Betriebshilfe

Hofretter für den Notfall

Patrick Fischer, Bundesverband der Maschinenringe
am Mittwoch, 10.02.2021 - 09:11

Obwohl seine Eltern keinen landwirtschaftlichen Betrieb besitzen, sagt Betriebshelfer Patrick Lerchl heute: „Die Landwirtschaft wurde mir in die Wiege gelegt.“

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Schon nach zwei, drei Schritten werden die Füße spürbar schwerer. Schlamm klebt an den Sohlen und macht die Schritte durch den Hopfengarten unbeholfen. So geht es Patrick Lerchl und Lorenz Reich. Die beiden Männer könnten Vater und Sohn sein, sind sich aber vor zwei Wochen das erste Mal begegnet.

Die beiden Männer stehen gemeinsam hier in der Hallertau, weil Hopfenbauer Lorenz Reich vor wenigen Wochen einen stechenden Schmerz im Rücken spürte. „Ich wusste sofort, dass das was Schlimmes ist“, erinnert er sich. Heute kann er wieder stehen, gehen, sitzen und lachen. Auf seinem Betrieb richtig zu- und anpacken aber kann und darf er nicht. Dafür ist Patrick Lerchl jetzt hier.

Einzigartiges soziales Sicherungssystem

Bauernhöfe und die Arbeit in der Landwirtschaft bergen viele Unfallquellen. Was in der Theorie oft langweilt, wird spätestens dann bitterer Ernst, wenn es doch passiert ist. Dann ist es freilich bereits zu spät, niemandem ist dann mit Floskeln wie „Ich habe es dir doch gesagt“ geholfen.

Genau aus diesem Grund hat sich in der Landwirtschaft ein einzigartiges soziales Sicherungssystem entwickelt: die Betriebshilfe. Fällt ein Bäcker oder Metzger aus, kommt kein anderer und springt ein. Wird ein Mitarbeiter im Büro krank, verteilt sich die Arbeit auf andere Schultern oder bleibt liegen, in der Landwirtschaft ist das nicht möglich.

Als Lerchl noch ein Kind war, wusste er davon nichts. Er ist auf dem Land aufgewachsen, aber nicht auf einem landwirtschaftlichen Betrieb. Trotzdem hat ihm – wie er es sagt – „ die Landwirtschaft getaugt“. Wann immer es ging, hat er auf dem Betrieb seines Nachbarn mitgeholfen. „Draußen sein, mit Tieren und der Natur arbeiten, das fand ich klasse."

Brausud nach China

Lorenz Reich wuchs tatsächlich auf einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Gasthaus auf. In vierter Generation baut er jetzt hier in Niederlauterbach bei Wolnzach Hopfen an. Die ersten Hinweise, dass seine Urgroßeltern Hopfen an die örtliche Brauerei geliefert haben, stammen aus dem späten 19. Jahrhundert.

Seitdem hat sich einiges verändert: Die kleine Brauerei gehört jetzt einem chinesischen Konzern, der einen großen Teil des Brausuds nach Fernost exportiert. Von ehemals drei Dorfgaststätten gibt es nur noch seine und auch die ist nur an drei Tagen für einige Stunden geöffnet.

Gleichgeblieben aber ist, dass die Menschen hier in der Hallertau mit dem Hopfen aufwachsen, ihn anbauen, ernten und mit ihm Bier in der ganzen Welt brauen lassen.

Bandscheibe setzt Bauer außer Gefecht

Lorenz Reich bewirtschaftet 15 ha, dazu kommen 20 ha Forst. Die Ernte 2020 war durch, er wollte gemeinsam mit seinem Vater die Technik für die nächste Saison fertig machen. Als er einen Gabelzinken vom Schlepper hob, kam der Stich im Rücken, ein nie zuvor dagewesener Schmerz. „Ich lag dreißig Sekunden regungslos am Boden, ehe ich um Hilfe rufen konnte.“

Ein Nachbar eilt herbei, alarmiert den Rettungsdienst. Die Diagnose ist schnell klar: ein Bandscheibenvorfall. Der 45-Jährige ist krankgeschrieben, fällt sofort aus.

Natürlich war das nicht seine erste Verletzung, schließlich sind „Bauern hart im Nehmen, arbeiten auch mal weiter, wenn es wehtut“, sagt Reich fast schon entschuldigend. Aber mit einem Bandscheibenvorfall ist er ohne Wenn und Aber außer Gefecht gesetzt.

Da kommt Patrick Lerchl ins Spiel. Denn obwohl er nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, führte ihn sein Weg geradewegs über den Hof des Nachbarn in die Landwirtschaft, wenn auch mit Hürden. Er wollte unbedingt Landwirt lernen, aber die Suche nach einem Ausbildungsbetrieb war schwierig.

