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Gentechnik

„Golden Rice“ ist da: Neustart für die Gentechnik?

Reisanbau auf den Philippinen: Nach 20 Jahren bekommt der „Golden Rice“ seine Chance. Der Debatte um Gentechnik in der Landwirtschaft könnte das neuen Schwung geben.
Peter Laufmann, agrarheute
am Montag, 05.12.2022 - 16:00

Die Debatte um gentechnisch veränderte Pflanzen bekommt einen neuen Schub. Auf den Philippinen ernteten Bauern erstmals „Golden Rice“. Deutschland bleibt skeptisch gegenüber Gentechnik.

Die Ankündigung im Jahr 2000 elektrisierte die Welt: Forscher hatten mit Hilfe von Gentechnik einen „Goldenen Reis“ geschaffen. Der Clou an der Pflanze ist, dass er erhöhte Mengen an Betacarotin enthält und damit helfen soll, den Vitamin-A-Mangel in vielen Ländern zu lindern. Jetzt, nach mehr als 20 Jahren, holten Reisbauern auf den Philippinen zum ersten Mal den goldenen Reis von den Feldern. Auf 40 Hektar ernteten sie 67 Tonnen. Der Reis steht für den erbitterten Streit, ob Gentechnik Fluch oder Segen ist. Derzeit sieht es so aus, als ob die Chancen größer als die Risiken seien. Es hängt an der Politik.

Der goldene Reis stammt wenn auch nicht aus der Steinzeit der Forschung an GVO so doch zumindest aus einer Frühzeit. Die Wissenschaftler um Ingo Potrykus (ETH Zürich) und Peter Beyer (Universität Freiburg) wollten mit dem Reis ein Grundnahrungsmittel schaffen, dass die Unterversorgung mit Vitamin A mindert. Vitamin A ist wichtig für das Sehvermögen und das Immunsystem. Das Problem des Mangels taucht vor allem in Afrika und Asien auf. Laut Weltgesundheitsorganisation erblinden weltweit jährlich bis zu einer halben Million Kinder aufgrund des Vitamin-A-Mangels. Die Hälfte von ihnen stirbt. Der goldene Reis sollte eine neue Zeit begründen, in der Ernährungsmangelkrankheiten durch gezielte Genveränderung an Pflanzen vermieden werden könnten.

Langer Weg des Golden Rice vom Labor zu den Landwirten

Doch aus dem goldenen Zeitalter wurde nichts. Der Einbau von Erbgut aus der Narzisse und eines Bakteriums in den Reis führte zwar zu einer Basis-Sorte, die gute Ergebnisse lieferte, aber die Skepsis blieb. Der Reis wurde weiter verbessert und es war vorgesehen, dass Bauern das Saatgut kostenlos nutzen durften. Die Idee ist auch heute noch, dass Bauern den goldenen Reis in ihre lokalen Sorten einkreuzen und damit angepassten Reis mit der neuen Eigenschaft erhalten. Vor allem die Philippinen waren am Golden Rice interessiert. Doch die Genehmigung verzögerte sich Jahr um Jahr. 2013 zerstörten Gegner Versuchsfelder, 2015 verbot das oberste Gericht den Anbau von GVO, 2016 erlaubte es ihn wieder, 2019 bekam der Reis die Zulassung, aber erst 2021 erlaubten die Behörden die kommerzielle Nutzung. 2022 kam er schließlich auf die Felder.

Kritischer Blick auf Gentechnik in der Landwirtschaft

Geholfen hat in dem Kontext, das Australien und Neuseeland 2017 die Einfuhr von Golden Rice als Lebensmittel grundsätzlich genehmigt hatten. 2018 schlossen sich die USA und Kanada an. In Europa ist man gegenüber dem Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft grundsätzlich skeptischer, vor allem in Deutschland. Umweltverbände wie Greenpeace oder der BUND kritisieren immer wieder mangelnde Forschung zu Risiken. Und auch der Verbraucher scheut GVO. Nach einer Umfrage des Umweltministeriums von 2019 halten 81 Prozent es für wichtig oder sogar sehr wichtig, den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft zu verbieten.

Kein Zweifel, die Angst vor Mutanten im Essen und in der Umwelt ist da. Der Grusel vor kombiniertem Erbgut unterschiedlicher Lebensformen hat sich tief in den Köpfen festgesetzt. Dabei arbeiten Forscher heute anders als vor 20 Jahren. War es früher eher eine Schrotflinte, mit der Forscher Erbgut veränderten, ist es heute eher der Präzisionsschuss. CRISPR/Cas9 ist so ein genaues Werkzeug, mit dem sich einzelne Erbgut-Bausteine gezielt verändern lassen. Damit minimieren sich unbeabsichtigte Nebenwirkungen; Gentechnik ist exakter und planbarer. Und entspricht eher natürlichen Mutationen, wie sie auch in klassischer Züchtung vorkommt.

Deutsche Regierung folgt Ideologie, nicht der Wissenschaft

Befürworter fordern deswegen eine Neubewertung der Gentechnik in der Landwirtschaft. Eine Reihe von Wissenschaftlern sieht ein riesiges Potential. So hatte die Leopoldina bereits 2019 ein Statement pro Gentechnik rausgegeben: „Mittels Genomeditierung können verbesserte Nutzpflanzen schneller und zielgerichteter gezüchtet werden als bisher“, heißt es da. Auch folgen dem bereits eine ganze Reihe von Ländern. Brasilien etwa setzt stark auf eigene Entwicklungen und Lösungen. Landwirte sollen mit neuen Sorten imstande sein, Erträge zu halten, indem Pflanzen trockenresistenter werden oder weniger Dünger brauchen. In Deutschland ist man vorsichtiger. So haben sich Ende November die Kritiker bei einer Anhörung im Ernährungsausschuss des Bundestages durchgesetzt. Die Union wollte eine positivere Haltung Deutschlands zu neuen Züchtungsmethoden und eine Reform des EU-Gentechnikrechts anschieben.

Die Mehrheit der geladenen Sachverständigen vertrat eine skeptische Haltung, ob neue Züchtungsmethoden wirklich halten würden, was sie versprechen. Heike Moldenhauer, Generalsekretärin der European Non-GMO Industry Association (ENGA), sprach etwa von „unbewiesenem Lösungspotential“. Die Experten verwiesen auf ungeklärte Sicherheitsfragen und forderten Anpassung in Richtung Anbauvielfalt. Die Grünen unterstützen weiterhin die kritische Haltung. Sie setzen auf eine Landwirtschaft ohne Gentechnik und sind für eine strenge REgulierung aller Verfahren. Der agrarpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Stegemann sagte dazu: „Rot und Grün bremsen diese Zukunftstechnologien im Ackerbau aus purer Ideologie aus.“

Neues Gentechnikrecht kommt in der EU

In der EU weht der Wind eher pro Gentechnik. Auf einem informellen Treffen der EU-Agrarminister im September fordere eine Mehrheit der Minister, die Regeln zu lockern. Da der aktuelle Rechtsrahmen als unzureichend gilt, wird ein Vorschlag für Mitte 2023 erwartet. Umweltschützer sehen die Gefahr, dass künftig gentechnisch veränderte Organismen ungekennzeichnet und unkontrolliert auf den Markt kommen könnten. Das nähme Verbrauchern und Landwirten die Wahlfreiheit, so der BUND. Die Organisation verweist zudem auf mögliche Verbindungen von Wissenschaftlern, die pro Gentechnik sind, mit wirtschaftlichen Interessen.