Pflanzenbau

Biomasseanbau im Moor?

Paludikultur
Hans Dreier Portrait 2019
Hans Dreier
am Montag, 17.02.2020 - 12:26

Die Paludikultur ist ein Schlüssel zu mehr Klimaschutz. Interessierte Landwirte stehen jedoch vor rechtlichen Hürden.

Um nasse und wiedervernässte Moore weiterhin landwirtschaftlich nutzen zu können, haben Agrarwissenschaftler die sogenannte Paludikultur entwickelt. Dabei handelt es sich um die Erzeugung von Biomasse auf Moorstandorten. Als Paludikultur werden Pflanzenarten genutzt, die unter nassen Bedingungen wachsen, eine ausreichende Menge und Qualität von Biomasse liefern können und zu Torferhalt bzw. -bildung beitragen. Beispiele hierfür sind der Anbau von Schilf, Rohrkolben oder Rohrglanzgras.

In der Praxis stößt das Konzept jedoch auf erhebliche Probleme. Denn den Landwirten fehlen die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die den Anbau von Paludikulturen attraktiv machen. Der Hintergrund: Die Bundesregierung strebt in ihrem Klimaprogramm viele Änderungen in der Landwirtschaft an. Doch gerade bei der landwirtschaftlichen Nutzung von nassen Mooren, bei der sich mit einfachen Maßnahmen besonders viel CO2 einsparen ließe, bleibt sie wenig ambitioniert.

Paludikultur nachhaltig fördern

Eine Studie aus 2008 fand heraus, dass nasse Moore etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde binden. Auf diese Weise sind Moore einer der wichtigsten CO2-Speicher. Bei der Trockenlegung verliert der Boden durch chemische Veränderungen seine Speicherfunktion und Kohlenstoff wird wieder an die Umwelt abgegeben. Die Wiedervernässung von Moorflächen ist damit eine sinnvolle und effiziente Maßnahme, um die Klimaziele zu erreichen.

Die meisten trockengelegten Moore in Deutschland werden landwirtschaftlich genutzt. Sie machen zwar nur etwa sieben Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands aus, sind aber für rund ein Drittel der landwirtschaftlichen und etwa vier Prozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.

Trotzdem bleiben die geplanten Maßnahmen der Bundesregierung im Klimaprogramm 2030 hinter den Erwartungen zurück: Ab 2021 sollen mit finanzieller Unterstützung lediglich erste Maßnahmen der großflächigen Umstellung auf Paludikultur erfolgen. Dabei ist jetzt schon ersichtlich, dass neben finanzieller Unterstützung auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst werden müssen, um Paludikultur nachhaltig zu fördern.

Nutzbare Fläche erhalten

„Das Problem bei der einfachen Wiedervernässung von Mooren ist, dass dadurch landwirtschaftlich nutzbare Fläche verloren geht“, erklärt Judith Schäfer, Juristin am Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM). „Paludikultur bietet die Chance, die nutzbare Fläche zu erhalten und gleichzeitig die weitere Freisetzung von Treibhausgasemissionen zu verhindern.“

Doch stehen Landwirte, die zu Paludikultur wechseln wollen, vor einem Problem: Die rechtlichen Rahmenbedingungen setzen keine Anreize, im Gegenteil, der Wechsel ist wirtschaftlich unattraktiv. „Die geplante finanzielle Förderung ist natürlich ein Schritt in die richtige Richtung, er wird aber ohne eine Anpassung des Rechtsrahmens nicht die gewünschte Wirkung erzielen“, sagt Simon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des IKEM.

Paludikultur zu echter Alternative machen

Die Juristen sehen den Gesetzgeber vor allem beim Grünlandumbruchverbot, den EU-Agrarförderungen und beim Naturschutz in der Pflicht, etwas zu ändern, um die Paludikultur zu einer echten Alternative für Landwirte zu machen:

  1. Das Grünlandumbruchverbot, verbietet die Umwandlung von Dauergrünland in Ackerland. „Bei den infrage kommenden Flächen zur Wiedervernässung wird es sich in vielen Fällen um Dauergrünland handeln. Daher kann das Grünlandumbruchverbot, je nach gesetzlicher Ausgestaltung in dem jeweiligen Landesgesetzen, einer Wiedervernässung grundsätzlich entgegenstehen,“ erklärt Schäfer. Dass die Wiedervernässung einen positiven Beitrag zur verbesserten ökologischen Gesamtbilanz der Fläche leisten würde, spielt hier keine Rolle. Auch eine Ausnahmegenehmigung ist in vielen Bundesländern nicht möglich. „Finanzielle Förderungen helfen in diesem Fall also nicht, der Gesetzgeber muss stattdessen tätig werden und eine Ausnahme für Paludikultur schaffen.“
     
  2. Bei der Agrarförderung richtet sich die Höhe der EU-Beihilfen nach der Größe der beihilfefähigen Fläche. Je nach Nutzungsart wird die Größe der jeweiligen Fläche zur beihilfefähigen Betriebsfläche gezählt. Klassische Paludianbaukulturen wie Schilf, Rohrkolben und Torfmoos sind nicht beihilfefähig, da sie nicht auf der Liste zur Codierung der Flächennutzung stehen. Dagegen sind Rohrglanzgras sowie seggen- und binsenreiche Nasswiesen beihilfefähig. „Paludianbaukulturen müssen in die Liste zur Codierung der Flächennutzung aufgenommen werden, damit Landwirte beim Wechsel zu Paludikultur keine finanziellen Nachteile befürchten müssen“, erklärt Schäfer.
     
  3. Entstehung von Biotopen: Die Anpflanzung von Paludikulturen kann auch zur Entstehung eines geschützten Biotops führen. In diesem Fall wäre bei der Bewirtschaftung der Fläche das geltende Naturschutzrecht zu befolgen. Für die landwirtschaftliche Nutzung bräuchte man dann eine naturschutzrechtliche Genehmigung, die bei der unteren Naturschutzbehörde beantragt werden muss. „In der Regel bekommen Landwirte die Genehmigung, da positive Effekte auf das Klima zu erwarten sind,“ so die Juristin. „Doch liegt die Entscheidung im Ermessen der Behörde und kann jederzeit aufgehoben werden. Das stellt ein Risiko für Landwirte dar. Hier sollte dringend Rechtssicherheit hergestellt werden, die der Gesetzgeber durch entsprechende Regelungen im Naturschutzgesetz schaffen sollte."

Rechtliche und finanzielle Hürden abbauen

Schäfer-Stradowsky betont: „Alle Sektoren müssen einen Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgase leisten. Eine effiziente Option für Landwirte ist die Wiedervernässung von trockengelegten Mooren und der Anbau von Paludikulturen. Dieser Schritt darf aber nicht wirtschaftlich unattraktiv sein. Mit der Umsetzung der genannten Vorschläge würden rechtliche und finanzielle Hürden abgebaut. Parallel dazu müssen aber auch Anreize für die Verwendung von Paludikulturen, z.B. als Baumaterial oder zur energetischen Nutzung, geschaffen werden, damit nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage gesteigert wird.“