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Wissenschaft

Betrunkene Pflanzen kommen besser durch eine Dürre

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Norbert Lehmann
am Freitag, 23.09.2022 - 09:45

Alkohol in Maßen hilft auch bei Pflanzen gegen den Durst. Das beweist eine Studie aus Japan.

Vom Menschen ist es längst bekannt: Bei Hitze und Trockenheit steigert ein kühles Bierchen das Wohlbefinden ungemein. Offenbar gilt dies aber auch für Pflanzen. Forscher vom Riken-Zentrum für nachhaltige Ressourcenforschung in Yokohama, Japan, haben das herausgefunden. Mit einem kleinen Schnaps kommt der Weizen besser durch die Dürre. Das klingt wie ein Scherz beschwipster Wissenschaftler. Doch die japanischen Forscher haben mitnichten in Sake gebadet. Ihre bierernsten Studienergebnisse haben sie jetzt im angesehenen Wissenschaftsmagazin „Plant & Cell Physiology“ veröffentlicht. Und sie werden womöglich tatsächlich einen neuen Weg zur Stärkung unserer Nutzpflanzen gegen die zunehmenden Phasen von Trockenstress eröffnen.

Ethanol steigert die Trockentoleranz signifikant

Der Trick mit dem Drink gegen die Dürre funktioniert allerdings nicht wirklich mit schalem Bier oder Süßwein. Die Pflanzen lieben es hochprozentig und rein. Sauberes Ethanol muss es sein. Die Forscher um Motoaki Seki konnten im Labor nachweisen, dass Weizen und Reis eine Trockenphase wesentlich besser überstehen, wenn sie vor dem Wasserentzug einen Schuss Ethanol an die Wurzel bekommen. Für eine signifikant erhöhte Trockentoleranz brauchte Reis übrigens die doppelte Menge Alkohol wie Weizen.

Nüchterne Pflanzen sterben früher

Die Wirkung eines „winzigen Schlöckchens“ auf die Pflanze ist allerdings eine andere als der Versuch am lebenden Pennäler schon in der Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann unter Beweis stellte. Während der alkoholisierte Mensch eher mehr redet als weniger, transpiriert und auch häufiger die Toilette aufsuchen muss, macht die angeheiterte Pflanze „dicht“. Sie schließt ihre Spaltöffnungen, genannt Stomata. Das erhöht den Wassergehalt in den Blättern. Dürre-Gene werden aktiviert, bestimmte Zucker eingelagert und trockenheitstolerante Aminosäuren vermehrt produziert. In diesem Zustand überleben die mit Ethanol vorbehandelten Pflanzen eine Trockenphase deutlich häufiger als ihre bedauernswert nüchternen Kollegen aus der Versuchskontrolle.

Forscher sehen Alkohol als Alternative zur Gentechnik

Die japanischen Wissenschaftler gehen so weit zu sagen, dass die Ethanolbehandlung von kommerziellen Nutzpflanzen eine „einzigartige Möglichkeit zur Linderung von Trockenstress“ bietet. Die Ausbringung der kostengünstigen und umweltfreundlichen Chemikalie Ethanol stelle eine Alternative zur Entwicklung transgener Pflanzen oder mühsamer klassischer Züchtung dar. Wir vermuten allerdings, bis zur Praxisreife werden noch vertiefende Studien nötig sein. Gänzlich unerforscht sind beispielsweise die Nebenwirkungen einer Alkoholgabe auf Bodenlebewesen. Werden wir am Feldrand betrunkene Maulwürfe, tanzende Asseln und über ihre zahlreichen Beinchen stolpernde Hundertfüßler sehen? Und was ist mit den Folgen für die Ernährung? Kann das Weizenbrötchen künftig das Weizenbier ersetzen? Auch wenn der Mensch den Alkohol seit Jahrtausenden nutzt, sind längst nicht alle Fragen beantwortet.