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Digitalisierung

Smart Farming für Small Farmers

Hightech für die Kleinen? Dieser Pneumatik-Auslegerstreuer hat exakte Mengenregulierung sowie Teilbreitenschaltung.
Helmut Süß
Helmut Süß
am Donnerstag, 04.08.2022 - 11:12

Digitale Techniken sollen sich auch für bäuerliche Klein- und Familienbetriebe rentieren. Fakt ist: Noch nutzen eher Haupterwerbsbetriebe die neuen digitalen Helfer. Aber auch kleinere Betrieben müssen sich nicht abhängen lassen.

Egal ob groß, mittel oder klein, Landwirtschaftsbetriebe müssen immer mehr Anforderungen in den Griff bekommen. Sie sollen umwelt- und naturschonend arbeiten und höhere Tierwohlstandards beachten, aber dennoch wirtschaftlich produzieren und so das Überleben des eigenen Hofs sichern. Insbesondere für kleinere Betriebe stellt dieser Spagat eine enorme Herausforderung dar. Könnten digitale Lösungen eine Chance bieten?

Arbeitserleichterung und höhere Effizienz

Prof. Dr. Markus Frank: „Digitale Technologien können den Arbeitsaufwand verringern, die Erträge stabilisieren und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren.“

Der zunehmende Einsatz von zum Teil kapitalintensiven digitalen Technologien in der Außen- und Innenwirtschaft birgt die Gefahr, dass gerade kleine und mittlere Betriebe digital abgehängt werden. Zu diesem Zweck wurden in Baden-Württemberg im Projekt ‚Digitale Wertschöpfungsketten für eine nachhaltige kleinstrukturierte Landwirtschaft‘ (kurz DiWenkLa) gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Dienstleistung sowie mit der landwirtschaftlichen Praxis Experimentierfelder aufgebaut.

Dabei werden Technologien aus den Bereichen Robotik und Automation sowie Sensorik weiterentwickelt und angewendet. Aber auch Kommunikationssysteme sowie Cloudsysteme und Farm Management-Systeme stehen im Fokus. Diese Technologien und Systeme sollen den Schutz von Umwelt und Natur noch stärker unterstützen, mehr Tierwohl ermöglichen, aber auch zur Arbeitserleichterung sowie zu einer höheren ökonomischen Effizienz beitragen.

Zahlreiche zunehmend digitalisierte Technologien haben bereits in die Landwirtschaft Einzug gehalten mit Vor- und Nachteilen: Höhere technologische Anforderungen und höhere administrative Aufwendungen können zum „gläsernen Landwirt“ führen, was viele Praktiker mit Skepsis betrachten. Datensicherheit und höhere Kosten, ohne Mehrerlöse zu erzielen, sind ebenfalls Sorgen, die bei digitaler Technologien eine Rolle spielen. Der Einsatz digitaler Technologien ist vielfach „skalenabhängig“, d. h. also erst dann sinnvoll, wenn Mindestgrößen einen Mindesterfolg versprechen.

Digitalisierung: Für kleine Betriebe rentabel?

Folgende Hypothesen bzw. Fragen werden vom Forschungsprojekt DiWenkLa geprüft:

  • Machen die eingesetzten bzw. erprobten Technologien es auch kleinen landwirtschaftlichen Unternehmen möglich, am digitalen technologischen Fortschritt teilzunehmen?
  • Führen diese Technologien zu einem weiteren Ersatz von menschlicher Arbeit durch Kapital?
  • Ermöglichen die in DiWenkLa erprobten Technologien entweder eine Kostenreduktion oder eine Umsatz- bzw. Stückerlöserhöhung? Sind einzelne Technologien in der Lage, beides zu realisieren?

Die DiWenkLa-Experten prüfenob und wie innovative digitale Technologien in kleinstrukturierten Agrarsystemen in der Praxis eingesetzt werden können. Sie analysieren, was die smarte Technik zu leisten vermag und was innovationsfördernd oder innovationshemmend wirkt.

Ob die Akzeptanz digitaler Technologien mit der Form der Betriebe zusammenhängt, dazu geben bisherige Studien nur begrenzt Aufschluss. Deshalb wurde im Rahmen des DiWenkLa-Projektes eine standardisierte Befragung durchgeführt. Sie soll offen legen, ob bei der Übernahme von digitalen Technologien Unterschiede zwischen Haupt- und Nebenerwerbsbetrieben bestehen. Die Unterschiede sind in der Innenwirtschaft am stärksten, während Differenzen in der Außenwirtschaft eher moderat ausfallen. Bei Informations- und Kommunikationstechnologien ist kein auffälliger Unterschied festzustellen.

Feldausstellung: Bei einem Feldtag in Kirchberg/Iller war eine breite Palette an digital unterstützten Geräten im Ackerbau zu sehen.

