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Futtermittel

Hirse – mehr als ein Mais-Ersatz

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Reinhard Puntigam, Martin Schäffler, LfL Tierernährung, Grub
am Dienstag, 08.03.2022 - 07:31

Pflanzenbauliche Eigenschaften machen die Körnerhirse zu einer interessanten Alternative zu Mais und anderen Getreidearten. Auch aus Sicht der Tierernährung spricht einiges für den Einsatz in der Schweine- und Geflügelfütterung.

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Die Körnerhirse (Sorghum bicolor (L.) Moench) rangiert mit einem Produktionsvolumen von knapp 41 Millionen Tonnen an fünfter Position der weltweit wichtigsten Getreidearten. Auch in Europa konnte in den vergangenen Jahren ein Anstieg der Anbaufläche verzeichnet werden.

Speziell in Österreich findet diese Kultur als Alternative zum Mais breite Anwendung sowohl am Feld, um den Maiswurzelbohrer in Schach zu halten, als auch verstärkt im Futtertrog. Hierzu wurden in Österreich erste Versuche unter dem Motto „Mais raus und Körnerhirse rein“ durchgeführt. Zusätzlich ging man dabei der Frage nach: „Funktioniert Hirse auch ohne vorangegangene Vermahlung der Körner in der Geflügelfütterung?“

Mehr Protein, geringere Verdaulichkeit

Vergleicht man die beiden Einzelfuttermittel Körnermais und Körnerhirse nährstofflich, so weist die Hirse neben einem gesteigertem Proteingehalt vergleichbare Gehalte an Brutto-Aminosäuren auf, jedoch sind die Verdaulichkeitswerte dieser im Vergleich zu Mais geringer. Hierbei gilt es zu beachten, dass eine Anpassung der Mineralstoffmischung hinsichtlich der Aminosäuren vorzunehmen ist, um die tierische Leistungsfähigkeit bestmöglich aufrecht zu erhalten.
Darüber hinaus weist das weiß bis rotbraun gefärbte runde Korn keine Farbstoffe auf, was den Zusatz von Farbstoffen in der Legehennenfütterung erforderlich macht. Die Befürchtung, dass enthaltene Tannine sich negativ auf die Nährstoffverdaulichkeit auswirken könnten, ist überholt, denn ausschließlich die Zulassung von Sorten unter einem maximalen Tanningehalt ist erlaubt.
Zu aktuellen Hirsesorten gibt es derzeit wenig Nährstoffuntersuchungen (Tabelle 1). Zusätzlich ist eine hohe Variabilität zwischen Tabellenwerten zu beobachten. Dies verdeutlicht die Wichtigkeit von Nährstoffanalysen der Körnerhirse und deren gezielten Anwendung zur Rationskalkulation.

Fütterungsversuche bei Mastschwein und Ferkel

2013 wurden erste Fütterungsversuche beim Schwein in Österreich durchgeführt. Der Einsatz von 20 % Körnerhirse im Austausch gegen Körnermais in der Schweinemast ließ keine negativen Auswirkungen auf die Mast- und Schlachtleistung erkennen. Jedoch konnte gezeigt werden, dass sich durch den Einsatz von Körnerhirse die Speckqualität hinsichtlich des Fettsäuremusters (geringerer Gehalt an mehrfachungesättigten Fettsäuren) verbessern lässt.
Auch bei einem weiteren Schweinemastversuch, bei dem 40 % Körnerhirse in der Vor- und Endmast eingesetzt wurde, wie auch Körnermais vollständig ersetzt wurde, zeigten sich nahezu identische Leistungen zwischen den Versuchsgruppen. Vergleichbare Ergebnisse wurden in der Ferkelaufzucht erzielt. Der Einsatz von 30, 50 und 70 % Körnerhirse in den Ferkelrationen an Stelle von Körnermais und Gerste war ohne Leistungseinbußen möglich.
Es wird von den Autoren jedoch immer wieder auf die Wichtigkeit der Anpassung der Aminosäurenausstattung unter Berücksichtigung der Verdaulichkeit hingewiesen. Neben Fütterungsversuchen beim Ferkel- und Mastschwein galt es auch, Fragen zur Silierung der Körnerhirse und deren Auswirkung auf die Nährstoffverdaulichkeit beim Schwein zu beantworten.
Zu diesem Zweck wurde die Körnerhirse von einem Feld an drei unterschiedlichen Ernteterminen geerntet, unvermahlen siliert und verfüttert. Ähnlich wie bei Forschungsarbeiten mit siliertem Körnermais konnte auch bei der Nutzung von Körnerhirse nachgewiesen werden, dass ein Trockenmassegehalt von ca. 70 % in der höchsten Nährstoffverdaulichkeit resultiert.

