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Klimawandel

Rinderhalter durch Doppelmoral der EU bei Methan ausgebremst

Fleckvieh
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 15.12.2021 - 10:20

Während die EU bei den Emissionen aus der Rinderhaltung relativ genau hinschaut, sieht sie beim fossilen Gasen über zuordenbare Emissionen großzügig hinweg.

Methan zählt zu den starken Treibhausgasen. Es wird auf mehreren Wegen freigesetzt. Es kann zum einen fossilen Ursprungs sein und bei der Förderung von Öl oder Erdgas  Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas in die Atmosphäre entweichen. Zum anderen entsteht es biogen beim Abbau von organischem Material unter Sauerstoffabschluss. Dieser Prozess läuft in natürlicher Form beispielsweise am Grund von Seen und Flüssen oder bei der Verdauung von Wiederkäuern ab.

Über den von Tieren freigesetzten Anteil übt der Mensch über die Nutztierhaltung einen starken Einfluss aus. Rinderhalter gelangen dadurch unter Druck. Sie sollen im Sinne des Klimaschutzes ihre Bestände abbauen.

Einfluss von Gasförderung und -transport bislang unterschätzt

Erdgas

Eine seit Langem schwelende Streitfrage ist, wie tragen die einzelnen Quellen zur Methankonzentration in der Atmosphäre bei? Hier steuert eine gerade veröffentlichte Studie neue Erkenntnisse bei. Die Klimaschädlichkeit von fossilem Gas ist deutlich höher als üblicherweise dargestellt. Das belegt die Studie „Klimaschäden durch Erdgas“: Zu den bei der direkten Verbrennung von Erdgas entstehenden 200 Gramm CO2 je Kilowattstunde (kWh) kommen im Schnitt weitere 157 g CO2e (CO2-Äquivalente) pro kWh an Methanemissionen hinzu. Diese entstehen schon in den Vorketten der Erdgaslieferung, entweichen also bei der Förderung und Verarbeitung in den Lieferländern sowie beim Transport.

Die Höhe der Emissionen ist stark von den Förderbedingungen in den Produktionsländern abhängig. So beziffern Länderstudien für Russland, einen Hauptlieferanten von fossilem Gas, die Vorketten-Emissionen sogar auf 240 bis 280 g CO2e/kWh.

„Die Klimaschäden durch Erdgas verdoppeln sich also, wenn die gesamte Versorgungs- und Verbrauchskette betrachtet wird“, resümiert Studienautor Dr. Steffen Bukold vom Hamburger Forschungsbüro EnergyComment.

EU ignoriert Treibhausgase aus der Vorkette

Wer ehrliche Bilanzen für Treibhausemissionen erstellen will, muss beim Einsatz von Erdgas die Gesamtkette berücksichtigen: Das heißt eben auch die Emissionen an Methan bei Förderung, Aufbereitung und Transport. Das hat die EU aber nicht vor. Bei der Vorstellung des „Klimaschäden durch Erdgas“-Berichts am 13. Dezember wies der Auftraggeber der Studie, der Ökoenergieanbieter Green Planet Energy, darauf hin, dass die EU-Kommission im Kern nur jene Treibhausgasmengen regulieren will, die in der Union selbst entstehen. Damit würde der Ausstoß an Treibhausgasen durch die Vorstufen unter den Tisch fallen. Nur der geringe Anteil an Methan, der in der Gesamtkette in der EU freigesetzt wird, findet Berücksichtigung.

Und um da nichts anbrennen zu lassen, hat sich Deutschland auf der Weltklimakonferenz in Glasgow noch ein Sonderrecht für ein Abkommen über staatliche Investitionen in internationale fossile Brennstoffprojekte garantieren lassen.

Das stößt den Auftraggebern der Studie sauer auf. Die EU müsse Verantwortung auch für die in den Lieferländern entstehenden klimaschädlichen Treibhausgasemissionen hier verbrauchter fossiler Energieträger übernehmen, so ihre Forderung. Als einflussreicher Abnehmer habe die EU die Macht, sehr rasch wirksame Reduktionsmaßnahmen durchzusetzen.

Aus dem Energiesektor stammen gewaltige Methanmengen

Welche Mengen sich dahinter verbergen wird klar, wenn man berücksichtigt, dass die EU 97 Prozent des Erdöls, 90 Prozent der fossilen Gase sowie 70 Prozent der Steinkohle importiert. Und der Bedarf an Erdgas wird in Deutschland mit dem Ausstieg aus Kohle und Kernkraft sowie eines verminderten Erdöleinsatzes deutlich steigen. Nicht zuletzt, weil der Ausbau der erneuerbaren Energien nur schleppend verläuft, weil sehr viele juristische Verfahren anhängig sind.

Das schlägt sich auch in den Treibhausgasbilanzen nieder. Von 2000 bis 2007 gab es die Hoffnung, der Ausstoß an Methan würde nicht mehr weiter ansteigen. Seit 2008 geht es aber wieder rapide aufwärts. Methan rückt damit verstärkt in den Fokus des Klimaschutzes. Der deutsche Wissenschaftler Harald Lesch hat im Oktober 2020 unter dem Titel "Fracking-Methan - Todesstoß für das Klima" auf die Zusammenhänge hingewiesen und erklärt, worauf die wissenschaftliche Beweisführung beruht.

