Expertenforum

Artenvielfalt: Wandern oder weichen

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Carsten Matthäus
am Mittwoch, 23.09.2020 - 11:00

Drei Experten zeigen auf, warum die Artenvielfalt abnimmt und welche Maßnahmen für eine Trendumkehr nötig wären.

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Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Dieses Schicksal erleide zum Beispiel der Trauerschnäpper, erklärt Ines Langensiepen vom Bayerischen Artenschutzzentrum. Die Zugvögel machen eigentlich nichts falsch. Sie kehren zu den gewohnten Zeiten aus Afrika nach Europa zurück. Weil da aber wegen des Klimawandels alles früher beginnt, ist die Raupenschwemme mancherorts schon vorbei, wenn sie das Futter für ihre Jungtiere suchen. Auch der Siebenschläfer macht dem Vogel früher als bisher die Bruthöhlen streitig, was für die Trauerschnäpper-Jungtiere in der Regel tödlich endet. Zwischen 12 und 15 Millionen Vogel-Brutpaare sind nach Zählungen von Naturschützern in den letzten 12 Jahren verschwunden.

Die Alpen sind zu niedrig

Durch den Klimawandel komme alles in Bewegung, so Langensiepen. In der Pflanzen- und Tierwelt veränderten sich die Rhythmen, was man an der immer früheren Apfelblüte sehen könne. Sie beobachtet die Verschiebung der Lebensräume und weist exemplarisch auf ein Problem hin, das dadurch im artenreichen Alpenraum entsteht. Pflanzen und Tiere, die es kalt brauchen, können nicht mehr beliebig nach oben hin ausweichen oder sie können auch nicht einfach die Berge überschreiten, um in kältere, nördlichere Klimazonen auszuweichen. Auch wenn es Gewinner gebe – Pflanzen mit leichten Samen, bestimmte Insektenarten –, so habe sich doch die Zahl der aussterbenden Arten in den letzten Jahren vervielfacht.
Heiko Schumacher steht mit Ines Langensiepen auf dem Podium zum Thema „Klimawandel und Biodiversität“ im Rahmen der Veranstaltung „Agrartechnologie und Lebensmittelwirtschaft im Klimawandel“, veranstaltet von den Bayerischen Ministerien für Wirtschaft und Landwirtschaft. Er betreut das Themenfeld Biodiversität für die Heinz-Sielmann-Stiftung. Seiner Ansicht nach hat die Gesellschaft die Dramatik der Situation noch nicht erkannt.

Rotbuchen-Bestände in Quadratkilometer-Größe abgestorben

Auch wenn hier in Deutschland Rotbuchen-Bestände in Quadratkilometer-Größe abgestorben seien, der Rebhuhn-Bestand um 85 % zurückgegangen sei und die planetaren Grenzen beim Verlust an Artenvielfalt deutlich überschritten seien, würde dies in der öffentlichen Diskussion kaum wahrgenommen.

Er erklärt sich das mit einer „weltweiten Aufmerksamkeitstreppe“: Covid-19 überlagert das Thema Klimawandel und der Klimawandel überlagert das Thema Biodiversität. Seiner Ansicht nach braucht es jetzt entschlossenes Handeln und deutlich mehr Beratung zu diesem Thema im Landwirtschaftssektor. So seien im Landschaftsmanagement, beim Umgang mit Ressourcen, der Züchtung und der Schädlingsbekämpfung große Potenziale zu heben.

Extensive Weidewirtschaft als Königsweg

Dr. Herbert Nickel, dritter Teilnehmer der Podiumsdiskussion hat hier einen einfachen wie radikalen Vorschlag: Extensive Weidewirtschaft. Und er nennt dies selbstbewusst „Ein Königsweg zu mehr Biodiversität“. Der Ökologe und Entomologe begründet das mit der Anzahl von Zikaden-Arten, die er auf einer historisch alten Weidelandschaft gezählt hat: ca. 280 waren es. Normale Naturschutz-Mähwiesen kommen dagegen nur auf zehn bis 15 Zikaden-Arten, auf Blühstreifen an Äckern zählte er 0 bis 8 Arten.

Mahd hemmt die Insekten

Der Feind der Insekten sei die Mahd. Nickel spricht hier von „enthaupteten Weiden“ und nennt Blühstreifen eine ökologische Falle für Insekten, weil ihre Eier zu schnell abgemäht würden. Ein Positiv-Beispiel hat er auch dabei: Der Knepp Estate im Britischen Sussex hat Nickel zufolge einen erfolgreichen „Rewilding“-Prozess durchlaufen. Die unprofitable Landwirtschaft wurde aufgegeben, die gut 1400 Hektar Land wurden mit staatlicher Hilfe in eine Weide-Wildnis verwandelt und mit frei laufenden Pflanzenfressern besiedelt. Mit einer Mischung aus Safari-Park, Naturcamping und hochpreisigem Fleischverkauf sei Knepp Estate nun solide in den schwarzen Zahlen, so Nickel – und eben ein Biodiversitäts-Hotspot geworden.

Angesichts der dramatischen Lage denkt der Ökologe aber nicht in solch kleinen Dimensionen wie der britischen Erlebnis-Wildnis. Er träumt von einer dauerhaften Umwandlung von Ackerland in Extensiv-Grünland.

Förderung mit 1700 € pro Jahr und Hektar

Dafür müssten die Landwirte auch dauerhaft mit rund 1700 € pro Jahr und Hektar gefördert werden. Volkswirtschaftlich würde sich dies laut Nickel für die Gesellschaft lohnen, aus ökologischer Sicht könnte man sogar die derzeit furchtbaren Zukunftsprognosen zum weiteren Artensterben ins Gegenteil verkehren.