Solarenergie

Solar-Biotop-Verbund als neue Chance

PV-Solaranlage-SChafe
Helmut Süß
Helmut Süß
am Donnerstag, 10.06.2021 - 14:32

Die Vision: PV-Freiflächen im Biotop-Verbund erzeugen grünen Strom und fördern den Artenschutz bei fairen Bedingungen für die Landwirte.

Ein interessantes Konzept versucht mit einem gesamtheitlichen Ansatz über den Ausbau der regenerativen Energieversorgung Landwirtschaft, Arten-, Klima- und Grundwasserschutz zu verknüpfen. Unter anderem Johannes Maibom von der Reuthwind Verwaltungs-GmbH (Mittelfranken) und Harald Kempe haben nach dem Bienenvolksbegehren den Solarbiotopverbund entwickelt und dem Wochenblatt vorgestellt.

Notwendige Umgestaltung unserer Agrarlandschaft

PV-Plan-Mausdorf-Hgb

„Ziel dabei ist es, den unumgänglichen großflächigen Ausbau der regenerativen Energiequellen wie Photovoltaik auf der Freifläche sinnvoll zu gestalten“, erklärt Maibom:

„Die wichtigste Voraussetzung für einen nachhaltigen Artenschutz und einen schnellen Ausbau der regenerativen Energiequelle Photovoltaik ist eine breite gesellschaftliche Akzeptanz und eine intensive Bürgerbeteiligung unter Beachtung der existenziellen Interessen unserer landwirtschaftlichen Betriebe“, fügt Kempe hinzu: „In diesem Konzept wird ein Optimalziel beschrieben. Für die Realisierung sind wir aber auf die Beseitigung rechtlicher Hürden oder die Entwicklung der rechtlichen Grundlagen für die Zukunft der Energieversorgung und des nachhaltigen Artenschutzes durch den Gesetzgeber angewiesen, der sich die Umsetzung der Klimaziele bis 2030 vorgenommen hat.“

PV-Solaranlage-SChafe

Die im Vergleich zu Biogasanlagen höhere Flächeneffizienz von PV-Anlagen bei inzwischen niedrigen Stromerzeugungskosten macht die Freiflächen-PV zu einer konkurrenzfähigen Energiequelle. Heute werden die Freiflächenanlagen vor allem entlang von Bahnstrecken und Autobahnen ertragsoptimiert geplant und ohne besondere Berücksichtigung von Landschaftsbild und Artenschutz errichtet.

Diesbezüglich meint Maibom: „Nur wenn es gelingt, möglichst viele Landwirte in diesen Prozess einzubinden und die Anlagen im Sinn des Arten- und Grundwasserschutzes zu errichten, wird die Energiewende im Konsens mit der Gesellschaft gelingen. Windenergie ist insbesondere wegen ihrer optischen Wahrnehmung umstritten, auch wenn sie eine der effektivsten Formen der Stromgewinnung darstellt. PV in der Freifläche wird sehr unterschiedlich bewertet, auch weil bisher die Einbettung in die Landschaft von untergeordneter Bedeutung im Zulassungsverfahren war. Kritisch wird hier vor allem der zusätzliche Flächenbedarf in einem bereits sehr angespannten Pachtmarkt gesehen, was uns jedoch im Umkehrschluss zu einer effektiven Nutzung des knappen Gutes Fläche verpflichten sollte.“

Grünes, vernetztes PV-Energieband

PV-Freiflächenanlagen, die als grünes Energieband die Landschaft durchziehen, deren Flächen auch zwischen den Modulreihen als extensives Grünland im Sinn des Artenschutzes bewirtschaftet werden und die mit Sträuchern und Bäumen die Landschaft strukturieren, werden von den Bürgerinnen und Bürgern eher akzeptiert als großflächige Anlagen.

