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Klimaschutzvorgaben

Landtechnikindustrie befürchtet Innovationsbremse durch Verbrenner-Aus

Mähdrescher
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Freitag, 10.06.2022 - 11:13

Das EU-Parlament hat dafür gestimmt, dass ab 2035 Neuwagen mit Verbrennermotoren nicht mehr verkauft werden dürfen. Die Landtechnikhersteller rechnen mit Kollateralschäden für ihren Wirtschaftsbereich.

Ab Mitte des nächsten Jahrzehnts sollen Hersteller nur noch Autos und leichte Nutzfahrzeuge auf den Markt bringen dürfen, die keine Treibhausgase ausstoßen. Das kommt einem Verbot von Verbrennermotoren in diesem Segment gleich.

Auch wenn landtechnische Spezialmaschinen davon zunächst nicht betroffen sind, erwarten die Landtechnikherstellter daraus unmittelbare Auswirkungen auf ihren Wirtschaftsbereich. Der Geschäftsführer des Verbands der Anlagen- und Maschinenbauer (VDMA) im Fachbereichs Landtechnik, Dr. Tobias Ehrhard, weist darauf hin, dass die Auswirkungen der aktuellen EU-Pläne zur Reform der CO2-Flottengrenzwerte auf andere Anwendungsfelder, etwa Landmaschinen und Traktoren, in Brüssel offenbar vollkommen ignoriert würden. Anders als im Pkw-Segment seien Antriebsalternativen zum Verbrennungsmotor insbesondere für schwere und leistungsstarke Landmaschinen keinesfalls in Sicht.

Einsatzprofil von Landtechnik passt nicht zur Steckdosen-Technologie

Nach Einschätzung von Erhard werden beispielsweise Mähdrescher aufgrund ihres Einsatzprofils auch in absehbarer Zukunft, auch über das geplante Verbrenner-Aus im Jahr 2035 hinaus, auf flüssige Energieträger mit hoher Energiedichte angewiesen sein. Schließlich müssen diese Maschinen während der Erntekampagne, die sich nur über wenige Wochen im Jahr erstreckt, nahezu rund um die Uhr verlässlich laufen.

Er sieht in nachhaltigen E-Fuels eine umweltfreundliche Variante: "Sofern wir nicht auf fossile Energieträger, sondern auf nachhaltige E-Fuels sowie Kraftstoffe biogenen Ursprungs setzen, können auch Landmaschinen und Traktoren mit modernen und effizienten Verbrennungsmotoren nahezu emissionsfrei und zeitnah auch klimaneutral betrieben werden."

Innovationsbruch bei Verbrennungsmotoren und Treibstoffen befürchtet

Sollte sich die geplante EU-Flottenregulierung für PKW und leichte Nutzfahrzeuge in der aktuell geplanten Form durchsetzen, könnte dies mittelbar auch weitreichende Konsequenzen für die Agrarwirtschaft haben.

  • Zum einen ist zu befürchten, dass Investitionen in alternative Kraftstoffe ausbleiben, womit die erforderlichen Skaleneffekte in der Kraftstoffproduktion nicht realisiert werden können.
  • Zum anderen ist bereits heute absehbar, dass sich ein schleichender Know-how-Verlust in Forschung und Entwicklung, aber auch in der Produktion einstellen könnte.

Erhard erwartet, dass damit mittelfristig die problemlose Verfügbarkeit moderner Verbrennungsmotoren auf dem Spiel stehen könnte. Auf jeden Fall aber wäre der Produktions- und Entwicklungsstandort Europa für den Verbrennungsmotor und seine Peripherie akut gefährdet, was angesichts des unerreicht hohen Technologie- und Nachhaltigkeitsniveaus europäischer Unternehmen keinesfalls ein wünschenswertes Szenario darstelle. 

Was der Verband will

"Was wir jetzt benötigen", so der VDMA Landtechnik-Geschäftsführer, "sind verlässliche Rahmenbedingungen für nachhaltige Investitionen in Forschung, Entwicklung und Produktion. Denn die Chancen für die klimafreundliche Nutzung von Verbrennungsmotoren, die E-Fuels und Biokraftstoffe beim Einsatz in der Landwirtschaft bieten, liegen auf der Hand." Er will sie aktiv nutzen – technologieoffen und ergebnisorientiert.

Kritik kommt auch von Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger

Eine ähnliche Stellungnahme wie vom VDMA kommt auch vom bayerischen Wirtschaftsminister. Aiwanger hält das Verbot von Diesel- und Benzinmotoren als ideologisch motivierte Tat, die an Realität vorbeigehe. Moderne Verbrennungsmotoren könnten in Zukunft problemlos mit E-Fuels betrieben werden. Diese technologischen Perspektiven werden aber jetzt zu Gunsten einseitiger Lösungen links liegen gelassen. Auch bei der Batterie sei die Umweltbilanz schließlich noch nicht perfket.

Das Verbot sei insgesamt ein fatales Signal für deutsches Automobil-Knowhow. Es erhöhe die Gefahr, dass die Entwicklung und der Bau von Verbrennungsmotoren schrittweise ins Ausland abwandern, beispielsweise nach China."

Aiwanger macht sich weiter für den Einsatz von Wasserstoff stark: "Der Wasserstoffantrieb muss auch im Fahrzeugbau weiter vorangetrieben werden. Die Vorstellung eines LKWs mit Brennstoffzelle aus bayerischer Produktion letzte Woche zeigt, was bereits jetzt möglich ist. Alle Perspektiven unserer zukünftigen Mobilität müssen auch Wasserstoff beinhalten."