Artenvielfalt

Düngeregeln (nur) für Risikobetriebe

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Wolfgang Piller
Wolfgang Piller
am Donnerstag, 07.03.2019 - 15:14

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, kurz AbL, schaut bei ihrer Frühjahrstagung auf Möglichkeiten, die Artenvielfalt zu erhalten und versucht einen kritischen Blick auf die neue Düngeverordnung.

Wir brauchen das freiwillige Engagement der Landwirte.

Warum nicht extensive Betriebe von der Düngeverordnung befreien?

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Schon der Name Düngeverordnung sei irreführend, denn sie sei ja keine Verordnung für richtiges Düngen, sondern nur eine Verordnung von Obergrenzen und Bilanzen. Und weil diese starr für so gut wie alle Betriebe gelten, bestrafe sie auch die Falschen, während die echten Verursacher der Nitratprobleme im Grundwasser im Großen und Ganzen weitermachen könnten wie bisher – reduziert auf den Kern, könnte die Kritik von Onno Poppinga an der Düngeverordnung etwa so zusammengefasst werden.

Bei der Frühjahrstagung der AbL-Bayern vertiefte er seine kritischen Anmerkungen aber natürlich. Ohne zu verschweigen, dass auch Einträge von Klärwerken, Städten, Industrie, Verkehr und aus der Luft ihren Beitrag leisten, habe es schon vor Jahrzehnten auch aus Kreisen der Bauernschaft die Forderung gegeben, die Tierzahlen je Betrieb und je Hektar zu begrenzen, sagte Professor Poppinga (Kasseler Institut für ländliche Entwicklung).
Wäre das befolgt worden, würden viele Probleme nicht so zu Tage treten. Jetzt gebe es die Überschüsse in der Stickstoffdüngung. Deutschlandweit betrachtet, sagte der Agrarwissenschaftler, lägen die Überschüsse in der Stickstoffdüngung bei über 100 kg/ha. Er berief sich dabei auf Untersuchungen von Dr. Martin Bach von der Universität Gießen. Nicht nur, dass das im Grunde Verluste für die Landwirte hochgerechnet in Höhe von 1,8 Mrd. € bedeutet, läge darin auch die Ursache vieler Grundwasserprobleme und letztlich auch der Forderungen der EU-Nitratrichtlinie begründet.
Schon jetzt habe die Bundesregierung aufgrund des Urteils des EU-Gerichtshofes eine Verschärfung der Düngeverordnung für die roten Gebiete ankündigen müssen:
  • Sollwerte für die Düngebedarfsermittlung sollen gesenkt werden,
  • die 170-kg-Regel als Obergrenze für organische Dünger soll dann nicht mehr betriebs-, sondern schlagbezogen gelten,
  • eine Aufzeichnungspflicht für aufgebrachte Dünger soll die Nährstoffvergleiche ersetzen und
  • die Bundesländer müssten vier weitere Maßnahmen vorschreiben.
  • Vor allem aber, sagte Poppinga, sei wohl der Bilanzüberschuss von 50 kg/ha „vom Tisch“. Das wäre eine massive Einschränkung im Vergleich zu bisher.
Die Unterscheidung zwischen roten, weißen und grünen Gebieten und damit verbunden unterschiedlich strenge Auflagen halte er für vernünftig. Doch blieben wegen der flächenbezogenen Politik immer noch Betriebe von den bürokratischen Auflagen betroffen, die selbst keinerlei Risiko für die Umwelt darstellen. Es gebe jetzt schon die Betriebe, die präzise arbeiten und ohne hohen N-Einsatz gute Erträge erzielen. „Es kommt stattdessen darauf an, die Risikobetriebe zu finden“, sagte Poppinga. Bisher könnten diese, wenn sie in grünen Gebieten liegen, mit relativ niedrigen Anforderungen weiter arbeiten wie gewohnt.