„Die ersten die ich angefragt hatte, wollten mich nicht, weil ich eben nicht auf einem elterlichen Betrieb Erfahrungen gesammelt habe.“ Erst der zehnte Betrieb hat ihn genommen. Sein damaliger Ausbilder hat ihm aber alles in Ruhe und mit Geduld erklärt. „Ich konnte auch drei oder vier Mal fragen, das hat ihn überhaupt nicht gestört.“

Auch Hopfenbauer Lorenz Reich ist so einer, der sich nicht zur Geduld zwingen muss. Er ist die Ruhe selbst. Er steht knöcheltief im Schlamm, es qualmt nahezu immer ein Zigarillo zwischen seinen Lippen. Die beiden spannen gerade die Drähte an den Stützmasten der Hopfengärten nach.

„Wenn der Hopfen reif ist“, erklärt er, der Zigarillo wechselt von den Lippen zu den Fingern, „hängen an einem Hektar gute 50 Tonnen.“ Er zeigt ihm einmal, worauf er achten muss, danach übernimmt Patrick Lerchl. Sobald der Mast ein erstes Mal leicht knarzt, lässt er ab, verriegelt das Spannschloss. Diese Routine hat er lernen und sich hart erarbeiten müssen.

Logischer Schritt: Betriebshelfer

Als er im Spätsommer 2019 kurz vor dem Abschluss seiner Landwirtslehre steht, gibt es für ihn eigentlich nur einen nächsten logischen Schritt: Er will als Betriebshelfer arbeiten. Er ist nach der Schule einfach zur Geschäftsstelle des Maschinenring Ilmtal gefahren, hat sich vorgestellt und auch gleich beworben.

„Der Patrick hat gepasst“, erinnert sich Johann Wolf. Er koordiniert die Betriebshilfe im Maschinenring Ilmtal. Dem damals 21-Jährigen hat der Maschinenring sofort eine Festanstellung angeboten und der frisch ausgelernte Landwirt hat sie angenommen.

„Ich bin mit 200 Puls dahin“, erinnert sich Lerchl. Er hatte keine Ahnung vom Hopfen, „außer, dass der ins Bier rein muss“. Das hat er dem Landwirt auch direkt so gesagt. Gestört hat den das nicht, denn: Alles ist erlernbar. Die Hopfenernte hatte gerade erst begonnen.

Der junge Betriebshelfer muss alles das erste Mal machen, hat im Grunde auch gar keine andere Wahl. Er trägt die Verantwortung für das wirtschaftliche Überleben des Betriebs. Dabei war er, so zumindest beschreibt er sich rückblickend selbst, früher schüchtern, still und zurückhaltend. „Die Arbeit als Betriebshelfer hat mich offener und selbstbewusster gemacht“, betont er.

Auch das muss ein Betriebshelfer können: Er muss sich mit Menschen und Schicksalen arrangieren können. Das Erfahrungswissen von Patrick Lerchl ist noch nicht riesig, aber bisher ist er mit allen Betriebsleitern gut zurechtgekommen. Trotzdem ist er jedes Mal vor einem neuen Einsatz nervös, denn er weiß: Das wird auch mal anders kommen.

Bei Lorenz Reich muss er sich da keine Sorgen machen. Der sitzt mittlerweile in seinem Gasthaus, in das schon seit einigen Wochen keine Gäste mehr dürfen. Ihm fehlen sie, seiner Frau auch. Orte wie diese sind nicht für Ruhe gemacht. Immerhin geht es bei ihm nicht um die Existenz, seinen Lebensunterhalt erwirtschaftet er mit seinem Betrieb.

Lerchl sammelt Landmaschinen

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Patrick Lerchl, der nicht auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist, hat mittlerweile sogar ein landwirtschaftliches Hobby. Er sammelt Landmaschinen aus den 1940er und 1950er Jahren. Einen Teil davon lagert er an einer alten Scheune, die tatsächlich im Nirgendwo der Hallertau steht. Hier stehen unter anderem ein Schubrechenwender, ein Pflug und ein Kartoffelroder, alle mindestens 70 Jahre alt. „Aber alle funktionieren noch und ich setze sie auch alle ein“, berichtet er.

Um die Geräte nutzen zu können, hat er sich sogar kleine Flächen gepachtet. Mit seiner Spinne war er heuer sogar für den Maschinenring im Einsatz. „Die Spinne ist absolut bodenschonend“ erklärt er, „die alte Technik passt teilweise immer noch zu den heutigen Anforderungen.“

Warum er das macht? Er überlegt einige Augenblicke, sagt dann aber, „Weil es wichtig ist zu verstehen, wie die heutigen modernen Maschinen funktionieren.“ Und das ist an solchen Geräten besonders deutlich. Er fände es gut, wenn jeder Landwirt in seiner Lehre mit solchen Geräten einmal arbeitet, denn: „Das zeigt, wo die Landwirtschaft herkommt.“

Fragt man Lerchl wie die kommenden Jahre für ihn aussehen sollen, kommt die Antwort schnell: Er will Betriebshelfer bleiben, weiter Erfahrungen sammeln und besser werden. Er kann sich aber auch vorstellen, dass er irgendwann selbst einen Betrieb übernimmt. Wie der aussehen soll? Hopfen natürlich, gerne etwas größer als der von Lorenz Reich.

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