Flächenfrass in Polen

Bauer verkauft sein Land nicht und erntet im Wohngebiet

Raps
Olaf Zinke, agrarheute
am Montag, 06.09.2021 - 09:10

Ein polnischer Bauer aus Lublin bewirtschaftet seine Felder in einem Wohngebiet. Er hat die Flächen nicht an die Baugesellschaft verkauft.

Deshalb erscheinen in einem Wohngebiet in Lublin in der Jantarowa-Straße mehrmals im Jahr Landmaschinen. Anwohner können die Feldarbeiten von den Balkonen der benachbarten Wohnblocks beobachten, denn die Felder liegen direkt unter ihren Fenstern. Viele Anwohner sind über das Schauspiel begeistert - schreiben polnische Zeitungen.

Die Medien, nicht nur aus Polen, sondern weltweit, berichten nun schon seit einigen Jahren über den „sturen Bauern“, der sein Land trotz großräumiger Erschließung und hoher Preisangebote nicht verkauft hat. In Wiesbaden sollen deutsche Bauern wegen eines ähnlichen Großprojekts enteignet werden. Zur Ernte 2021 waren Kamerateams aus Brasilien, Indien, Mexiko und Großbritannien - und auch aus Deutschland - vor Ort und haben darüber berichtet.

Es wird immer mehr Geld geboten – Bauer verkauft trotzdem nicht

Der Landwirt Janusz Wydra bewirtschaftet das Land, dass eigentlich seinem Schwiegervater gehört. Die Grundstücke ihres Betriebes liegen unmittelbar zwischen den Wohnblöcken. Bauträger hatten die umliegenden Grundstücke schon vor langer Zeit gekauft und darauf Wohnanlagen gebaut. Seit vielen Jahren versuchen sie auch die Grundstücke von Janusz Wydra und von seinem Schwiegervater zu kaufen.

Bisher konnten sich die Landwirte aber nicht zum Verkauf entschließen. „Vor einigen Jahren verkauften die Leute dieses Land hier für maximal 400 PLN pro Quadratmeter. Kürzlich boten die Käufer mir für diese Flächen 700 PLN“ - erklärt der Landwirt gegenüber der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza.

Vorerst bleibt das Land aber weiter in Familienbesitz und wird landwirtschaftlich bewirtschaftet, sagt Wydra. „Wenn wir verkaufen würden, würden wir sehr viel Fläche verlieren. So arbeiten wir weiter auf dem Feld und machen einfach unser eigenes Ding“ - fügte er hinzu.

Mitte August wurde geerntet – unter den Balkonen

Ähnlich wie in Deutschland schrumpft die landwirtschaftlich genutzte Fläche auch in Polen seit Jahren deutlich. Gleichzeitig steigen die Kauf- und Pachtpreise steil an. Die Gründe sind die gleichen wie hierzulande: Wohnungsbau, Infrastrukturprojekte, Gewerbegebiete, Nutzung von Flächen für Wind- und Solarenergie und noch einiges mehr.

Die Jagd der Investoren auf die verbliebenen Flächen geht deshalb immer weiter. Und die Bodenpreise steigen immer schneller. Deshalb erregen jedoch Ernte und Bestellung von Raps und Getreide zwischen den vielen großen Wohnhäusern in Lublin seit einigen Jahren immer mehr Aufsehen. Der standhafte Bauer, hat jedoch noch immer nicht vor, sein Land, um das herum ein immer größeres Wohngebiet entsteht, zu verkaufen. Von einer Enteignung der Flächen – wie in Deutschland – ist ebenfalls nichts zu höheren.

Mitte August war dann wieder der Zeitpunkt für die Ernte zwischen den Wohnblöcken gekommen. Janusz Wydra bewirtschaftet seinen Acker also weiterhin zwischen den weiter wachsenden Wohnvierteln. Der polnische Bauer erntet sein Getreide mitterweile in einem der am schnellsten wachsenden Stadtteile von Lublin, in dem die neuen Wohnblöcke weiter wie Pilze aus dem Boden schießen. In der näheren Umgebung des Wohngebietes gibt es zwar auch einen Wald und ein Naturschutzgebiet, aber die Getreide- und Rapsfelder zwischen den Häusern sind offenbar eine zusätzliche Attraktion für die Bewohner, glauben jedenfalls die polnischen Medien.

Anwohner in Lublin beschweren sich nicht

Mitte August war die Ernte eine Attraktion unter den Wohnblöcken im Lubliner Stadtteil Süd-Węglin. Sie wurde auch vom Weltspiegel aus Deutschland gefilmt. Der berühmteste Bauer aus Lublin beabsichtigt aber immer noch nicht, die Felder an Baugesellschaften oder Investoren zu verkaufen. Eine Enteignung durch die Kommunen - wie etwa in Wiesbaden oder München - ist in Polen offenbar nicht möglich.

Die Bewohner beschweren sich auch nicht über die Erntearbeiten (das wäre in Deutschland sicher anders), denn das Grün und die Felder direkt vor dem Fenster sind für viele besser als ein weiterer Wohnblock vor der Nase. Bisher habe es keine negativen Kommentare gegeben, sagt Wydra gegenüber den polnischen Medien. Auch während der Erntezeit beschwert sich bisher niemand über den periodischen Lärm und die vielen Staub, den der Wind verweht.

Wie lange hält der Bauer durch? Diese Frage stellen sich offenbar viele Einheimische und auch die Medien. Auf das Ackerland inmitten den Wohngebietes lauern längst weitere Baugesellschaften, die es gerne kaufen würden. Aber der Bauer will es weiterhin nicht verkaufen. Hätten wir dieses Jahr verkauft, hätten wir wirklich viel Geld bekommen - sagt der Landwirt. Das Land zwischen den Wohnblöcken umfasst jedoch etwa ein Viertel seiner Betriebsfläche. Deshalb will er nicht verkaufen und weiter von der Landwirtschaft leben.