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Extremwetter

Braugerste: Gibt es bald kein Bier mehr aus Bayern?

Braugerste-Gewitter
Wolfgang Piller
Wolfgang Piller
am Dienstag, 29.11.2022 - 11:00

Der Dürresommer hat der bayerischen Braugerste einen schweren Schlag versetzt. Noch so ein Sommer und Bayerns Wirtshäuser stehen im Trockenen?

Seit 506 Jahre wacht das Reinheitsgebot über die Güte des bayerischen Bieres – kippt jetzt der Klimawandel eines der ältesten Gütesiegel der Welt? So weit dürfte es noch nicht kommen, doch der diesjährige Dürresommer hinterlässt durchaus seine Spuren in der Braubranche. Das kam beim Braugerstentag in München deutlich zum Vorschein.

2018 trocken, 2019 trocken, 2020 gemischt, 2021 endlich Regen, 2022 extrem trocken – diese Aufzählung von BBV-Getreidepräsident Hermann Greif machte für alle Anwesenden im Münchner Augustinerkeller greifbar, dass Klimawandel kein Einzelereignis mehr ist. Schlechte Braugerstenernten gab es immer schon, doch allzu oft waren diese nach der nächsten guten Ernte schnell wieder vergessen. Den Unterschied zu früheren Zeiten macht jetzt diese Liste von drei extremen Jahren in einem Fünjahreszeitraum.

Der Sommer war gnadenlos

Zumal gerade der letzte Sommer manchem Erzeuger länger im Gedächtnis bleiben wird. „Der Trockensommer 2022 war gnadenlos“, sagte Hermann Greif. Er ist Franke und weiß als solcher wovon die Rede ist. „In manchen Gegenden waren die Ernte unter jenen des Jahres 2018“, sagte er und sprach aus, was jeder im Saal wusste und jeder Ackerbauer in Bayern weiß: Auch 2018 ist als Sahara-Sommer ins Gedächtnis eingebrannt.

Die jetzigen Braugerstenpreise entschädigen viele Erzeuger für die schlechte Ernte – zumindest jene, die eine etwas vernünftige Ernte einfahren konnten. Mit den Preisen gibt es auch Gewinner der Situation. Vor allem in den südbayerischen Anbaugebieten, etwa rund um München, im westlichen Oberbayern und in Schwaben hat sich der Bierrohstoff in diesem Jahr gelohnt. Schon jetzt lässt der Rückblick auf die Anbauentwicklungen in Bayern erkennen, dass die Braugerste in diesen Gebieten an Fläche gewinnt.

Bayern ist unterversorgt – seit Jahren

Der Trend dürfte weitergehen, diese Prognose ist sehr sicher. Denn die jetzigen Marktpreise setzen ein wirtschafliches Signal für den Anbau des Bierrohstoffs. Derzeit liegen die Preise für eine Dezitonnen braufähige Sommergerste bei 35 €. Eine Überversorgung ist trotzdem nicht zu befürchten.

Denn seit Jahren ist Bayern unterversorgt. In jedem dritten Glas Bier steckt nicht das Sud von bayerischem Malz, sondern von importiertem. Wer den dürre-bedingten Durchschnittsertrag von nur knapp über 49 dt/ha Sommerbraugerste mit der 2022er Anbaufläche von rund 100 000 ha verrechnet und mit den nötigen Mengen der Mälzer ins Verhältnis setzt, kommt darauf, dass sogar die doppelte Anbaufläche vonnöten wäre.

Dr. Markus Herz, der Gerstenexperte der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, hat diese Rechnung beim Braugerstentag präsentiert. Er wies aber auch darauf hin, dass die Landwirte angesichts der sich ändernden Anbaubedingungen erfreulich experimentierfreudig seien. Denn zwar leiste auch die Beratung in Bayern weiterhin ihre Dienste in Form von Sortenversuchen, doch nicht jede neue Möglichkeit kann auch sofort in einen Versuchsplan überführt werden.

Zwei neue Verfahren rücken nach vorne

Zwei dieser noch jungen Entwicklungen rückten beim Braugerstentag zumindest kurz in den Mittelpunkt: der Anbau von Winterbraugerste und der Herbstanbau von Sommerbraugerste. Der Anbau von Winterbraugerste ist erprobt und das Versuchsstadium überwunden. Seit etwa zehn Jahren gelten die Sorten als qualitativ hochwertig. Doch trotz stetigem Sortennachschub sind die Flächen noch eher gering. Was für die Winterbraugerste spricht, ist, dass sie Erzeuger ansprechen könnte, deren Flächen bisher nicht in den klassischen Braugerstengebieten liegen.

Der Herbstanbau von Sommerbraugerste ist noch jünger. Er hängt derzeit vor allem an der Sorte Leandra der Saatzucht Breun in Herzogenaurach. Sie kombiniert offenbar ausreichend Winterhärte mit ausreichend Resistenz gegen Rynchosporium – beides Eigenschaften, die eine erfolgversprechende Herbstaussaat erst denkbar machen. Laut Martin Breun ist das Saatgut von Leandra für dieses Jahr bereits ausverkauft. Damit wäre – deutschlandweit – eine Fläche von 25000 ha mit einem Braugerstenverfahren belegt, das im günstigen Fall einer neuerlichen Trockenheit während der Ertragsbildung zuvor kommt. In Kombination mit der Winterbraugerste – auch von der Sorte KWS Somerset ist der Saatgutverkauf für die Aussaat im heurigen Herbst stark angestiegen – wächst also einiges an Braugerste vielleicht dem nächsten Hitzesommer davon. Falls uns wieder einer treffen sollte, was niemand wünschen kann.

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