Solarenergie

Strom von Dach und Feld

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Helmut Süß
Helmut Süß
am Mittwoch, 24.03.2021 - 14:43

Wie hoch ist die Energieeffizienz bei der Erzeugung und Nutzung von erneuerbarer Energie insbesondere auf die Fläche bezogen? Überlegungen dazu von einem Photovoltaik-Visionär, der seine Ideen auch in die Tat umsetzt.

Auf einen Blick

  • PV-Anlagen können nicht nur auf Dächern, sondern auch in Freiflächen grünen Strom erzeugen.
  • Die Energieeffizienz bei der Erzeugung und Nutzung von Erneuerbarer Energie auf die Fläche bezogen ist bei PV-Anlagen sehr hoch.
  • Albert Tibudd engagiert sich nicht nur für Sonnenenergie, er setzt seine Ideen auch in die Tat um: Sein 400 m2 großer Dachstuhl wurde statt mit Ziegeln mit Fotovoltaik-Modulen eingedeckt; zudem hat er 1,3 ha für eine PV-Freiflächenanlage verpachtet.

Albert Tibudd ist überzeugter Photovoltaik-Visionär

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Wenn man zu ihm nach Kottgeisering (Lks. Fürstenfeldbruck) kommt, sticht einem sofort das vollständig mit PV-Modulen eingedachte Haus ins Auge. Der 70-jährige ehemalige Landwirt und Autodidakt im Bereich Erneuerbare Energie versteckt seine Überzeugungen nicht: „Die Energiewende ist überfällig, wie kann die Landwirtschaft am effektivsten dazu beitragen?“, fragt er und weiter: „Mit Biogas? Mit Photovoltaik-Anlagen? Mit Windrädern? Überall ist Grund und Boden Voraussetzung. Wie kann dieser am besten dafür genutzt werden? Wir brauchen alle diese Faktoren, sollten aber den Schwerpunkt auf den besten Energieertrag setzen, der möglich ist.“

Tibudd beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren mit Solarenergie (PV). Seine beiden Leidenschaften sind Landwirtschaft und das Elektrohandwerk, das er nach Aufgabe der Landwirtschaft gelernt hat. Beim Thema Photovoltaik ist er kaum zu bremsen: „Der Ertrag pro einem Hektar landwirtschaftlicher Fläche für Biogas bringt circa 15 000 kWh – minus Grauer Energie. Bei PV-Anlagen sind es 1 500 000 kWh – also das 100-fache, bei Elektro-Autos beträgt die Reichweite sogar 1000-mal mehr als mit Diesel oder Benzin.“

Land- und Energiewirt

In vielen Gesprächen und Vorträgen versucht Tibudd die Landwirte davon zu überzeugen, zu Energiewirten zu werden. Um seine Vision zu erfüllen, setzt er sich mit Planern, Architekten und Vertretern der Politik zusammen und betreibt Aufklärungsarbeit. Aber er redet nicht nur über Sonnenenergie, er setzt seine Ideen auch in die Tat um:

  • Sein Dach decken statt Ziegeln Photovoltaik-Module: eine 400 m2 große 58-kW-Anlage. Diese Fläche ersetzt den Energieertrag von 40 000 m2 landwirtschaftlicher Anbaufläche mit nachwachsenden Rohstoffen, rechnet Tibudd vor. Das Dach ist wartungsfreundlich und äußerst stabil. Hagel- oder Sturmschäden fürchtet er nicht.
  • Zudem hat er eine 1,35 ha große PV-Freiflächenanlage direkt neben der Bahntrasse zusammen mit den Stadtwerken Fürstenfeldbruck realisiert bzw. die Fläche an den Energieversorger verpachtet. Dazu hat das Wochenblatt ein separates Interview geführt (siehe Internet-Link).

Der Pionier spricht von einem sinnvollen Flächengebrauch

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Das hat eine Vorgeschichte: 2009 plante er eine Agro-PV-Anlage mit Weihenstephan (Prof. Dr. Bodmer) mit Nutzung unter den Modulen: Schafe, Enten. Gänse, Hühner. Trotz dieser angedachten landwirtschaftlichen Nutzung wurden Ausgleichsflächenforderung 0,2 gestellt, deshalb habe er das Vorhaben nicht selbst umgesetzt. Seine Erkenntnis: Wenn aus einer hängigen Ackerfläche eine Wiese würde, dann würde keine Erosion mehr stattfinden.

„Das ist das kein landwirtschaftlicher Flächenverlust, sondern ein umweltfreundlicher Flächenmultiplikator, der hilft, CO2 einzusparen, kombiniert mit zusätzlichem landwirtschaftlichem Ertrag“, sagt Tibudd und verweist auf den Erzeugungsnennwert Kilowattstunden zusätzlich zu Kilogramm oder Tonne.

