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Methan-Emissionen

Nord Stream-Leck: Methan-Ausstoß des Energiesektors unterschätzt

Blick aus einem dänischen F-16-Abfangjäger auf das Gasleck an Nord Stream 2 südlich von Dueodde, Dänemark, am Dienstag, 27. September 2022. Dieses Leck ist eines von drei an der Nord Stream-Gaspipeline in der Ostsee; die beiden anderen befinden sich an Nord Stream 1 nordöstlich von Bornholm. Die dänische Marine hat zur Sicherheit des Schiffs- und Flugverkehrs Verbotszonen um die Lecks eingerichtet.
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 28.09.2022 - 17:52

Weckruf: Klimakiller Kuh, diese Zuspitzung verschleiert die Bedeutung der fossilen Brennstoffindustrie beim menschengemachten Methanausstoß.

Gasleitungen

„Anschlag auf Gaspipelines“, diese Schlagzeile beherrscht aktuell die Nachrichtenlage. Innerhalb kurzer Zeit sind am 27. September an Nord Stream 1 und Nord Stream 2 drei Lecks fesgestellt worden. Alle liegen im internationalen Gewässer der Ostsee vor der Insel Bornholm.

Die schwedische Regierung hat bestätigt, dass sie am Vortag Erschütterungen durch zwei Detonationen verzeichnet hat. Die dänischen Regierung zufolge sind die Lecks auf keinen Zufall auf zurückzuführen. Deshalb laufen die Ermittlungen in Richtung Sabotage. Dazu imstande wäre aber nur ein staatlicher Akteur.

Das vermittelt einen Eindruck davon, wie stark die Energieversorgung mittlerweile politisch instrumentalisiert ist. Einen Durchblick im Interessendschungel zu behalten, ist äußerst schwierig. Und die fossile Brennstoffindustrie tut das ihre dazu, die Bedeutung von fossilen Energieträgern am Treibhausgauseffekt möglichst zu verschleiern.

Streitfrage: Wo kommt das Treibhausgas Methan her?

Fracking-Anlage

Wenn es um Treibhausgase aus der Tierhaltung geht, steht ein Stoff eindeutig im Mittelpunkt: Methan. Also jenes Gas, das aus Nord Stream 1 und 2 in großen Mengen ausströmt. Aus den defekten Leitungen schießt es an die Meeresoberfläche und verabschiedet sich in einem mehrere hundert Meter breiten Kessel aus brodelndem Wasser in die Atmosphäre.

Methan ensteht zum einen im Verdauungstrakt von Grasfressern - also Wiederkäuern (Rinder, Schafe, Ziegen) und Pferden. Zum zweiten ist  es Hauptbestandteil von Edgas und wird bei dessen Förderung und Transport freigesesetzt. Außerdem entweicht es als Nebenprodukt bei der Erdölgewinnung.

Allein die Lecks in den beiden Pipelines führen nach Berechnungen des Umweltbundesamtes (UBA) zu Emissionen von rund 7,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Das entspricht etwa einem Prozent der deutschen Jahres-Gesamtemissionen. Die Berechnung stützt sich auf geschätzte Informationen zu Füllzustand und Volumen der beiden Pipelines. Es gibt keine Abschottungsmechanismen an den Pipelines, daher wird aller Voraussicht nach der gesamte Inhalt der Röhren entweichen.

Das allein führt vor Augen, wie verherrend sich Lecks bei Förderung, Transport und Lagerung von fossilen Brennstoffen auswirken können. Undichte Stellen gibt es leider massenhaft. Russische Piplines oder turkmenische Förderanlagen sind selbst vom Weltall anhand moderner Satellitenbildtechnik auszumachen. In den USA gibt es zahllose Frackinganlagen, die aufgegeben wurde, ohne die Bohrlöcher abzudichten und die noch laufenden Anlagen sind oft in technisch schlechtem Zustand. Die große Streitfrage ist deshalb, welchen Anteil steuern die verschiedenen menschengemachten Quellen zum Gesamtausstoß an Methan bei. Bislang stand eindeutig die Tierhaltung im Fokus. Aber das Blatt wendet sich gegenwärtig.

Weltklimabericht bewertet die weltweiten Methanquellen

Wie sich die menschengemachten oder zumindest durch menschliche Aktivität hervorgerufenen Methan-Emissionen zusammensetzen, darüber gibt das Methan-Budget Aufschluss. Die Grafik stammt aus dem 6. Berichtszyklus des Weltklimarates (IPCC), also der jüngsten Veröffentlichungsreihe des IPCC. Das ist insofern wichtig, weil hier die Aufschlüsselung gegenüber früheren Darstellungen deutlich differenzierter erfolgt.

Methan-Budget_ IPCC_AR6_WGI_FullReport

Die Grafik zeigt, dass Wiederkäuer bei weitem nicht die einzigen Emittenten sind. Die Spitze bei den menschengemachten Emissionen nehmen die fossilen Energieträger ein. Aufgrund der Schwankungsbreite der Mengen sind sie in ihrer Bedeutung aber nicht von den Nutztieren abzugrenzen. Die beiden Sektoren überschneiden sich im Bereich von 114 bis 115 Millionen Tonnen Methan (CH4).

