Unternehmen

Bayer startet Dekarbonisierungsprogramm

Klimawandel
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 29.06.2021 - 10:47

Das Programm hat zum Ziel, den Ausstoß von CO2 in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette dauerhaft zu reduzieren und zu kompensieren.

Monheim - Das neue europäische „Carbon Program“ soll Erzeuger mit weiteren Akteuren aus der Wertschöpfungskette zusammenbringen, um neue Verfahren zur CO2-Reduzierung anzuwenden und künftige Vergütungssysteme für landwirtschaftliche Betriebe zu testen. So soll ein kohlenstoffarmes Ernährungssystem in Europa entstehen, das den unterschiedlichen Bedürfnissen von Landwirten, Umwelt und Verbrauchern gerecht wird.

Dahinter steht die Idee, Landwirte für klimafreundliche Verfahren zu bezahlen, etwa wenn sie Zwischenfrüchte anbauen, weitgehend auf das Pflügen verzichten, eine weite Fruchtfolge betreiben oder Stickstoffdünger präzise einsetzen.

Digitales System für Vergütungsansprüche

Um diese Maßnahmen zu unterstützen, entwickelt Bayer ein digitales System, mit dem die Landwirte ihre Vergütungsansprüche geltend machen können. Diese neue Überwachungs-, Berichts- und Verifizierungslösung (MRV) soll auf der Digital-Farming-Plattform Climate FieldViewTM von Bayer aufbauen.

Die bislang 27 teilnehmenden Landwirte aus Frankreich, Spanien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Großbritannien und der Ukraine bringen zusammen rund 500 Hektar in das Programm ein. Landwirte, Bayer und Experten aus der Lebensmittel-Wertschöpfungskette arbeiten in einem Carbon-Farming-Labor zusammen. Hier werden Maßnahmen gemeinsam erprobt. Zudem laufen bereits Gespräche mit mehreren Unternehmen und Händlern aus der Lebensmittelbranche, die sich voraussichtlich bis Ende des Jahres der Initiative anschließen werden.

Kohlenstoffgehalt des Bodens als Referenz

Als Start des Programms wird der aktuelle Kohlenstoffgehalt des Bodens als Ausgangswert ermittelt. Anschließend wenden die Landwirte klimafreundliche Bewirtschaftungsverfahren, wie den Anbau von Zwischenfrüchten oder pflugarme Bodenbearbeitung an. Diese neuen Verfahren werden kontinuierlich überwacht und sollen in den darauffolgenden Jahren stetig verbessert werden.

Diese Erkenntnisse, die von den teilnehmenden Projektpartnern aus der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette gewonnen wurden, werden für den Ausbau des digitalen Überwachungswerkzeugs MRV genutzt. Die Fertigstellung dieser neuen digitalen Lösung wird innerhalb von drei Jahren erwartet, die Implementierung in Climate FieldViewTM ist für das dritte Jahr geplant.

Starke vertikale Integration

Das europäische Programm ist Teil der globalen „Carbon Initiative“ des Unternehmens, das im Juli 2020 in den USA und Brasilien gestartet wurde. Dort bietet Bayer als erstes Agrarunternehmen das gesamte Technologiespektrum an: von Saatgut und Pflanzeneigenschaften über Pflanzenschutz, digitalen Lösungen und kosteneffizienten MRV-Systemen bis hin zur Zertifizierung nach international anerkannten Standards.

Alex Teillet, der bei Bayer Crop Science den Bereich New Business Models für Europa, Nahost und Afrika leitet, steckt als Ziel: „Unsere Vision ist, dass in Zukunft Lebensmittelhandel und Lebensmittelindustrie Hand in Hand mit landwirtschaftlichen Betrieben an wirksamen Projekten zur CO2-Reduzierung arbeiten können. Gleichzeitig erhalten Landwirte auf der ganzen Welt als Primärerzeuger eine transparente und faire Bezahlung für ihren Beitrag zur CO2-Reduzierung.“

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass die Landwirtschaft Teile ihrer Eigenständigkeit einbüßen wird. Bereits heute gibt es Produktionsverfahren, wie etwa die Putenmast, in denen der Landwirt Teil einer Kette ist, fest eingebunden in Zulieferer und Abnehmer. Auch die Finanzierungsfrage ist erfahrungsgemäß immer ein schwieriges Thema, vor allem dessen Nachhaltigkeit. Höhere Standards gehen häufig sehr schnell in Mindeststandards über, womit die Honorierung entfällt.