Krautabtötung

Die erste Saison ohne Patentrezept

Sikkation-Kartoffelanbau_B
Gerhard Eißele, Arbeitsgemeinschaft der Berater der Pflanzenschutzindustrie in Bayern
am Montag, 13.07.2020 - 13:04

Sikkation in Kartoffeln: Mit dem Ende der Deiquat-basierten Produkte fällt die Standardlösung weg. Erzeuger brauchen neue Strategien.

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Auf einen Blick

  • In der Vergangenheit wurde im Sikkationsprozess das Blattdach meist mit Deiquat-basierten Mitteln geöffnet. Vielfach reichte eine einmalige Anwendung aus. Diese Mittel stehen nicht mehr zur Verfügung.
  • Zur chemischen Krautabtötung gibt es aktuell nur drei Präparate – Shark, Quickdown sowie Beloukha.
  • Weil klar war, dass die Krautabtötung ohne Deiqat nicht mehr so einfach und kostengünstig durchzuführen sein wird, wurden vorab Versuche zu Alternativen angelegt.

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Die Qualität sichern und die Ernte erleichtern – die Krautabtötung hat ihren festen Platz im Kartoffeljahr. Sie steuert die gleichmäßige Abreife des gesamten Kartoffelbestandes und bewirkt eine hohe Schalenfestigkeit – was Knollenbeschädigung beim Roden und Einlagern verringert.

Hinzu kommt, dass die sogenannte Sikkation die Trennung der Knollen von den Stolonen unterstützt und so wirksam den Wiederaustrieb verhindert. Besonders in Vermehrungsbeständen muss der Wiederaustrieb aufgrund der Attraktivität von Virusvektoren (Blattläusen) unterdrückt werden. Mit der richtigen Strategie (siehe Zusatzinfo unten) lässt sich das Risiko von Virusinfektionen, Braunfäule im Lager oder Krautfäuleinfektionen deutlich minimieren.

Erste Saison ohne den bewährten Wirkstoff

BLW_Kartoffeln-Sikkation-natuerliche-Abreifesymptome

In der Vergangenheit wurde im Sikkationsprozess das Blattdach meist mit Deiquat-basierten Mitteln geöffnet. Vielfach reichte eine einmalige Anwendung aus. Diese Mittel stehen ab diesem Sommer nicht mehr zur Verfügung – die Aufbrauchsfrist dieser Produkte endete am 4. Februar.

Im Markt stehen zur chemischen Krautabtötung aktuell nur drei Präparate zur Verfügung – Shark und Quickdown sowie die Pelargonsäure Beloukha. Alle drei unterscheiden sich in ihrer Wirkweise von Deiquat-Produkten. Shark und Quickdown sind Kontaktmittel, die sich durch ihre Wirkweise besonders zur Stängelsikkation eignen.

In Vorbereitung auf die Situation ohne Deiquat-Mittel begann man bereits vor einigen Jahren sich intensiv mit Alternativen, vor allem auch mechanischer und thermischer Varianten, zu beschäftigen: Der amtliche Dienst in Bayern, Ringversuche über ganz Deutschland, die Industrie und auch der Handel legten zahlreiche Versuche zu Sikkation in der Kartoffel an – war man sich doch von vorne weg einig, dass die Krautabtötung in einer Zeit ohne Deiqat nicht mehr so einfach und kostengünstig durchzuführen sein wird.

Alternativen haben Nachteile

Die nicht chemischen Alternativen haben aber auch Nachteile. Vor allem in Pflanzkartoffeln birgt Krautschlagen das Risiko der Übertragung von Bakterienkrankheiten bzw. die Gefahr des Wiederaustriebes in sehr wüchsigen, gut genährten Beständen. Verschärft wird die Thematik in Jahren mit hoher Wasser- und damit einhergehend Stickstoffnachlieferung, wenn die Kartoffel nicht in eine natürliche Abreife übergehen.

Abgesehen von der Befahrbarkeit der Bestände und daraus resultierend weiterer Folgen wie Klutenbildung, Knollenverletzung oder Entstehung von grünen Knollen. Erschwerend kommt hinzu, dass die genannten Präparate teils begrenzte Indikationen für den Einsatz haben.

Was die Versuche der Praxis sagen

Bleibt also die Frage, welche Strategie Praktiker fahren sollten. Darauf können die Ergebnisse der Versuche Antworten geben. Geprüft wurden nicht nur rein chemische Varianten, sondern auch Verfahren in Verbindung mit Abflammen und Krautschlagen in den verschiedenen Produktionsrichtungen.

Ergebnisse bei den Pflanzkartoffeln

Länderübergreifend wurde 2019 eine gemeinsam abgestimmte Versuchsreihe der LfL in Bayern und dem LTZ Augustenberg in Baden-Württemberg speziell in Pflanzkartoffel durchgeführt. Die Prüfung fand in fünf Versuchen auf vier Standorten in den Sorten Granola, Jelly, Agria, Kuba, Euroresa und Fontane statt.

Das Ergebnis war ernüchternd: Keine der rein chemischen Varianten bestehend aus dem Prüfmittel Beloukha bzw. Spritzfolgen damit, gefolgt von Mizuki (eine in Zulassung befindliche Fertigformulierung aus Quickdown und Toil) erzielte trotz mehrmaliger Anwendung eine vollständige Krautabtötung.

BLW_Wiederaustrieb 2

In den Prüfgliedern mit Krautschlagen bzw. Abflammen gefolgt von Beloukha bzw. Mizuki gelang es zwar in einigen Varianten, Blatt und Stängel nahezu vollständig abzutöten. Allerdings kam es in allen Varianten zu teils starkem Wiederaustrieb. Die Bonituren auf Gefäßbündelverbräunung und Nabelendnekrosen erbrachten keine signifikanten Unterschiede zwischen den geprüften Versuchsgliedern.

