Düngeverordnung

Rote Gebiete nicht in Stein gemeißelt

Triesdorf-STG-
Annette Schmid, Fachzentrum für Energie und Landtechnik Triesdorf, Helmut Süß
am Mittwoch, 29.05.2019 - 11:22

Beim Triesdorfer Gülletag werden oft brisante Themen erörtert. In diesem Jahr stand die Festlegung der Roten Gebiete im Fokus. Wie kann man die Wasserqualität im Schulterschluss mit den Landwirten verbessern?

  • Bei den Vorträgen und Diskussionen waren die Roten Gebiete der Düngeverordnung das zentrale Thema. Die Fachleute stellten sich den kritischen Fragen der Landwirte.
  • NIRS Technologie hat bei der Gülleausbringung viele Vorteile.
  • In der Praxis besteht akuter Handlungsbedarf bei Güllelager.
  • Bei der Vorführung wurde das breite Spektrum an Techniklösungen bei Schleppschuh- und Schlitztechnik präsentiert.
Triesdorf-Aufmacher
Die Besucherresonanz des Gülletages 2019 war wieder enorm. So verfolgten bereits am Vormittag circa 400 Teilnehmer die Vorträge und Diskussionen von und mit Politikern und am Nachmittag waren noch sehr viele weitere Praktiker zu den Vorführungen hinzugekommen. Schon zu Beginn brachte es Bezirkstagspräsident Armin Kroder auf den Punkt: „Um den Anforderungen an Ökologie, Ökonomie, Sozialem und Kultur gerecht zu werden, brauchen wir offene Auseinandersetzungen und es gilt, um den ‚richtigen Weg‘ zu ringen!“ Artur Auernhammer (Mitglied des Landwirtschaftsausschusses und des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages) brachte in seinem Vortrag Entwicklungen, Hintergründe und neueste Wasserstandsmeldungen zur DüV und Roten Gebieten aus Berlin mit. Er vertritt die Haltung, „schwarze Schafe“ zu bestrafen. Wenn alle Landwirte ihr Wissen aus der beruflichen Bildung in den letzten 20 bis 30 Jahren angewendet hätten, hätten wir heute nicht die aktuellen Probleme. Brüssel hat Deutschland zur Nachjustierung aufgefordert. Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern ist es in Deutschland nicht gelungen, die Nitratwerte im Grundwasser signifikant zu senken. Die Haltung der EU ist eindeutig: „Egal was ihr liefert, liefert etwas, das die Werte sinken lässt!“ Mit der Forderung einer Unterdüngung von 20 % sieht Auernhammer viele Landwirtschaftsbetriebe in ihrer Existenz gefährdet. In Dänemark habe man damit schon Erfahrungen gemacht und sei wieder davon abgekommen, da die Erzeugung von Winterraps und Qualitätsweizen gefährdet werde.

Rote Gebiete sollen überprüft werden

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Auernhammer fordert, dass Rote Gebiete und Maßnahmen überprüft werden und vor Ort verstärkt auf Wasserkooperationen gesetzt wird. Tatsache ist aber auch, mit der Klage aus Brüssel sind Strafzahlungen von 861 000 €/Tag verbunden. Es gelte unbedingt, diese Strafzahlungen zu verhindern. Deutschland müsse Hausaufgaben machen, auch wenn das dazu führt, in bestimmten Regionen Tierbestände abzubauen. Man müsse weg von der 20-%-Unterdüngung und mehr in die Regionen und die landwirtschaftliche Betriebe blicken. Gleichzeitig fordert er die Bereitschaft der Landwirte zu handeln ein!
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Die Vorgehensweise zur Festlegung der Roten Gebiete erläuterte Michael Haug, Referatsleiter für Grundwasserschutz und Wasserversorgung im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz. Gleich zu Beginn betonte er, dass das Umweltministerium Lösungen „im Schulterschluss mit den Landwirten und nicht gegen die Landwirte“ anstrebe! Man dürfe jetzt nicht diejenigen bestrafen, die alles richtig gemacht haben! Dies sieht er als Messlatte für das weitere Vorgehen. Und klar formuliert: „Die Festlegung der Roten Gebiete ist nicht in Stein gemeißelt!“ Die Abgrenzung und die Anforderungen in Roten Gebieten nach heutigem Stand müsse man als ein Paket betrachten.

