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Gerstenmarkt

Braugerste: Trockenheit und Hitze kosten Qualität

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Sabine Dähn Siegel
am Mittwoch, 27.07.2022 - 11:17

Trotz einem Plus bei der Anbaufläche, wird die Qualitätsbraugerstenmenge in Unterfranken heuer wohl eher unterdurchschnittlich ausfallen.

Der Einladung der Arbeitsgemeinschaft zur Pflege des unterfränkischen Qualitätsbraugerstenanbaus zur 65. unterfränkischen Braugerstenrundfahrt folgten heuer 70 Teilnehmer aus Industrie, Handel und von der Berufsvertretung. Sie erhielten bei der wie üblich in Würzburg startenden Veranstaltung, die heuer durch die Landkreise Main-Spessart, Schweinfurt, Würzburg und Kitzingen führte, von Westen nach Osten einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Braugerste.

Immer wieder ein Problem: Wassermangel

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Verbandsbetreuer Dr. Herbert Siedler fasste die wichtigsten Punkte zusammen. Sein Rückblick zum diesjährigen Vegetationsverlauf spiegelte ein unterfränkisches Problem: Wassermangel. Trotz ausgeglichener Niederschläge in den milden Wintermonaten, konnten die Vorräte im Unterboden nicht aufgefüllt werden. Der Vegetationsverlauf lässt sich wie folgt skizzieren: günstige Aussaatbedingungen für die Sommerungen im März, aber außergewöhnlich viele Niederschläge im April (teils mit 20-cm-Schneedecke).

Die Sommergerste konnte zwar gleichmäßig aufgehen; jedoch führten Verschlämmungen und kühle Temperaturen zu geringerer Bestockung und dünneren Beständen. Auf einen heißen und trockenen Mai folgte Mitte Juni ein Hitzewochenende, „nach dem die Kulturen nur auf besten Böden noch gut aussahen“, so Siedler. Seinen Angaben nach waren Mai und Juni „in Summe mit circa 2,7 °C“ über dem 30-jährigen Mittelwert.

Anbaufläche ist gestiegen

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Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Anbaufläche von Sommergerste wohl aufgrund lukrativer Vorvertrags- und Düngerpreise deutlich ausgedehnt, allein in Unterfranken stieg sie von 15 250 auf 19 669 ha (bayernweit von 85 118 auf 98 628 ha) – und liegt damit 6 % über dem fünfjährigen Durchschnitt.

Auch wenn die plombierten Mengen aus 2021 in Unterfranken für Lexy und Avalon einen Flächenanteil von je 20 Prozent, für KWS Jessy 15 %, für Accordine 14 %, Amidala und Steffi je 11 %, Prospect drei Prozent und RGT Planet zwei Prozent nahelegen könnten, dürften tatsächlich die Sorten Avalon, Accordine, Amidala und RGT Planet den größten Flächenanteil haben. Legt man die Vermehrungsflächen der Ernte 2022 zugrunde, wird sich dieses Bild 2023 erneut ändern: Accordine wird zurückgefahren, Amidala und Lexy stark ausgedehnt, RGT Planet wird in Bayern dann noch 8 % Anteil haben; Avalon wird bei etwa 16 % liegen.

Erträge und Qualitäten

Wie Siedlers Rückblick schon zeigte, war die Vegetation 2022 geprägt durch die Trockenheit und Hitze im Mai und Juni. Hieraus ergeben sich eine schlechtere Sortierung (Notreife) und unterdurchschnittliche Erträge. Wurden im fünfjährigen Mittel 5 t/ha erzielt, ist heuer mit 4,5 t zu rechnen. Bei 19 669 ha Fläche ergebe das ein Sommergerstenaufkommen von ca. 90 000 t, rechnete der Fachmann vor. Schlechte Sortierung dürfte mit 20 000 t zu Buche schlagen. Somit sei ein Qualitätsbraugerstenaufkommen von 70 0000 t zu erwarten, was nicht ganz der letztjährigen Ernte und dem fünfjährigen Durchschnitt von 74 000 t entspräche.

