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Agri-Photovoltaik

Solaranlage: Hageldach überm Hopfengarten

Miniaturmodell: Es macht deutlich, was Josef Wimmer mit seiner Agri-PV plant.
Helmut Süß
Helmut Süß
am Mittwoch, 14.09.2022 - 13:53

Photovoltaik in sieben Metern Höhe: Josef Wimmer spricht im „Wochenblatt“-Interview über die Realisierung einer besonderen Idee.

H-2-B-Josef-Wimmer

Josef Wimmer aus der Hallertau will sein Projekt „Photovoltaik im Hopfengarten“ im nächsten Frühjahr konkret umsetzen. Dabei werden ganz neue Module der Startup-Firma Tube-Solar aus Augsburg erstmals in der Praxis verbaut: horizontal, als Dach bzw. Jalousie über die Hopfenpflanzen. Zwischen den einzelnen PV-Röhren bleiben ausreichend Zwischenräume, sodass Wind, Regen und natürlich das Sonnenlicht flächig durchkommen. Josef Wimmer erklärt, worauf es bei Planung, Umsetzung und Betrieb ankommt.

Zunächst ist dieses Projekt für Viele sehr ungewöhnlich, wie kam es dazu? Können Sie ein paar Worte zur Entstehungsgeschichte sagen? Von wem ging die Initiative aus?

Die Initiative zur Agri-PV ging von mir selbst aus. Ich bin Sachverständiger bei der Allianz in Bezug auf Hagelschäden deutschlandweit. Ich war viel unterwegs und habe mir im Bodenseeraum auch die Hagelschutznetze angesehen und gedacht, ob man das nicht auch für den Hopfen anwenden könnte. Hagel ist im Hopfen ist ein großes Problem. 2009 gab es Hagelschäden mit Totalausfall – auch bei mir auf dem Betrieb mit 90 Prozent Ertragsausfall. Wären also Folien oder Netze im Hopfen denkbar, habe ich mich gefragt. Dann bin ich über einen Bericht auf die Idee von Agri-PV gekommen. Warum eigentlich Geld ausgeben für den Hagelschutz, wenn man damit Geld verdienen kann. So ist dann alles ins Laufen gekommen.

Von der Idee bis zu der Umsetzung, wie lange hat der Prozess gedauert?

Das sind jetzt etwa sechs Jahre vergangen. Zwischendurch hatte ich schon auch Durchhänger oder verschiedenen Hemmnisse.

Waren die Hemmnisse baulicher Art, wie zum Beispiel nicht geeignete Module – oder waren es eher die Behörden?

Hauptsächlich behördliche, aber auch technische Probleme. Mit dem Hallertauer Handelshaus haben wir dann eine Firma gegründet, mit Partnern, die schon Erfahrungen mit PV haben, die sind jetzt im Boot. Das ist ein großer Vorteil. Eine Firma für PV und ich, der für die Hopfenpflanzen zuständig ist: Das ergibt eine klassische Win-Win-Situation.

Wann wollen Sie mit der eigentlichen Bauphase beginnen?

Plan ist, dass die Bauphase im nächsten Februar oder März stattfinden soll. Wichtig ist, die Anlage muss stehen, bevor die Hopfensaison beginnt, und das ist bis Ende März.

Agri-Photovoltaik im Hopfengarten

Wer ist der Betreiber dieser Agri-PV-Anlage?

Die Agrar-PV und Co. KG, also das Handelshaus, ist mit 50 Prozent daran beteiligt und ich als Landwirt mit 50 Prozent.

Stichwort Sicherheit: Wie sicher ist die Anlage beziehungsweise das Baugerüst gegen Sturm etc.?

Die Holzmastenstruktur wird weggeräumt und es kommt eine neue Anlage mit stabileren Betonmasten.

Und das Ganze in einer konventionellen Anlage. Gehen Sie auch hier auf sieben Meter Höhe?

Ja, die PV-Module kommen in einen konventionalen Hopfengarten. Aber wir reduzieren die Wuchshöhe von sieben auf sechs Meter. Das PV-Dach kommt auf sieben Meter und wird also nicht höher als bisher.

Eine zentrale Frage: Welche PV-Module setzen sie ein? Werden sie horizontal angebracht oder leicht schräg angestellt?

Wir setzen mehr oder weniger ein horizontales PV-Dach über den Hopfengarten. Dabei kommen auch ganz neue Module von der Startup-Firma Tube-Solar in Augsburg zum Einsatz. Diese Röhrenmodule gibt es noch nicht auf dem Markt, die kommen bei uns zum ersten Mal zum Einsatz. Auch sie werden horizontal verbaut. Zwischen den einzelnen PV-Röhren sind Zwischenräume. Hier kann der Wind, Schnee und natürlich das Sonnenlicht durch. Auch der Niederschlag kommt flächig durch, so wie wir das wollen.

Warum die neuen Röhren-Module?

Das Röhrensystem von Tube-Solar ist nicht so windanfällig. Die Firma hat auch Windkanalversuche durchgeführt, die das belegen. Das ist ein sehr großer Vorteil gegenüber herkömmlichen Modulen.

Aber es kommen auch noch konventionelle Module zu Einsatz, richtig?

Ja, wir werden auch eine zweite Variante testen. Die werden, wie gesagt, auch horizontal montiert.

Wie viele Quadratmeter im Hopfengarten werden überdacht?

Wir werden 8000 Quadratmeter überdachen, das sind 1,2 Hektar. Zwei Drittel mit PV-Modulen, ein Drittel bleibt frei, um eine Vergleichsfläche zu haben. So sehen wir, was unter dem PV-Dach und in der Kontrollanlage ohne PV passiert.

