Oldtimer

Panther, Tiger und Königstiger

Helmut Süß
Helmut Süß
am Dienstag, 13.10.2020 - 15:06

Bei der Raubtier-Serie von Eicher kommt jeder Kenner ins Schwärmen.Im Eicher-Museum in Forstern zeigt Egon Eicher uns besondere Ausstellungsstücke und erzählt Geschichten aus der guten alten Zeit.

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Ein Wort – Eicher – und jeder hat sofort ein Bild vor dem inneren Auge von den Traktoren im unverwechselbaren Blau. Während das ehemalige, unscheinbare Verwaltungsgebäude in Forstern die große Firmengeschichte kaum wiederspiegeln, zeigt das Museum dort im Erd- und Untergeschoß, heute die Technik-Schätze und Raritäten. Eicher war in den 1950er Jahren der erste Longliner in der deutschen Landtechnikbranche.

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1936 wurde in Forstern im Landkreis Erding der Grundstein für ein kleines Wirtschaftswunder gelegt. „Der erste Eicher Dieseltraktor wurde gefertigt. Dabei stand das Garagentor auf dem Weg in die Freiheit im Weg“, berichtet Egon Eicher schmunzelnd über diese kleine Episode in der Geschichte vom Aufstieg der Brüder Josef und Albert Eicher (sein Vater und Onkel) mit ihrer Traktorenfabrik: „Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die Gebrüder Eicher die Entwicklung dieses doch eher verschlafenen, von der Landwirtschaft geprägten Ortes, so entscheidend beeinflussen.“

Aus dem kleinen elterlichen, noch landwirtschaftlich geprägten Betrieb, entstand sehr schnell ein industrieller Produktionsbetrieb, der im Jahr 1969 circa 2000 Mitarbeiter beschäftigte.

Eicher-Traktoren pflügten auch in Indien

In Forstern entstand neben dem Stammwerk-Nord auch im Süden des Ortes ein modernes Produktionswerk mit Bürogebäude, das in den folgenden Jahren weiter ausgebaut wurde. Schon 1951 wurde in Dingolfing ein für damalige Verhältnisse riesiges Betriebsgelände mit Produktionshallen, Bürogebäude, Gießerei und Holzverarbeitung dazugekauft.

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„Eicher-Traktoren waren nicht nur in Deutschland begehrt. In ganz Europa, ja sogar nach Südamerika, in den Orient und bis nach Indien wurden die äußerst robusten und vor allem sehr sparsamen Traktoren exportiert“, erzählt Eicher weiter, der 2017 eine Himalaya -Traktor-Expedition organisierte, bei der sie mit 4 Traktoren auf den höchsten befahrbaren Pass der Welt, den Khardung-La bis auf 6502 m fuhren. Die 1950er Wirtschaftswunderjahre waren die fetten Jahre in der Eicher-Firmengeschichte. So konnten die beiden Firmengründer ihren stets gehegten Wunsch, Eicher-Traktoren und Landmaschinen aus einer Hand, verwirklichen. Ein breites Produktangebot ermöglichte dem Landwirt, etwa für die maschinelle Heuernte alle hierzu erforderlichen Maschinen von Eicher zu beziehen: Angefangen beim Traktor mit Mähwerk bis zum Rekordlader mit angehängtem Ladewagen. So war die „Heukette“ geschlossen.

Der Eicher-Geräteträger konnte schier alles

Eicher-8-Indischer-Eicher

Aber auch die Pflüge der Siegerklasse waren bemerkenswert, da sie modular aufgebaut und somit erweiterbar waren. Diverse Erntemaschinen, Isaria-Drillmaschinen, Kreiselmäher und Kreiseldüngerstreuer, Miststreuer, Sechsfachwagen. Später kam ein Hof- und Stallfahrzeug dazu, der „Eichus“, der vom Aussehen eher einem dreirädrigen Gabelstapler glich. „Der Eicher-Geräteträger war für viele Landwirte die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau“, betonte Eicher, da sein Einsatzgebiet schier grenzenlos schien. Die Bauern konnten bis zu drei verschiedene Geräte gleichzeitig an das Trägersystem anbauen. Und das mit der Muskelkraft eines einzigen Mannes.