Anbaustandort in Gefahr?

Siedler sah voraus, dass es bei den vielen Vorkontrakten zu einigen Verwerfungen kommen werde, weil diese nicht immer bedient werden könnten. Auf jeder Handelstufe sei daher Augenmaß und Fingerspitzengefühl gefragt, „um auch in 2023 noch genug Braugerstenanbauer in unserem Gebiet finden zu können“.

Sorgen um den Erhalt des Standortes hatte zuvor bereits Hanskarl Freiherr von Thüngen bei seiner Begrüßung der Teilnehmer der Rundfahrt auf seiner Versuchsanlage geäußert. Er begründete diese allerdings weder mit der aktuellen Preissituation – die sei trotz der mitwandernden Kosten gut, sofern die Anbauer keine Vorverträge im letzten Jahr geschlossen hätten – noch mit dem zu geringem Regen. „Das hatte wenigstens den Vorteil, dass das Getreide nicht ins Lager gegangen ist.“ Sondern mit der Zustimmung des Bundesrats zu neuen Regeln für nitratbelastete Gebiete. Sollte noch weniger gedüngt werden dürfen, sei „fraglich, wie wir das hinkriegen und ob der Standort erhalten bleibt“.

Marktexperten sehen keine Endzeit des Braugerstenanbaus

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Könnte in Unterfranken also die „Endzeit“ für den Braugerstenanbau anbrechen? Dr. Alexander Rosenberger, Vermarktungsspezialist bei der BayWa-Tochter Grainli, bezweifelt das aufgrund vielerlei Fakten: Deutschland sei in Europa größter Braugersten-Importeur, Bayern müsse die Hälfte seines Bedarfs einführen, aufgrund der hohen Preise sei auch hier die Anbaufläche heuer wieder gestiegen. „Heimische Ware lässt sich problemlos absetzen, eventuell sogar schwächere Partien“, sagte Rosenberger, der im Freistaat bisher „überraschend gute Bestände“ zu sehen bekam.

Bestätige sich, dass die Ernte durchschnittlich ausfalle, dürften die Preise für Sommerbraugerste im Vergleich zu den Vorjahren auf hohem Niveau bleiben. Die aktuelle „Hausnummer“ dafür: Derzeit zahlten freie Mälzereien bei Anlieferung durch den Landwirt circa 420 €/t, wusste Rosenberger zu berichten. Sollte die Ernte wider Erwarten besser ausfallen, könnten die Preise ungeachtet weiterer Risikofaktoren wie Ukraine-Krieg, Pandemie, Beeinträchtigung von Lieferketten leicht nachgeben. Auf die derzeitige Preisdifferenz zu Futtergerste von 100 € dürfte das keinen Einfluss haben, schätzte der BayWa-Mann.

Robert Sprinzl, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft und bei IREKS, einem der führenden Hersteller hochwertiger Braumalze, für Ein- und Verkauf tätig, bestätigte, dass Braugerste ein gesuchter Artikel bleibe. „Malzexport und Bierkonsum liegen auf dem Niveau wie vor Corona mit der Folge, dass Mälzereien in Bayern mit voller Kapazität laufen.“ Mit den dafür benötigten aktuell 600 000 t Gerste liegt der Bedarf zwar um 40 000 t unter dem von vor fünf Jahre. Aber selbst rein rechnerisch kann er nicht durch die heimische Ernte gedeckt werden, so Sprinzl. Er berief sich dabei auf Schätzungen von Dr. Markus Herz von der LfL, die unterm Strich auf eine Gesamtmenge um die 310.000 Tonnen kommen. „Wir werden also Ware zukaufen müssen.“ Die beziehen die Mälzereien in der Regel aus Deutschland, aber auch – auf möglichst kurzem Weg – aus benachbarten Ländern.