Triesdorf-Ploeger

Jeder, der die gute fachliche Praxis ernst nähme, untersuche seine Gülle und verfüge über entsprechenden Lagerraum. Die aktuellen Regelungen hätten zudem einen Vorsorgecharakter. Sollte es zu schärferen Auflagen im Zuge der DüV-Novelle 2020 kommen, müsse man dann auch eine „genauere und bessere“ Abgrenzung der Gebiete machen. Dazu brauche man jedoch aktuelle Daten der Landwirtschaft darüber, was heute gemacht wird. Landwirtschaft gelte es so zu betreiben, dass sie der Wasserwirtschaft nicht weh tut. Es gelte Wege zu finden, dass Landwirte in „guten Gebieten“ in Ruhe wirtschaften können. Extra erläuterte er nochmals die Festlegungskriterien. Als rot wurden Gebiete festgelegt, deren Grundwasserkörper wegen Schwellenwertüberschreitung für Nitratwerte (>50 mg/l) in den schlechten chemischen Zustand eingestuft wurden. Ursprünglich wurden 600 Grundwassermessstellen betrachtet, für die Plausibilisierung bei Schwellenwertüberschreitungen wurden die Ergebnisse von ca. weiteren 9000 Messpunkten zugrunde gelegt. Haug gibt zu, dass manche Messstellen anderen, nicht nur besonderen Einflüssen der Landwirtschaft ausgesetzt sind. Hier sieht er noch Spielraum zu verhandeln. Zugunsten der Landwirtschaft wurde in Roten Gebieten differenziert und Flächen zu „weißen Gebieten“, wenn sie unbelastet (< 37,5 mg/l Nitrat) und hydrogeologisch unempfindlich sind.

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Markus Heinz, Leiter Abteilung Pflanzenbau und Versuchswessen, sieht die NIRS-Technologie als Management-Tool für landwirtschaftliche Betriebe. In Triesdorf werden seit fast zehn Jahren Erfahrungen mit dieser Technologie gesammelt. Dabei konnten große Schwankungen der Inhaltsstoffe bei Gülle und Gärrest beobachtet werden. Die Fütterung und Zusammensetzung der Substrate beeinflussen stark das Endprodukt Gülle bzw. Gärrest. Er appelliert, besonders auf die Genauigkeit der Technik zu achten. Geringe Abweichungen pro m³ führen hochgerechnet zu ganz anderen Ergebnissen und Fehlerquoten bei der Ausbringung. Wichtig sei, immer wieder die Werte von Laboranalysen und NIR-Sensoren zu vergleichen. Die Technologie biete verschiedene Vorteile:
  • Durch genaue Untersuchungen und vielzählige Ergebnisse kann die Ausbringung zielgerichteter und genauer erfolgen.
  • Flüssigdünger kann zugegeben und dosiert werden.
  • Es wird eine Datenbasis gewonnen, die bei Gülleabgabe als Grundlage dient.
  • Lückenlose Dokumentation bei der Verbringung von Wirtschaftsdünger.
  • Bei den Berechnungen von Nährstoffbilanzen am Jahresende kann Zeit eingespart werden.
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In Bayern wird die Anschaffung von NIRS-Technologie über das Sonderprogramm Digitalisierung bezuschusst. Die Zuschüsse belaufen sich auf bis zu 25 % der Anschaffungskosten für Güllepumpe & Güllefass inkl. Kalibrierung, max. 7500 €. Bezogen auf die ausgebrachte Menge verteilen sich die Kosten. Bei einer Ausbringmenge von 10 000 m³ jährlich kostet die Ausbringung 0,47 €/m³, bei 80 000 m³ sind es noch 0,06 €/m³.

Was bedeutet das
für den Einzelbetrieb?