Wie ist es mit den Arbeiten im Hopfengarten, von Pflegearbeiten oder Frontladerarbeiten bis zur Ernte: Werden die beeinträchtigt?

Arbeiten im Hopfengarten werden nicht beeinträchtig. Durch die Höhe der PV-Module von sieben Metern und von sechs Metern der Hopfenpflanzen ergibt sich ein Zwischenraum. Wir fahren ja unter dem Hopfendrahtnetz.

Und wie ist es beim Einsatz von Pflanzenschutzgeräten?

Ja, der Baustein flächiger Pflanzenschutz ist relevant: Hier sind wir mit zwei Herstellern in Kontakt, um das Thema zu lösen, damit wir mehr seitlich und nicht in die Höhe sprühen.

Welche pflanzenbaulichen Effekte oder sogar Vorteile erwarten sie im Hopfengarten?

Ich erwarte positive Effekte, wenn die Hopfenpflanzen beschattet werden. Der Hopfen ist ja eine Auwaldpflanze. Der natürliche Lebensraum ist eher an Waldrändern, und er wächst dort an den Stämmen hoch, im Schatten des Baumes. Der Hopfen mag so hohe Sonneneinstrahlung und Temperaturen, wie wir sie heuer hatten, gar nicht. Rund 50 Prozent des Lichts wird reduziert.

Ihre Agri-PV-Anlage wird wissenschaftlich begleitet. Welche Aspekte werden untersucht, z.B. Lichtausbeute der PV-Module? Oder gibt es auch pflanzenbauliche Forschungsprojekte?

Das Ganze wird wissenschaftlich begleitet vom Fraunhofer Institut und der Hochschule Weihenstephan. Triesdorf übernimmt die pflanzenbaulichen Parts wie auch die Ertragsseite: Wie viel Licht können wir reduzieren? Wie verändert sich der Ertrag? Das Fraunhofer Institut konzentriert sich eher auf die Ertragsseite der PV-Anlage und die statischen Belange.

Wie hoch sind die Kosten so einer Anlage im Vergleich zu einer PV-Freiflächenanlage oder einer Dachanlage? Und erhalten Sie irgendwelche Fördergelder

Die Anlage mit insgesamt 8000 Quadratmetern Fläche kostet ungefähr 1,2 Millionen Euro. Grob gerechnet etwa das Doppelte wie ein Freiflächenanlage. Fördergelder gibt es leider keine. Wir müssen das selbst schultern und das Beste draus machen.

Wie sind sie dann finanziell abgesichert. Sie müssen ja 1,2 Millionen Euro selbst aufnehmen.

Das Wirtschaftsministerium übernimmt eine Bürgschaft des Projekts, das ist auch eine Absicherung für meinen Betrieb.

Sie als Hopfenbauer bewirtschaften den Betrieb vom Anbau bis zur Ernte. Die Verarbeitung beziehungsweise Trocknung ist ja sehr energieintensiv. Planen Sie, den selbsterzeugten Strom mit einzubeziehen?

Ja, es ist angedacht den eigenen Strom zur Trocknung und auch eventuell für die Schlepper zu nutzen. Oder zur Erzeugung von Wasserstoff, der dann als Treibstoff eingesetzt werden kann. So ist das Ganze angedacht. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Jetzt muss erst mal die Anlage gebaut werden und zum Laufen kommen.

Strom muss ja irgendwie vermarktet werden. Haben sie schon Gespräche mit den Netzbetreiber und Energieversorger?

Die Stromvermarktung für die 1,2 Hektar ist gesichert. Wir haben die Zusage der Bayernwerke. Wir können 100 Prozent des Stroms einspeisen. Was die Zukunft bringt, muss man sehen, vielleicht auch in die Direktvermarktung.

Was sagen die Berufskollegen und Anwohner zu Ihrem Projekt?

Die Rückmeldungen von Berufskollegen und der Bevölkerung sind durchwegs positiv. Alle warten darauf, bis die Anlage steht. Bis man mal Daten hat, wie viel Strom erzeugt wird. Darauf warten alle.

Letzte Frage zum Landschaftsbild: Die Hallertau ist ja geprägt von Hopfen und Hopfengarten. Gibt es vielleicht Bedenken der Bevölkerung, dass alles überdacht wird? Wie beurteilen Sie selbst das Landschaftsbild?

Ich denke, das Landschaftsbild wird sich verändern. Aber das Landschaftsbild in der Hallertau hat sich ja mit den Gerüstanlagen eh schon verändert. Die Gerüstanlange stehen ja auch Winter, wenn sie leer sind. Im Sommer sind sie schön, wenn der Hopfen dran ist. Dreiviertel des Jahres sind sie leer, da sind sie nicht so schön. Aber ich denke, die Bevölkerung wird das akzeptieren, wenn man auf den schon bestehenden Gerüsten eine PV-Anlage oben drauf macht. Weil, wie gesagt, die Gerüstanlagen sowieso schon stehen.

Haben sie irgendwelche Visualisierungen gemacht, damit sich die Leute darunter etwas vorstellen können?

Zuerst hat es ja nur Zeichnungen geben. Dann habe ich mir gedacht, ich muss ein Modell machen, damit die Leute sehen, was ich da vorhabe, dann wissen sie, um was es geht. Seit ich das Modell habe, läuft es. So könne sich die Leute was darunter vorstellen, und das passt. Mittlerweile habe ich auch eine kleine Demoanlage bei mir auf dem Betrieb. Da kann man sich auch drunterstellen, um zu sehen, wie das ist mit der Sonneneinstrahlung oder wie sich die Beschattung auswirkt. Wie ist der Temperaturunterschied? Das alles ist positiv. Das sind circa 30 Quadratmeter. Nur zur Veranschaulichung insbesondere der Rohren-Module.