Grünlandmahd

Insektenschutz beim Mähen?

Wiese
Interview: Helmut Süß
am Donnerstag, 15.04.2021 - 10:09

Böttinger_sü

Wie sieht es beim
Insektenschutz bei
der Grünlandernte aus?

Wir haben bei
Prof. Dr.-Ing. Stefan Böttinger
von der Universität Hohenheim
nachgefragt.

Seine Einschätzung lautet:
Moderne Mähtechnik bietet Ansätze,
um auch Insekten retten zu können.

Wochenblatt: Insektenschutz ist gerade ein viel und kontrovers diskutiertes Thema in der Politik, Gesellschaft und Landwirtschaft. Spielt Insektenschutz nicht auch bei der Grünlandernte eine Rolle?
Böttinger: Völlig richtig! Auch im intensiv angebauten Grünland leben am Boden, auf den Halmen und Blättern und an den Blüten die unterschiedlichsten Insekten. Sie sind vor allem bei der Mahd, aber auch bei den nachfolgenden Arbeitsgängen zur Futterwerbung gefährdet. Die häufig angeführten Bestäuber wie Hummeln, Honig- und Wildbienen sind uns sympathisch, aber alle Arten haben ihren Platz und ihre Aufgabe im Naturzusammenhang.
Wochenblatt: Grundsätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten oder Maßnahmen Insekten beim Mähen zu schützen. Gibt es schon Erfahrungen hierzu?
Böttinger: Die Mahd mit einem Balkenmäher ist wohl die schonendste Variante. Dazu gibt es auch interessante Weiterentwicklungen bei den Herstellern. Die Flächenleistung kann durch größere Arbeitsbreiten und die Funktionssicherheit durch bessere Führung des Mähbalkens über den Boden erreicht werden. Allerdings ist das Halmgut nicht aufbereitet. Auch bei Rotationsmähwerken für die Pflege des Straßenbegleitgrüns gibt es erste Entwicklungen, die nicht nur die vorhin genannten Ansätze, sondern noch weitere Ideen umsetzen. Kollegen der Uni Tübingen und der Uni Hohenheim haben dazu schon eine erste Untersuchung durchgeführt. Es ist ziemlich aufwändig, die Insekten vor und nach dem Einsatz des Mähwerks zu sammeln und zu bestimmen. Aber die Ergebnisse sind recht positiv und werden demnächst publiziert.
Wochenblatt: Hat sich aus den Technikansätzen ein Projekt entwickelt?
Böttinger: Zusammen mit den Kollegen aus der Biologie haben wir einen Projektantrag gestellt für die Entwicklung und Erprobung eines insektenfreundlicheren Scheibenmähwerks mit Aufbereiter. Es sieht so aus, dass wir demnächst damit starten können. Wir wollen ein Mähwerk so modifizieren, dass der Landwirt möglichst keinen Mehraufwand in der Bedienung und eine ähnliche Flächenleistung bei vergleichbar gut aufbereitetem Futter hat. Und selbst wenn wir damit auch nicht alle Insekten bei der Grünlandmahd schützen können, hätten wir doch über die Größe der Einsatzfläche sehr viel erreicht.
Wochenblatt: Gibt es schon praxisreife technische Lösungsansätze?
Böttinger: Der Einsatz von Mähbalken wäre aus heutiger Sicht die beste technische Lösung. Die Nachteile habe ich schon angesprochen. Organisatorisch kann aber auch etwas erreicht werden. Viele Landwirte wissen ja, dass blühende Bestände möglichst nur sehr früh am Tag, bevor die Bestäuber aktiv werden, gemäht werden sollten. Aber das ist nicht immer machbar. Auch eine etwas höhere Schnitthöhe reduziert die Sogwirkung eines Rotationsmähwerks. Basierend auf den ersten Erfahrungen mit dem Mähwerk für den Straßenrandstreifen bin ich ganz zuversichtlich, dass über unser Projekt, bei dem wir übrigens von der Industrie unterstützt werden, praktikable technische Lösungen erarbeitet werden.
Wochenblatt: Welche Hauptprobleme sehen Sie bei der Umsetzung der verschiedenen Maßnahmen beim tierschonenden Mähen?
Böttinger: Wenn es Nachteile für die Landwirtschaft beim Einsatz insektenschonender Mähwerke gibt, dann wünsche ich mir, dass diese Nachteile durch entsprechende Fördermaßnahmen kompensiert werden. Hoffentlich können wir diesen zusätzlichen Verwaltungsaufwand durch unsere und durch die Entwicklung von anderen Forschern und Firmen vermeiden. Mähwerke werden über viele Jahre eingesetzt. Hier könnten Investitionshilfen den Austausch alter Geräte unterstützen. Im Rahmen unseres Projektes werden wir auch die Akzeptanz bei den Anwendern direkt bei unseren Versuchen und bei entsprechenden Vorführungen mit untersuchen und berücksichtigen.

Projekte zum Insektenschutz beim Mähen

Die Biologen Prof. Johannes Steidle, Uni Hohenheim, Prof. Oliver Betz, Uni Tübingen und Stefan Böttinger Uni Hohenheim haben ein Projektantrag zur Entwicklung eines insektenschonenden Mähwerkes laufen. Das soll, wenn nichts unvorhergesehenes passiert, ab April laufen. Dazu gibt es Gespräche und Unterstützung durch Industriepartner.

Zudem gibt es schon technische Lösungsansätze zum insektenschondenen Mähen bzw. Mulchen von Straßenbegleitgrün. Seitens der Straßenmeistereien ist der Wunsch nach insektenschonenden Mähsystemen sehr stark. Hierzu haben verschiedene Firmen bereits Geräte entwickelt bzw. werden bereits produziert wie z. B.: Mulag (Grünpflegekopf Eco 1200), Müthing (MU-Ökotop bzw. Insektenretter Beehappy) oder Vogt (Insect-Protect-System) sowie Fischer Maschinenbau (EcoCut). Dazu folgt noch eine separater Beitrag im Wochenblatt. Erste Versuche mit Auswertungen durch Biologen sind sehr erfolgsversprechend.