Triesdorf-Aufmacher-Alternative
Mögliche Auswirkungen der geplanten Verschärfungen in Roten Gebieten präsentierte Michael Tröster vom Fachzentrum für Energie und Landtechnik anhand eines Beispielbetriebes mit Milchkühen und kleiner Biogasanlage. Eine Unterdüngung von 20 % würde sich weniger auf den Hektarertrag im Marktfruchtbau auswirken, sondern stärker im Hinblick auf bereitzustellende Lagerkapazitäten für Gülle und Gärrest. Für Grünland sieht er die Gefahr, dass bei Unterdüngung der Rohproteingehalt von Grassilage sinken könnte. Das hätte zur Folge, dass die Landwirte weniger eiweißhaltiges Futter auf eigener Fläche erzeugen können bzw. darauf verzichten und die Lücken mit zusätzlichen Futterimporten (z. B. Soja) schließen müssten. Für Marktfruchtbetriebe wären bei der 20-%-Unterdüngung hauptsächlich Qualitätseinbrüche verbunden mit ökonomischen Einbußen bei Weizen und Raps zu erwarten.

Offene und sachliche Diskussion

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Viele Landwirtinnen und Landwirte aus dem Publikum beteiligten sich an der anschließenden Diskussion und forderten Antworten der Politiker. Manuel Westphal (CSU, MdL) vertritt die Ansicht, dass eine Anpassung der DüV erst später erfolgen soll, man müsse Ergebnisse der DüV von 2017 abwarten und nicht vorzeitig schärfere Regelungen aufstellen. Die Auflage, den Düngebedarf um 20 % zu unterschreiten, habe massive Auswirkungen auf Kosten, Lagerbedarf und Ertrag. Einig ist er sich mit anderen Akteuren, dass alle Menschen auf sauberes Trinkwasser angewiesen sind. Der Landtagsabgeordnete der Grünen Paul Knoblach, selbst Ökolandwirt im Nebenerwerb, forderte in der Diskussion, schärfer nach dem Verursacherprinzip zu handeln. Als Auslöser für die Nitratproblematik sieht er die konventionelle Tierhaltung. Für Hans Friedel (Freie Wähler) werden in der aktuellen Diskussion Landwirte ohne Not als Buhmänner dargestellt. Er forderte bei einer Zunahme der Auflagen die Einteilung der Roten Gebiete einer Fortschreibung zu unterziehen.

Einzelne Messstellen auf andere Einflüsse prüfen

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Angriffen aus dem Publikum hinsichtlich möglicher Verunreinigung durch leckende Abwassersysteme begegnete Ministerialrat Haug ruhig: Unter Siedlungsbereichen oder durch undichte Kanäle wären bisher keine signifikant erhöhten Nitratwerte festzustellen. Vielmehr hätte intensive Landwirtschaft auffällige Nitratwerte geliefert. Darüber hinaus zeigte er sich offen, einzelne Messstellen punktuell auf andere Einflüsse zu prüfen und zu korrigieren, bzw. andere Emittenten genauer anzuschauen.

Am Nachmittag konnte man Techniklösungen im Praxiseinsatz begutachten. Bestes Güllewetter herrschte am Triesdorfer Gülletag: bewölkter Himmel, feuchte, aber nicht zu nasse Bodenverhältnisse im Grünland und eine kühle Witterung. Dennoch war es für die Gülleausbringung im Acker zu feucht. Bei der Technikvorführung kam nur bodenhahe Ausbringtechnik wie Schleppschuh- und Scheibenschlitztechnik zum Einsatz. Maßgabe waren 20 m3/ha Ausbringmenge. Grubber bzw. Scheibeneggen für die Gülle- und Gärrestausbringung wurden im Ausstellungsgelände nur theoretisch vorgestellt. Sehr gut angenommen wurde die Kontaktbörse auf der Ausstellungswiese und in der Energiehalle. Hier waren über 20 Hersteller von Gülletechnik, Lkw-Zubringer und Tankanhänger zu sehen. Auch Hersteller von Güllezusätzen und Separatoren etc. waren vor Ort.

Details des Vortrages finden Sie auf der Homepage www.triesdorf.de.

Einsatzvideos auf der Facebookseite des Wochenblattes fb.com/Bayerisches LandwirtschaftlichesWochenblatt