Aus der Grafik wird ersichtlich, dass die alleinige Fokussierung auf die Tierhaltung zu kurz gesprungen ist. Alle Sektoren müssen ihrer Bedeutung entsprechend berücksichtigt werden.

Lässt man die Verbrennung von Bioamasse außen vor, weil sie nicht eindeutig zuordenbar ist, beläuft sich der Wert für das weltweit menschenverusachte Methan auf 300 bis 345 Millionen Tonnen pro Jahr. Jeweils ein Drittel entfallen auf fossile Brennstoffe und die Tierhaltung, rund ein Fünftel auf Müll.

Bollwerk aus wirtschaftlichen Interessen und ideologischen Verflechtungen

In der Summe ergibt sich eine immense Methanfreisetzung durch die fossile Brennstoffindustrie. Erstaunlicher Weise wird diese selbst von wissenschaftlicher Seite nur wenig thematisiert oder von einigen Vertretern sogar als billige Polemik abgetan. Im Vordergrund steht eigentlich immer die Freisetzungen durch die Tierhaltung, im speziellen die Emissionen der Wiederkäuer aufgrund ihrer enterischen Verdauung.

Diese öffentliche Wahrnehmung dürfte die fossile Brennstoffindustrie insgeheim freuen. Der Klimawissenschaftler Michael Mann geht in seinem Buch „Propagandaschlacht ums Klima“ auf dieses Phänomen ein und kommt zu dem Ergebnis, dass die Öl- und Gasmultis hier massiv manipulativ tätig sind. Das reicht von Imagekampagnen über eigene Forschungseinrichtungen bis hin zur Diffamierung von Gegner. Dabei wirken die Unternehmen der fossile Brennstoffindustrie meist im Hintergrund, wollen also als Meinungsmacher nicht erkannt werden.

Nicht alle dürften begriffen haben, wem sie das Wort reden

Die fossile Brennstoffindustrie hat beim Ablenken von ihrer Schuld mächtige Unterstützer. Die Zahl derer, die beim Treibhausgas Methan fast ausschließlich die Kuh als Klimakiller nennen, ohne auch nur im Ansatz auf andere Sektoren zu verweisen, ist groß. Sie erstreckt sich von Wirtschaftsorganisationen über staatliche Stellen bis hin Naturschutzverbänden, Parteien und Tierrechtsvertreter. Gegen dieses Konglomerat aus wirtschaftlichen Interessen und ideologischen Überzeugungen Gehör zu finden, ist äußerst schwierig. Es bestimmt eindeutig den öffentlichen Diskurs.

Micheal Mann schildert in seinem Buch einen ähnlichen Fall aus den USA. Dort gibt es in einigen Bundesstaaten bis heute kein Flaschenpfand. Das hat seiner Einschätzung nach mit einer geschickten Strategie der Getränkeindustrie zu tun. Sie schob die Verantwortung für negative Folgen auf den Konsumenten ab. Der sei doch der böse Bube, der seine leere Dose in der freien Natur entsorgt. An dieser Kampagne beteiligten sich sogar Umweltverbände. Das fand erst ein Ende, als aufflog, wer hinter der Aktion stand.

Der Klimaforscher warnt deshalb auch ausdrücklich davor, die Schuld im Fehlverhalten des Einzelnen zu verorten. Das wäre eine billige Masche für die fossile Brennstoffindustrie, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen.

Situation in Deutschland: Was eine Halbierung des Tierbestands bringt

Sektorendiagramm

Die Landwirtschaft ist 2021 für 61 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in Deutschland verantwortlich. Das sind rund acht Prozent der Gesamtemissionen in Höhen von 762 Millionen Tonnen Treibhausgase. Damit ist der Agrarsektor der zweitkleinste Emittent nach der Abfallwirtschaft. Sorgenkind ist vor allem der Verkehr. Er hat seine Reduktionsvorgaben nicht erfüllt. Während die Zahl der Rinder und Schweine in Deutschland deutlich abnimmt, steigt die Zahl der Kraftfahrzeuge weiter an. Schwierig verläuft auch die Entwicklung im Gebäudesektor. Er schafft gerade so die Vorgaben.

Innerhalb der Landwirtschaft entfällt rund die Hälfte der Emissionen auf das Methan aus der Tierhaltung. Die Tierhaltung muss also für rund vier Prozent der Emissionen gerade stehen. Würden die Tierbestände halbiert, so würde das eine rechnerische Einsparung von zwei Prozent in Deutschland bringen. Das ist gerade einmal das Doppelte, was allein durch den Nord Stream-Zwischenfall freigesetzt wird.