„Sonnenfelder sind lukrativ und sinnvoll“, ist Tibudd überzeugt. „Das ist nur noch nicht jedem so bewusst“, sagt er. PV-Freiflächen wären laut Tibudd vor allem als Ost-West-Anlagen sinnvoll, auch eine Mehrvergütung von 0,01 bis 0,015 € wäre sinnvoll. Dadurch wäre die Wirtschaftlichkeit wie bei Südausrichtung erreicht und die Erzeugung über einen größeren Tageszeitraum möglich, außerdem ein höherer Flächenertrag sowie eine bessere Netzverträglichkeit.

Zu den oft genannten Kritikpunkten meint Albert Tibudd: „Es ist viel vom Flächenfraß die Rede. Jedoch gibt es keinen Flächenfraß, keinen Flächenverbrauch, sondern nur Flächengebrauch, der bei ökologisch sinnvoller Anwendung auch als Flächenmultiplikator wirken kann.“

Er argumentiert weiter: „Bei nachwachsenden Rohstoffen aus der Landwirtschaft für die Energieproduktion wird die Fläche für die Nahrungserzeugung geringer und der Energieertrag ist für die Umstellung auf Erneuerbare Energie ja Hektar und Jahr zu gering und deshalb nicht möglich. Die vorhandene Fläche reicht nicht aus. Dagegen ist Erneuerbare Energie aus Sonne und Wind unendlich vorhanden.“

Warum nicht auf Greening-Flächen?

Laut Tibudd sollen PV-Anlagen vorrangig auf Dächern und an Fassaden genutzt werden. Für PV-Freiflächenanlagen wäre es sinnvoll, die Greening-Flächen (5 % der Ackerfläche) zu nutzen. Steilere Ost-, Süd- und West-Ackerflächen wären dann wieder Grünland, eventuelle Bodenerosion gestoppt. Dabei wäre eine Zweitnutzung durch Beweidung mit Schafen, Schweinen oder Hühner zudem möglich.

Albert Tibudd erläutert weiter: „Bei den ersten PV-Freiflächenanlagen konnte man je Hektar mit einem Ertrag von rund 300 000 kWh/Jahr rechnen, heute durch verbesserten Wirkungsgrad der Module von 8 auf 25 Prozent und anderen Aufständerungsmethoden wie Ost-West-Ausrichtung mit bis zu 1 500 000 kWh. Die Forschung ist heute schon bei Wirkungsgraden von teilweise über 40 Prozent, das sind doch gute Aussichten!“ Das sei die Energie, mit der ein E-Mobil (15 kWh/100 km) 10 Millionen km fahren könne.
Nachdem die technischen Anlagen zur Energiegewinnung durch Sonne und Wind erstellt sind und die Wartung und Pflege erfolgt, entstünden keine Energiekosten mehr. Man könne auch PV und Windräder kombinieren und dadurch mehr Leistung erzielen: „Denn Sonne und Wind schicken uns keine Rechnung“, resultiert er.

Zahlen richtig einordnen

Neue Windräder liefern jährlich circa 2000 Stunden Volllast. Das ergebe sich aus 6000 bis 8000 Stunden Laufzeit, in denen Teillast erzeugt werde. Die stets genannten 1000 Stunden Volllast bei PV-Anlagen entstehen aus 4000 bis 5000 Stunden Tageszeit. Würden diese Laufzeiten bei Windrädern und PV so dargestellt, hätte dies eine viel höhere Akzeptanz bei der Bevölkerung. Man hört nämlich in Gesprächen über Windräder und PV nur 2000 bzw. 1000 Stunden Volllast. Damit wäre laut Tibudd keine Energiewende möglich.

Bei schnellerem Ausbau von Erneuerbaren Energie-Anlagen wäre bei Überproduktion die Möglichkeit der Speicherung in Akkus gegeben, ebenso die Umwandlung durch das sogenannte Power-to-Gas-Verfahren Akkus in Elektroautos und Elektroschleppern könnten zusätzlich 7000 bis 8000 Stunden für Reserven und Netzausgleich dienlich sein und damit ein Zusatzeinkommen für Landwirte darstellen. Dadurch wäre es möglich, den Netzausbau zu mindern.

Effizienz im Blick

Bei nachwachsenden wie bei herkömmlichen Rohstoffen ist ein Energiespeicher vor der Stromerzeugung nötig. (Öltank, Gaspipeline, Holz, Silomais etc.). Bei Erneuerbarer Energie aus Sonnenlicht und Wind ist der Energiespeicher erst nach der Erzeugung nötig – nachdem der direkte Verbrauch abgedeckt ist. Wie effizient Strom aus Sonnenenergie erzeugt werden kann, rechnet Albert Tibudd einfach und nachvollziehbar so vor:

  • Mit einem 1 m2 großen Modul könne man 200 und mehr Kilowattstunden im Jahr an Sonnenenergie „ernten“. Diese Energiemenge reicht, um mit einem Elektroauto rund 1500 bis 2000 km weit zu fahren.
  • Würde man dagegen auf 1 m2 Raps anbauen und daraus Öl gewinnen, dann hätte man gerade einmal 150 ml Öl. Weiter als zwei Kilometer käme man damit mit dem Auto nicht.
Tibudds Fazit: „Sonne und Wind sind die zukünftigen Ölquellen – man braucht die Energie nur aufzufangen.“