Versuchsergebnisse bei Masthuhn und Legehenne

Auch beim Mastgeflügel und bei der Legehenne wurden erste Ergebnisse erzielt. Hierzu wurden Fütterungsversuche mit Broilern (Ross 308) und Legehennen (Genetik Lohmann LSL Classic und Lohmann Brown-Classic) durchgeführt. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe mit Körnermais als Getreidekomponente wurde dieser in beiden Versuchen zu 50 bzw. 100 % durch Körnerhirse in den mehligen Rationen ersetzt.
In einer weiteren Versuchsgruppe wurde Mais ebenfalls vollständig durch Körnerhirse ersetzt, wobei jedoch 50 % unvermahlen eingemischt wurden. Die angebotenen Rationen wiesen neben Mais und Körnerhirse als weitere Rationskomponenten Sojaextraktionsschrot sowie eine Mineralstoff-, Vitamin- und Spurenelementergänzung auf (in der Grafik als Rest dargestellt). Entscheidend ist, dass die Versuchsrationen auf Basis ilealer Aminosäureverdaulichkeit gängiger Fachliteratur kalkuliert und erforderliche Ergänzungen mittels kristalliner Aminosäuren durchgeführt wurden.
Im Vergleich zur maisbasierten Kontrollgruppe konnte kein Unterschied in der täglichen Zunahme als auch der Futteraufnahme und -verwertung aufgrund eines 50- bzw. 100-prozentigen Ersatzes von Körnermais durch Körnerhirse nachgewiesen werden. Auch der Einsatz von unvermahlener Körnerhirse wirkte sich nicht negativ aus, steigerte jedoch wie zu erwarten deutlich die Durchschnittspartikelgröße der Rationen.
Die Verdaulichkeit der Rohnährstoffe wie auch der meisten Aminosäuren blieb unabhängig von der Einsatzmenge und dem Vermahlungsgrad unbeeinflusst. In Tabelle 2 werden die Ergebnisse der Mastleistung veranschaulicht.
Auch die erhobenen Schlachtleistungsergebnisse sowie die Zerlegung zeigten das gleiche Bild. Weder das Schlachtkörpergewicht noch die Ausschlachtung und Anteile an Teilstücken (z. B. Brust und Schenkel) unterschieden sich zwischen den Versuchsgruppen. Der Einsatz unvermahlener Körnerhirse resultierte in einem gesteigerten Magengewicht und die Gelbfärbung des Absominalfettes sank aufgrund des Körnerhirseeinsatzes.
Der Einsatz von Körnerhirse hatte über den gesamten Versuchszeitraum keinen Einfluss auf das Lebendgewicht der Hennen. Ebenfalls konnte kein Unterschied bezüglich der Legeleistung, Eianzahl sowie dem Eigewicht zwischen den Versuchsgruppen festgestellt werden. Sowohl der gesteigerte Einsatz als auch der Anteil an unvermahlener Körnerhirse übten darüber hinaus keinen Einfluss auf die Schalenbruchfestigkeit aus. Demgegenüber konnten deutliche Effekte auf die Dotterfarbe festgestellt werden. Nach einer Anfütterungsphase aller Tiere mit konventionellem Alleinfuttermittel waren die Dotterfarben zwischen den Versuchsgruppen identisch, jedoch konnte bereits nach der ersten Versuchswoche ein deutlicher Effekt beobachtet werden. Dieser bezieht sich im Speziellen auf den Gelbton, der bis zum Versuchsende bei den Hirsegruppen deutlich sank.

Hirse – die bessere Alternative zum Mais?

Die „Körnerhirse scheint mehr als eine Alternative zu Körnermais“ zu sein.
  • Der teilweise oder vollständige Ersatz von Körnermais durch Körnerhirse ist sowohl in der Schweine- als auch Geflügelfütterung ohne Leistungseinbußen möglich, wenn die Rationskalkulation auf Basis der verdaulichen Aminosäuren erfolgt.
  • Unvermahlene Körnerhirse kann als Futter für Geflügel zu einer Kostenreduktion in der Futtermittelaufbereitung sowie zu einem gesteigerten Tierwohl beitragen.
  • Aufgrund der fehlenden Farbpigmente in der Körnerhirse ist eine Ergänzung erforderlich, um keine negativen Auswirkungen auf die Produktqualität hinsichtlich der Farbe zu riskieren.
Ausblick: Auch an der LfL sind unter Kooperation des Institutes für Pflanzenbau sowie dem Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft Anbau- und Fütterungsversuche geplant. Hierzu sollen wichtige Fragen speziell zum Sorteneffekt, der Einsatzhöhe in Schweinerationen sowie die Nährstoffverdaulichkeit praxisnah beantwortet werden.