Wie die Verbreitung von digitalen Technologien von der Erwerbsform abhängt, ist aber vor allem in kleinstrukturierten Regionen mit einem hohen Anteil an Nebenerwerbsbetrieben sehr wichtig. In Bayern werden von den 104 000 landwirtschaftliche Betriebe ab einem Hektar Fläche rund 62 %, das wären 64 480 Höfe, im Nebenerwerb betrieben. In der untersuchten Region Baden-Württemberg sind ähnliche Strukturverhältnisse: Dort werden 57 % aller Betriebe als Einzelunternehmen im Nebenerwerb geführt, wobei diese z. B. nur 27 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschaften oder 18 % aller Nutztiere gemessen in Großvieheinheiten halten.

Laut der Befragungsergebnisse geben knapp drei Viertel der befragten Betriebe an, dass sie mindestens eine digitale Technologie nutzen. Etwa jeder dritte Teilnehmer verwendet dabei eine Informationstechnologie, wobei vor allem Kommunikations- und Handelsplattformen eingesetzt werden.

In der Innenwirtschaft nutzt fast die Hälfte der tierhaltenden Betriebe mindestens eine digitale Technologie. Die größte Relevanz in der Innenwirtschaft haben Farm-Management-Informations-Systeme (30 %) gefolgt von Stallkameras und Sensoren zur Tierüberwachung (je 18 %).

In der Außenwirtschaft stärker verbreitet

In der Außenwirtschaft geben sogar zwei Drittel der Betriebe an, dass sie mindestens eine der vorgeschlagenen Technologien verwenden. Die höchsten Nutzungszahlen haben digitale Ackerschlagkarteien (42 %) und automatische Lenksysteme (33 %). Bei Informations- und Kommunikationstechnologien gibt es nur geringe Unterschiede bei der Technologiehäufigkeit zwischen den zwei Gruppen. Der Anteil an Betrieben, die keine dieser Technologien verwenden, ist im Haupterwerb (72 %) etwas höher als im Nebenerwerb (66 %).

Im Fall von digitalen Technologien in der Innen- bzw. Außenwirtschaft stellt sich die Situation anders dar. Hier ist jeweils der gewichtete Anteil der Nichtnutzer im Nebenerwerb (81 %) fast doppelt so groß als im Haupterwerb (42 %). Bei der Digitalisierung in der Außenwirtschaft werden von 25 % der Betriebe im Haupterwerb und mit 52 % wieder doppelt so viel der Unternehmen im Nebenerwerb nicht genutzt. So ist mit zwei Ausnahmen der Anteil der Nutzer im Haupterwerb von digitalen Technologien in der Innen- und Außenwirtschaft immer höher als der Anteil der Nutzer im Nebenerwerb.

Fazit: Wie fast schon zu erwarten war, bestätigt die Befragung, dass kleinere Betriebe bzw. Nebenerwerbslandwirte bei der Digitalisierung hinterherhinken oder sich einfach diese zum Teil teure Technologie nicht leisten (können). Will man diese Betriebe weiter erhalten, brauchen sie Unterstützung. Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Eine sinnvolle Lösunge wäre es vielleicht, von der Eigenmechanisierung weg zu kommen und stattdessen teure kamera-gesteuerte mechanische Hacktechnik, intelligente Feldspritzen oder auch Robotiksysteme überbetrieblich zu organisieren. Die Herausforderungen dabei sind das enge Zeitfenster zu bewältigen und die geforderte Arbeitsqualität und zu gewährleisten. Man darf gespannt sein, was bei dem Projekt bezüglich Kosten-Nutzen-Analyse der digitalen Technologien für kleinere Betriebe am Ende herauskommt.

DiWenkLa-Projekt

Das baden-württembergische DiWenkLa-Projekt (‚Digitale Wertschöpfungsketten für eine nachhaltige kleinstrukturierte Landwirtschaft‘) gliedert sich in 14 Teilprojekte in den Bereichen Acker- und Gemüsebau, Grünlandbewirtschaftung mit Rinderhaltung sowie der Pferdehaltung. Bei der Veranstaltung Mitte Juni auf dem Betrieb Koppenhagen Kirchberg/Iller wurde das DiWenkLa-Projekt vorgestellt und mit diversen Fachvorträgen rund um das Thema Smart Farming ergänzt: Themen wie z. B. moderne mechanische Unkrautbekämpfung von den Firmen Güttler, Schmotzer und APV sowie über präziser bzw. teilflächenspezifische Düngetechnik (Fa. Rauch sowie BayWa) und über Innovation im modernen Ackerbau (Fa. Amazone). Außerdem gab es eine Ausstellung von diversen Geräten u.a. von kameragesteuerter Hacke bzw. neuem Striegelsystem sowie Feldvorführungen zur intelligenten und präzisen Düngetechnik in Form von pneumatischen Auslege-Düngerstreuer sowie Spritztechnik mit Teilbreitenschaltung und automatischer Gestängeführung. sü