Wie die Darstellung von den schlimmen Rindern entstand

Weidetiere

2006 erschien eine FAO-Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass die Treibhausgaswirkung durch die Rinderhaltung mit 18 % an den Emissionen genauso hoch einzustufen sei, wie das weltweite Verkehrsaufkommen. Deren Inhalt ist längst überholt, da sie einen grundlegenden Fehler aufwies. Die Studie verglich den kompletten Lebenszyklus der Rinder, also von ihrer Geburt bis zum Tod, einschließlich des damit verbundenen Futterbedarfs mit dem CO2-Ausstoß der Fahrzeuge während ihrer Nutzung. Wäre hier der Lebenszyklus angesetzt worden, also von der Erz- und Ölförderung bis zum Schrottplatz, hätte das Ergebnis ganz anders ausgesehen. Auf gut Deutsch gesagt: Es war ein Apfel-Birnen-Vergleich.

Die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen hat ihre Angaben mittlerweile korrigiert. Statt der ursprünglich genannten 18 % setzt sie nun 4 % für die gesamte Wertschöpfungskette Milch an den Treibhausemissionen an. Dabei ist die angeschlossene Rindfleischproduktion bereits eingerechnet.

Blickt man auf die Zahlen des Methan-Budget, wird klar, dass allein die Bereitstellung von Energie – also es ist noch keine einzige kWh-Stunde verheizt oder noch kein Meter im Auto zurückgelegt – den gleichen Methaneffekt hat, wie die Tierhaltung im Ganzen.

Erstaunlich ist, wie stark die Ergebnisse der fehlerhaften FAO-Studie immer noch kolportiert werden und wie hoch der Widerstand ist, sich auf die neuen Ergebnisse einzulassen. Viele Natur- und Umweltverbände pflegen immer noch das Bild, dass Methan ein ausschließliches Problem der Tierhaltung sei. Die fossile Brennstoffindustrie wird das sicherlich freuen, denn sie ist dann fein raus. Es scheint fast so, als ob die mächtigen Öl- und Gasmultis das Drehbuch für dieses Verhalten geschrieben hätten und immer noch die Meinungsbildung orchestrieren.

Wenn der Müllanfall der Landwirtschaft zugeschlagen wird

Pipelines

Und dann gibt es noch einen zweiten wichtigen Grund für die Vorstellung von der Kuh als Klimakiller: Viele Darstellungen fassen die Emissionen, die aus dem anaeroben Kohlenstoffabbau zu Methan beruhen und dem Menschen zugeordnet werden können, in einer Zahl zusammen. Ältere Darstellungen des Methan-Budget weisen diese Struktur noch auf. Das heißt: Die Emissionen aus Landwirtschaft und Müll sind in Summe in einer Säule dargestellt. Wer den Beitrag des Mülls sich vor Augen führt, für den wird klar, welchen entscheidenden Einfluss das hat.

Würde man beispielweise den Müll dem Energiesektor hinzuschlagen, also eine soziologische Clusterbildung anwenden, beides sind schließlich Phänomene der Industrialisierung, so würde dann dort die mit Abstand größte Säule entstehen. Der böse Bube wäre dann ganz ein anderer.

Globale Größenordnung des Rinderanteils am Treibhausgaseffekt

Reibhausgase

Den Beitrag der einzelnen Gase zum Treibhausgaseffekt hat das Umweltbundesamt in einer Grafik aufgeschlüsselt. Es handelt sich dabei um eine globale Betrachtung.

Den mit Abstand größten Teil des Kuchens steuert Kohlendioxid bei. Methan folgt an zweiter Stelle mit 16,3 Prozent am gesamten Treibhausgaseffekt. Aus dem Methan-Budget geht hervor, dass auf die Tierhaltung (Live Stock) rund ein Drittel des menschengemachten Methans zurückzuführen ist. Teilt man den Beitrag des Methans entsprechend den verschiedenen Quellen auf, so ergibt sich ein Wert von 5,4 % am globalen Treibhauseffekt, der auf die Tierhaltung entfällt. Nachdem die Tierhaltung mehrere Arten umfängt und damit Rindern nur einen Teilbetrag ausmachen, deckt sich dieser Wert ganz gut mit den 4 Prozent, die die FAO für den Milch- und Rindfleischsektor ermittelt hat.

Nebenbei angemerkt: Kurioser Abrechnungsmodus der Emissionen

„Die Lecks in Nord Stream 1 und 2 führen zu erheblichem Klimaschaden“, hat das Bundesumweltministerium am 28.09. mitgeteilt. Da zumindest eine der Austrittsstellen nach bisherigen Informationen auf dänischem Hoheitsgebiet liegt, werden die Emissionen in der Klimaberichterstattung voraussichtlich Dänemark zugerechnet.

Diese Form der Bilanzierung weist nun wieder auf ein grundlegendes Problem hin: die Zurechnung der Emissionen. Das Gas kommt aus Russland und ist für Deutschland bestimmt. Nachdem der Austrittsort zählt, könnte aber Dänemark dafür gerade stehen müssen. Die EU hat bislang von der Rechenweise profitiert, weil die hohen Umweltlasten aus der Förderung Drittländern zugeordnet wurden. Nun ist der Schwarze Peter in der EU angelangt.