Diese PV-Flächen werden ohne den Einsatz von Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Bodenbearbeitung als Huteflächen für die Schafbeweidung, nach Anlage von Wanderwegen der Naherholung sowie vor allem als Naturkraftwerke dem Arten- und Grundwasserschutz dienen. Die Energiewende kann mit einer großräumig vernetzten Anlagestruktur deutlich beschleunigt werden bei vergleichsweise niedrigen Stromerzeugungskosten, so Maibom. Und weiter: „Durch die frei planbare Vernetzung hat fast jeder landwirtschaftliche Betrieb die Möglichkeit, dass auch seine Flächen in das grüne Energieband aufgenommen werden. Artenschutz und gleichzeitige Energiegewinnung – verbunden mit extensiver Weidenutzung in einer vernetzten Biotopstruktur – ist eine deutliche Aufwertung und sollte ohne zusätzliche Ökoausgleichsflächen genehmigungsfähig sein.“
Durch die höhere Flächeneffizienz von PV-Anlagen im Vergleich zur Stromerzeugung aus Biogas entstehe, wie Kempe prognostiziert, kein zusätzlicher Flächenbedarf und damit kein weiterer Druck auf die Pachtpreise.

Praktische Umsetzung in Mausdorf und Pirkach

Mit der Flurneuordnung im Verfahrensgebiet wurden zur Verbesserung der Biodiversität Grünstreifen mit Hecken und Baumpflanzungen angelegt. Diese relativ schmalen und nicht zusammenhängenden Streifen werden als bereits vorhandene Struktur aufgenommen, mit dem grünen Energieband deutlich verbreitert und vernetzt. Die Anordnung der Solarmodule ist frei wählbar.
Um die konkrete Machbarkeit eines Pilotprojekts zu ermitteln, hat die Verwaltung für Ländliche Entwicklung bei Reuthwind eine Studie zur Ermittlung der Umsetzbarkeit in Auftrag gegeben.
Durch die geringere Flächenausnutzung mit einer Grundflächenzahl (GRZ) von 0,25 bis 0,3 ist der Jahresstromertrag pro Hektar niedriger als bei herkömmlichen Anlagen bei jedoch eher etwas höheren Festkosten (Pacht, Zaunbau, Trafo, längere Leitungen, Genehmigungsverfahren und etwas aufwendigere Betreuung). „Diesem Aufwand steht jedoch ein Zusatznutzen gegenüber, der über den Strompreis vergütet werden muss, um damit die Investitionskosten langfristig ohne zusätzliche Steuermittel abzusichern“, betont Maibom. Für die Mehrkosten wurde ein Aufschlag von ca. 0,6 ct pro erzeugter kWh im Vergleich zu üblichen Anlagen errechnet.
Das Unternehmen besteht aus ortsansässigen Akteuren und kann individuell auf die lokalen Gegebenheiten eingehen. Dazu gehören insbesondere die Sicherung der geeigneten Flächen sowie die Koordination der Energieflächen mit den landwirtschaftlichen Nutzflächen, um die jeweilige Bewirtschaftung nicht zu behindern. Mit dem Projekt Bürgerwindanlagen, der Realisierung einer komplexen Deponie-Freiflächenanlage und einem Nahwärmenetz (Bioenergie Mausdorf) hat Reuthwind verschiedene Energieprojekte bereits erfolgreich realisiert.
In der Machbarkeitsstudie „Solarbiotopverbund“ konnte der Nachweis geführt werden, dass mit dem beschriebenen vernetzten grünen Energieband positive Effekte für den Artenschutz und den Erhalt der Biodiversität zum Vorteil der landwirtschaftlichen Betriebe möglich ist.

Realisierung des Pilotprojekts

Im nächsten Schritt geht es nun um die Realisierung des Pilotprojekts. „Mit diesem Pilotprojekt würden die bisherigen Studien zur landschaftsverträglichen PV-Freifläche erstmalig großräumig in die Praxis umgesetzt“, resümiert Kempe. „Der Mehrwert für Landwirtschaft, Natur, Klima-, Arten- und Grundwasserschutz sowie ein sparsamer Umgang mit landwirtschaftlichen Nutzflächen kann damit sichtbar gemacht und wissenschaftlich nachgewiesen werden.“ Und Maibom fügt hinzu: „Damit können wir umsetzen, was Landwirtschaftsministerin Kaniber in ihrer Regierungserklärung am 20. Mai 2021 gesagt hat: Die Mehrfachnutzung von Flächen, also zum Beispiel Energieerzeugung plus Biodiversität muss zur Pflichtaufgabe werden.“
Beide setzen daher für die nächsten Schritte auf dem Weg zur Realisierung auf politische Unterstützung, um die rechtlichen Hürden, aber auch die Mehrkosten, die mit dem multifunktionalen Ansatz verbunden sind, bewältigen zu können.