Eicher-7-FarmExpress

Überhaupt: Der Ideenreichtum in diesem Unternehmen kannte anscheinend keine Grenzen. Wären die Eicherwerke finanzstark gewesen, wäre es durchaus denkbar, dass noch viele gute, nützliche Produkte hätten entwickelt werden können. So aber endete die Firmengeschichte in Forstern 1992.

Die Fakten der Eicher-Geschichte

Nachdem 1936 der erste Traktor gefertigt worden war, begann für die Gebrüder Josef und Albert Eicher ein beinahe märchenhafter Aufstieg in das Industriezeitalter. Zunächst stoppte jedoch der 2. Weltkrieg den Siegeszug der Eichertraktoren. Doch einhergehend mit dem deutschen Wirtschaftswunder, schnellten die Produktionszahlen sprunghaft in die Höhe:

  • 1945 bis 1948: 300 Schlepper
  • 1951: der 4000ste Schlepper
  • 1953: der 20 000ste Schlepper
  • 1991: der 162 000ste Schlepper wird in Deutschland zugelassen.
  • Aus dem kleinen elterlichen Betrieb entstand in kürzester Zeit ein industrieller Produktionsbetrieb, der im Jahr 1969 circa 2000 Mitarbeiter beschäftigte.

    Den goldenen 50ern folgten dann die schwierigen 60er Jahre. In der Landwirtschaft begann eine deutliche Umstrukturierungsphase, deren Ursachen sicher auch in der politischen Ausgestaltung der EWG zu suchen waren.

    Große Aufmerksamkeit erregte 1964 ein völlig neuartiger Pflugroboter, der „Agrirobot“. Dieser Pflug war in der Lage, vollkommen ohne „Besatzung“ riesige Felder ganz alleine umzupflügen. Leider gab es diese gutgemeinte Idee aus finanziellen Gründen nur als Prototypen.

    Aber die Eicher-Schmalspurschlepper waren sehr erfolgreich. 1959 wurden die ersten beiden Prototypen in Frankreich auf der Weinbauausstellung in Montpellier vorgestellt. Die Entwicklung in immer stärkere und vielseitiger einsetzbare Versionen, Allrad-Antrieb und Kabinenaufbau usw., brachte Eicher auf diesem Spezialgebiet sogar die Marktführerschaft.

    Ein weiteres wichtiges Standbein für die Firma Eicher war der Lkw-Bau. 1961 auf einer USA-Reise gewann Josef Eicher richtungsweisende Eindrücke, die 1962 zum Bau des ersten FarmExpress führten.

    In den Folgejahren wurde aus dem landwirtschaftlich orientierten Klein-Lkw der TransExpress, der für den industriellen Einsatz gefertigt wurde (ca. 25 000 Lkw für Magirus). Mit den Erlösen aus dem Lkw-Bau konnte man andere Löcher schließen.

    Auf der Suche nach finanzstarken Partnern bot sich 1970 Massey-Ferguson als Kooperationspartner an. Im gleichen Jahr begann Eicher in Landau an der Isar ein neues Werk zu errichten. Das Werk Dingolfing wurde an BMW verkauft.

    Für die beiden Firmengründer Josef und Albert Eicher war das Jahr 1972 sicherlich eines der bittersten, mussten sie doch die Firmenleitung aus der Hand geben.

    Die indische Gesellschaft Eicher Goodearth Ltd. übernahm bis 1982 91,5 % der Geschäftsanteile an der Eicher GmbH von Massey Ferguson. Leider musste 1984 Konkurs beantragt werden.

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