Die besten Ergebnisse wurden in Varianten erzielt, die aus einer Spritzfolge von zweimal 0,8 l/ha Quickdown + 2,0 l/ha Toil gefolgt von 1,0 l/ha Shark erfolgte. Der Wiederaustrieb blieb hier am geringsten. Dieses Ergebnis als eine der leistungsfähigsten und sichersten Produktkombinationen zeigte sich auch in anderen Versuchen in der Pflanzkartoffel.

Zur noch besseren Wirkungsabsicherung hat die Firma FMC einen Antrag auf Notfallzulassung nach Art. 53 für eine zweite Anwendung von Shark gestellt, um die Problematik des Wiederaustriebes speziell in der Pflanzkartoffel und/oder in besonders wüchsigen Beständen weiter zu kontrollieren.

Die Auflage, dass der Einsatz von Quickdown in Pflanzkartoffeln ein vorheriges Schlegeln voraussetzt, kann im bevorstehenden Erntejahr durch eine „Notfallzulassung nach Art. 53 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2209 für 120 Tage (1. 6. 2020 bis 28. 9. 2020) zur Krautabtötung ohne vorheriges Schlegeln“ umgangen werden.

Ergebnisse bei den restlichen Produktionsrichtungen

In den anderen Produktionsrichtungen zeigten sich auch in mittlerweile mehrjährigen Versuchen und Beobachtungen die Spritzfolge aus 0,8 l/ha Quickdown + 2,0 l/ha Toil gefolgt von 1,0 l/ha Shark als die leistungsstärksten und sichersten Spritzfolgen. Beim mechanischen Krautschlagen stellte sich der Einsatz von 1,0 l/ha Shark im Anschluss als die verlässlichste Variante heraus, um einen Wiederaustrieb des Stängels zu unterbinden.

Quickdown (Pyraflufen) und Shark (Carfentrazone) sind Kontaktherbzide, deren Wirkstoffe durch die Hemmung eines Enzyms in die Photosynthese der Pflanzen eingreifen. Dies führt zur Zerstörung der Zellmembran, die Pflanze nekrotisiert und stirbt innerhalb weniger Tage ab. Es findet kein Transport der Wirkstoffe innerhalb der Pflanze statt. Wegen dieses Prozesses sind beide Produkte sehr lichtabhängig und sollten für eine gute Wirkung nur bei strahlungsreicher Witterung eingesetzt werden.

Idealerweise findet die Applikation in der ersten Tageshälfte bei strahlendem und andauerndem (mindestens fünf Stunden) Sonnenschein statt. Je intensiver die Strahlung und je länger sie andauert desto besser die Wirkung. Versuchs- und Praxisbeobachtungen haben gezeigt, dass vor allem bei Shark, aber auch Quickdown die Zugabe eines Weißöls (Paraffinöl) die Leistung unter den angegebenen Bedingungen nochmals deutlich steigern kann.

Die eingeschränkte Auswahl an Präparaten, die verschiedenen Produktionsrichtungen im Kartoffelanbau, klimatische und strukturelle Bedingungen, aber auch die Kosten- und Zeitintensität lässt eine pauschale und für alle Belange gültige (und vor allem einfache) Empfehlung ohne Deiquat-basierte Produkte derzeit noch nicht zu.

Deshalb sind weitere Versuchsreihen nötig und geplant, um die derzeit verfügbaren chemischen, mechanischen und thermischen Verfahren mit- und gegeneinander zu prüfen. Am Ende bleibt nichts anderes übrig, als jeden Schlag und jede Situation individuell zu betrachten und zu bewerten.

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Die Strategie muss stimmen und zum Ziel passen

Mit der richtigen Strategie bringt die Krautabtötung einige Vorteile. Es gilt aber, Grundregeln einzuhalten – denn eine Sikkation greift in den Stoffwechsel der Pflanze und damit in die Abreife ein. Ertrag und Qualität können positiv – aber auch negativ beeinflusst werden.

Bei Speisekartoffel stehen je nach Sorte, Kochtyp und Verwertung die notwendige Größensortierung und der Stärkegehalt im Vordergrund. Ausgereifte, schalenfeste und gesunde Knollen sind eine zwingende Voraussetzung. Gesteuert werden Knollengröße und der Stärkegehalt durch die gezielte Terminwahl der Krautabtötung.

Die Krautabtötung unterstützt zudem die Ausbildung von schalenfester Ware, da die Beseitigung des Krautes den Stoffwechsel der Pflanze einschränkt, was die vorzeitige Abreife der Knollen fördert. Bei schalenfesten Kartoffeln sinkt das Risiko von Braunfäuleinfektionen deutlich, da der Eintritt von unerwünschten Krankheitserregern unterbunden wird.

Gleiche Parameter gelten bei Industrie- und Veredelungskartoffeln. Darüberhinaus spielt hier noch das sortenspezifische Unterwassergewicht eine wichtige Rolle, um die jeweiligen Backeigenschaften (z. B. bei Chipskartoffel) voll auszuschöpfen.

Eine Krautminderung sollte in dieser Produktionsrichtung erst nach Erreichen der physiologischen Reife erfolgen, da bei zu früher Abtötung der sortenspezifische Stärkegehalt vermindert wird.

Bei Stärkekartoffel spielt der Stärkegehalt die entscheidende Rolle. Die Sikkation des Kartoffelkrautes verbessert auch hier die Schalenfestigkeit und damit die Lagerfähigkeit.