„Statt dem Verursacherprinzip gilt weiterhin die kollektive Haftung“, spitzte er zu. Seine Forderung diesbezüglich ist, Betriebe, die kein Risiko darstellen, von der Düngeverordnung ganz zu entlassen. Das wären zum einen die Biobetriebe (die zumindest im Schnitt eher zu wenige als zu viele Tiere halten) und Betriebe, die mit wenig Stickstoff je Hektar arbeiten. Als Grenze brachte er 120 kg N/ha ins Spiel. Solange eine solch extensive Wirtschaftsweise nicht über den Markt abzugelten sei, müssten die Umweltprogramme die grundwasserschonende Arbeit fördern.
Die Landwirte sollten dabei auch ihre Ziele neu ausrichten und statt auf Höchstleistungen zu zielen, verstärkt Erträge und Kosten ins Verhältnis bringen, also die Wirtschaftlichkeit stärker berücksichtigen. Als Beispiel nannte er Zahlen aus dem bayerischen Rinderreport (2016/2017), bei dem jene Betriebe mit niedrigsten Kraftfuttergaben nicht nur beim Gewinnbeitrag je Kuh über dem Durchschnitt lagen, sondern sogar deutlich an der Spitze.
Zuvor war es in der Tagung in Weichering um ein anderes hochaktuelles Thema gegangen: die Artenvielfalt. Dabei verwies Dr. Wolfram Güthler vom bayerischen Umweltministerium auf einige Problembereiche im Bereich der Agrarlandschaften. Die Zahlen bei den Brutpaaren von Vogelarten wie Kiebitz, Feldlerche und Rebhühnern gehen in Deutschland drastisch zurück und sie können als Indikator auch für übergeordnete Probleme gelten. Bei den Ackerwildkräutern gilt der größte Schwund für die Innenbereiche der Äcker. Als Alarmzeichen wertet Güthler auch europäische Auswertungen zu sogenanntem High Nature Value Farmland, also zu landwirtschaftlichen Flächen mit besonderem Naturwert. Diese gehen in Deutschland kontinuierlich zurück.
Dabei brach Güthler eine Lanze für das Prinzip, die Landwirte auf freiwilliger Basis für den Erhalt wertvoller Flächen einzubinden. Ein Beispiel, wo das gelingt, seien etwa die Buckelwiesen bei Mittenwald, die ohne die Landwirte kaum zu erhalten wären. Weil naturschutzbezogene Probleme oft komplex seien, gelte es auch komplex zu handeln. Deshalb sei es auch richtig, gesetzliche Vorgaben mit Anreizen auf freiwilliger Basis zu verknüpfen. Die Verbraucher in die Pflicht zu nehmen, sei nicht zu vergessen.
Leistungen, die von den Landwirten erbracht würden, müssten auch entgolten werden. Damit schlug er die Brücke zum Vertragsnaturschutz (VNP), das „als System durchaus anerkannt“ sei. Immerhin gebe es schon 90 000 ha, die als VNP-Flächen gefördert würden. 20 000 Bauern, Schäfer und Teichwirte seien eingebunden und erhielten insgesamt 44 Mio. € Fördermittel. Dabei sei durch den neuen Staatsvertrag geplant, die Förderfläche auf 180 000 ha zu verdoppeln.
Interessant seien die VNP-Programme, weil sie in einer Art Baukastensystem miteinander gekoppelt werden können. Das schaffe auch Flexibilität für die Beteiligten und zugleich lukrative Anreize. Bei einem Paket aus Schnittzeitpunkt, Düngerverzicht und zusätzlichen Erschwernissen für den Erhalt von extensiven Wiesen könne die Fördersumme auf bis zu 850 €/ha anwachsen.
Dass die Maßnahmen wirken, belegen nicht nur Erfolge im Einzelfall (wie dem Wiederentdecken des verloren geglaubten Ackerschwarzkümmels in der Rhön), sondern auch sogenannte „Mit-Ohne-Vergleiche“ von Flächenpaaren.
Güthler brachte auch die Arbeit der Landschaftspflegeverbände in Erinnerung, die mittlerweile in Bayern zwar nicht flächendeckend arbeiten, aber doch in den überwiegenden Gebieten. In ihnen arbeiten Kommunen, Naturschutzverbände und Landwirte zusammen, um kooperativ den Naturschutz durch praktische Arbeit umzusetzen. Die Landschaftspflegeverbände seien so jetzt schon „eine Art runder Tisch auf regionaler Ebene“, sagte Güthler und unterstrich damit die Aktualität dieses wichtigen Themas.