Marktnische

Die blaue Seele der Kamille

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Helmut Süß Portrait 2019
Helmut Süß
am Mittwoch, 29.07.2020 - 14:57

Kamille gilt als Königin der Heilkräuter. Ihre Öle sind in der Pharmazie sehr gefragt. Doch die Nische ist klein: Simon Kistler ist einer der wenigen Kamillenanbauer, die Kamillenöl aus Frischblüten in Arzneibuchqualität produzieren.

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Blau, so sieht Simon Kistler die Kamille. Denn er hat weniger die weiß-gelben Blüten im Blick, sondern er ist auf der Suche nach der ‚Seele der Pflanzen‘ – ihren ätherischen Ölen. Das Öl der Kamille hat eine sehr intensive Farbe: blau. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit der Kunst der Wasserdampf-Destillation die Öle einzufangen und sie unseren naturkosmetischen Präparaten auf höchstem Qualitäts- und Reinheitsniveau wieder einzuverleiben“, erzählt Kister voller Enthusiasmus, denn das Kamillenextrakt bietet er auch für seine naturkosmetischen Präparaten unter der Marke Inkarna Chamomilla an.

Die aus frischen Blüten der Pflanzen destillierten ätherischen Öle sind die Basis aller Kamillen-Kosmetikprodukte der Familie Kistler. Das Öl der Echten Kamille hat eine wunderbar blaue Farbe - daher auch der Name ‚Blaues Kamillenöl‘. Das Blau wird vom Inhaltsstoff Chamazulen hervorgerufen, der sich erst bei der Wasserdampf-Destillation bildet. Chamazulen und a-Bisabolol sind auch die Hauptinhaltsstoffe. Dazu kommen Flavonoide und Cumarine.

Wogendes Blütenmeer

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Wenn man im Sommer zum architektonisch wunderschönen Aussiedlerbetrieb, den Lindenhof bei Sulzemoos fährt, riecht und sieht man ein wogendes Blütenmeer. Der Hof steht sozusagen im Mittelpunkt der angrenzenden Kamillenfelder. Der traditionelle landwirtschaftliche Betrieb von Simon und Angelika Kistler sowie ihren zwei Kindern hat vor rund 30 Jahren zum ersten Mal Kamille angebaut. „Jetzt spinnt der Kistler, wenn er nun auch noch Unkraut anbaut“, hörte er anfangs manche Nachbarn oder Berufskollegen sagen. „Zuerst kommt der Hohn, dann die Neugier und manchmal auch Neid“, antwortet Kistler heute, denn die Kamille hat sich für ihn durchaus ausgezahlt.

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Dabei baut und erntet er nicht nur die Kamille professionell an, sondern verarbeitet noch am gleichen Tag die ‚Ernte‘. Mit einem Feldhäcksler holt er das Erntegut, sprich die Blütenköpfe, vom Feld und in vier großen Anlagen destilliert er schonend rund zwölf Stunden lang. Der Wasserdampf als Träger entzieht schonend das Öl. „Auf diese Weise bleibt das ganze Inhaltsstoff-Spektrum in seiner natürlichen Vielfalt weitgehend erhalten“, betont Kistler. Qualität ist das A und O: „Durch jahrzehntelange Erfahrung in der Destillation kennen wir das Geheimnis der Herstellung von Kamillenöl in seiner natürlichsten und reinsten Form“, erklärt Kistler: „Im Register Inhaltsstoffe haben wir jeden einzelnen Rezepturbestandteil aufgelistet und kommentiert. Transparenz und Glaubwürdigkeit sind uns ein zentrales und sehr wichtiges Anliegen.“
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Der Anbau von Sonderkulturen ist zwar aufwändig, stellt aber eine große Bereicherung für die Felder und eine wohltuende Alternative dar. Das Konzept der Familie Kistler ist überzeugend. Es war viel Mut und Pioniergeist nötig, um ein Projekt wie den Lindenhof Wirklichkeit werden zu lassen und eine ausgeklügelte Destillationstechnik zu entwickeln.
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Das beginnt jedoch am Feld. Kistler zitiert einen alten Spruch, der besagt: „Nur eine gute Aussaat kann eine gute Ernte erbringen!“ In der Sortenwahl setzt er auf die wirkstoffreichsten und geschützten Kamillensorten, die es weltweit gibt. In einer alten germanischen Sage heißt es, dass Kamillenblüten, in der Nacht der Sommersonnenwende geerntet, magische Kräfte hätten! Tatsächlich weisen die Kamillenblüten in der Vollblüte um die Sommersonnenwende den höchsten Gehalt an ätherischem Öl auf. Dies ist die Zeit, in der Simon Kistler die Blüten erntet.

Tüflter: Viele Maschinen hat er für den Einsatz verbessert

Er ist ein geschickter Tüftler. Viele Maschinen wie Sämaschinen hat er mit sinnvollen Umbauten für den Praxiseinsatz verbessert (mehr dazu in einer der nächsten Wochenblatt-Ausgaben): „Der Feldhäcksler muss zuverlässig, leistungsfähig und dem Erntegut angepasst sein, daher habe ich den Erntevorsatz entsprechend modifiziert. Ein ganz neuartiger Ernteadapter für reinere Blütenware wird gerade erprobt. Denn die Ernte muss in kürzester Zeit bei höchstem Wirkstoffgehalt durchgeführt werden. Für uns ist dies eine Zeit, in der unser Betrieb 24 Stunden, Tag und Nacht, alle Wochentage, den Einsatz all unserer Kräfte fordert!“

Ätherische Öle vom Bauernhof

Destillationsanlage ist das Herzstück

Die Destillationsanlagen stellt das Herzstück des Verarbeitungsbetriebes dar. Als einziges Extraktionsmittel wird dabei Wasserdampf eingesetzt, mit dem man auf die natürlichste Weise das eigentlich fast wasserunlösliche ätherische Öl aus den Blüten gewinnen kann. Auch hier hat Kistler sein technisches Geschick eingesetzt: „Eine gehörige Portion technisches Knowhow ist dazu aber sehr wohl nötig. Jahrzehntelange Entwicklung, Forschung und kontinuierliche Verbesserungen haben uns technisch in die Lage gebracht, die faszinierenden Öle in ihrer komplexen natürlichen Vielfalt aus den Pflanzen zu gewinnen. Das Kamillenöl der Familie Kistler wurde in Pharmazeutischen Kreisen oft schon als das Beste weltweit benannt und genießt internationalen Ruf.

Die kurzen Transport- und Verarbeitungswege bilden zudem die Basis dieser energiesparenden, nachhaltigen und umweltverträglichen Produktion. Für die Qualität des Kamillenöles ist es von ausschlaggebender Bedeutung, einen Verlust oder eine Zersetzung der wertvollen Inhaltsstoffe zu vermeiden. Auch eine nur kurzzeitige Zwischenlagerung der Blüten würde zwangsläufig zur Fermentation und damit zum Verlust von Wirkstoffen führen. So dauert es nur Minuten von den angrenzenden Feldern bis zur Destillationsanlage. Dabei erntet Kistler immer nur so viele Blüten, wie sofort verarbeitet werden können.