werden sie unter anderem von der LfL kritisch gesehen (mehr dazu im Wochenblatt-Archiv: Heft 3/2021, ab Seite 37). Auf Nachfrage erzählte Michael Reber von den Ergebnissen auf seinem Betrieb: Carbocert hat bei ihm im Zeitraum von 2017 bis Herbst 2020 einen Humusaufbau zwischen 0,1 und 0,15 % je Hektar und Jahr festgestellt.

Hülsbergen gab zu bedenken, dass man erste Ergebnisse von Humusaufbau erst nach fünf bis zehn Jahren messen könne. Auch Reber kennt die Bedenken gegenüber solchen Zertifikaten und betonte, dass es ihm in erster Linie um einen gesunden Boden und den damit verbundenen verbesserten Bodeneigenschaften gehe. Und wenn sich dadurch die Humusgehalte messbar verbessern, bieten solche Zertifikate einen schönen finanziellen Nebeneffekt. Mehr aber auch nicht. Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Bernhard Göbel: Trotz der Kritikpunkte – wenn die CO2-Zertifikate dazu führen, dass Maßnahmen zum Humusaufbau und Bodenschutz vermehrt angewendet werden, haben sie schon einen guten Dienst getan.

Klimawandel verstärkt Humusabbau

Bei der Diskussion am Maisfeld wurde auch deutlich, dass es vermutlich in Zukunft auf unseren Äckern weniger um Humusaufbau geht, sondern eher darum, Humusabbau zu vermeiden. Wie schon mehrfach im Wochenblatt berichtet, ist davon auszugehen, dass im Zuge des Klimawandels langfristig die Humusvorräte abnehmen werden. Die LfL rechnet für Bayern mit einem Rückgang von bis zu 25 % in den nächsten Jahrzehnten – und das würde uns weiter in die Zwickmühle treiben: Einerseits würde das den Klimawandel weiter anheizen. Andererseits würden die Speicher- und Pufferfunktionen unserer Böden noch wichtiger werden – sich aber gleichzeitig durch den Humusabbau verschlechtern. Einziger Ausweg: Gegen den Humusabbau ankämpfen. Laut LfL muss dazu in den kommenden Jahrzehnten der Eintrag organischer Substanz um mindestens 30 % steigen – und zwar nur, um die heutigen Humusvorräte zu erhalten (mehr dazu im Wochenblatt-Archiv Heft 46/2020, Seite 27 – 29).

Umso dringlicher wirkt da das Thema der InnoTour-Station zum nachhaltigen Humusaufbau. Bei diesem ersten Treffen war man sich am Ende des Tages einig, dass eine staatliche Förderung zum Humusaufbau – wegen der Unsicherheiten bei der Messung – nicht an Messergebnisse gebunden sein sollte. Stattdessen sollte es eine maßnahmengebundene Förderung geben. Das würde es der Praxis leichter machen, gleichzeitig ließe sich auch die Einhaltung besser überprüfen. Betrachtet man die Zielsetzung der InnoTour, wäre es die logische Fortsetzung, dass sich nun alle Teilnehmer aus Praxis, Beratung, Verbänden und Wissenschaft gemeinsam dafür stark machen.