Doppelmoral der EU-Kommission bei der Ursachenbekämpfung

Und was hat nun Erdgas mit den Rinderhalter zu tun? Nun, es offenbart die Doppelmoral der EU-Kommission im Umgang mit den Ursachen des Klimawandels. Das in Europa verbrannte Erdgas sorgt in den Lieferländern für die Freisetzung von hohen Methanmengen. Um sich selbst von der Verantwortung freizusprechen, setzt die EU auf das Prinzip des Exterritorialisierens. Man erklärt kritische Verhaltensweisen für räumlich abgetrennt und sich selbst als nicht zuständig, obwohl man ehrlicherweise bekennen müsste, selbst Nutznießer zu sein. Das erinnert etwas an alte Kolonialzeiten.

Im Fall der Energieversorgung mit Erdgas sieht das dann so aus: Man rümpft vielleicht noch etwas die Nase über den hohen Methanausstoß bei der Erdgasgewinnung in Lieferländern, über eine Mitverantwortung sieht man aber generös hinweg, obwohl man als Importeur die Fördermengen nach oben treibt. Wie ernst man es mit dem Klimaschutz meint, zeigt man dann im eigenen Lande mit rigiden Vorgaben. Nur treffen die eben die außereuropäischen Lieferanten nicht.

Strategie mit Risiken und Ungereimtheiten

Treibhausgasemissionen

Mit dieser doppelbödigen Strategie versucht die EU-Politik zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen für die Industrie nach wie vor einen fossilen Brennstoffträger bereitzustellen, ohne für die Klimafolgen gerade stehen zu müssen. Zum anderen glaubt man, sich weiter als ein Vorreiter in der Klimapolitik inszenieren zu können. Diese Strategie birgt aber auch ein Risiko in sich: Sie steigert die Abhängigkeit von Lieferländern, wie die gegenwärtig nur gering gefüllten Gaslager in Deutschland zeigen. Vom Energieversorger RWE gab es bereits eine Warnung, dass Gaskraftwerke in diesem Winter vorübergehend vom Netz gehen könnten.

Sollte nun auf längere Sicht, die agrarische Produktion durch die EU-Politik zurückgefahren werden, könnte ähnliches auch für die Lebensmittelversorgung gelten.

In der EU trifft die Reduktion den Rinder-, in den USA den Gassektor

Gasverbrauch

Trotzdem hält die EU an der Strategie fest. Auf der Weltklimakonferenz in Glasgow hat sie gemeinsam mit den USA ein Abkommen vorangetrieben, dass eine weitere Reduktion des Methanausstoßes in den nächsten Jahren um 30 Prozent vorsieht.

Was bedeutet das beispielweise für Deutschland einmal mit und einmal ohne Berücksichtigung der Verluste der Vorkette?

Die Nation hatte 2020 einen Erdgasverbrauch von rund 3.100 PJ. Der Importanteil beträgt 95 %. Daraus ergibt sich ein Importbedarf von rund 2.900 PJ. Umgerechnet sind das 818 Mrd. kWh. Das Gas kommt vorwiegend aus Russland. Ein Ansatz von 200 g CO2e (CO2-Äquivalente) pro kWh an Methanemissionen ist damit nicht zu hoch gegriffen. Daraus errechnen sich rund 164 Mio. t CO2e an Methanemissionen, die der deutsche Importbedarf an Erdgas im Lieferland verursacht. Dieser Betrag taucht aber in der deutschen Bilanz nicht auf, weil nur inländische Emissionen betrachtet werden.

Für Deutschland bringt diese Rechenart damit große Vorteile. So verfügt das Land weiterhin über einen fexibel einsetzbaren fossilen Brennstoffträger, von dem sie nur die Hälfte nämlich die 200 g CO2 bei der Verbrennung des Gases angerechnet bekommt, obwohl es bei der Betrachtung der Gesamkette ursächlich doch für deutlich mehr verantwortlich ist.

So fallen die rund 164 Mio. t CO2e aus Methan aus dem fossilen Gas einfach unter den Tisch. Die nationale Bilanz von rein auf das Staatsgebiet bezogenen Emissionen geht von kleineren Werten aus: Deutschland emittiert rund 50 Mio. t. COe an Methan. In Relation zum Gesamtausstoß von 739 Mio. t COe ist das mit knapp 7 % im internationalen Vergleich ein eher kleiner Wert. Laut Umweltbundesamt entfallen rund 63 % der Methanemissionen in Deutschland auf die Tierhaltung. Damit ist klar, wen es treffen wird und wen nicht. Bei rund 31,5 Mio. t CO2e aus Methan müssten bei einer 30 %igen Reduktion rund 9,5 Mio t CO2e in der Rinderhaltung eingespart werden. Der große Erdgassektor kommt ungeschoren davon.

In den USA sieht es übrigens komplett anders aus. Als Öl- und Gasförderland wollen die Vereinigten Staaten die Methanminderung vor allem durch das Stopfen von Leckagen an Förderstätten herbeiführen. Die Farmer stehen da weniger im Fokus.