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Eneuerbare Energiequellen

Energie-Hunger: Teller- oder Tankdiskussion greift zu kurz

Rohstoffe
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 13.04.2022 - 14:50

An Gas oder Öl kann Blut kleben. Der Bundesverband Erneuerbare Energien und Misereor appellieren deshalb gemeinsam dafür, die Energiewende schnell voranzutreiben und dabei auch die Länder des globalen Südens zu berücksichtigen.

Das Bild von blutigen Petrodollars ist nicht neu. Seit Jahrzehnten schürt der Kampf um billige und zuverlässige Energiequellen weltweit Kriege. Der Ukrainekrieg hat wieder einmal drastisch vor Augen geführt, wie autokratische Systeme mit ihren Einkünften aus dem Energiesektor Kriege finanzieren und andere Länder verwüsten. Das kann weltweite Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung haben. Das zeigt sich auch seit mehreren Jahren im Jemen.

Doch das ist nur eine Variante des blutigen Gases oder Öls. Eine weitere besteht darin, dass ärmere Nationen ihr eigenes Land schonungslos ausbeuten, um über den Rohstoffexport an Devisen zu kommen. Eine dritte ist, dass internationale Konzerne den Profit aus der Energiegewinnung abschöpfen und die Rohstofflieferanten mit ein paar Brotkrümel abgespeisen.

Damit bedroht die Gier nach Energiequellen das menschliche Leben genauso wie eine Unterversorgung mit Lebensmitteln. Eine ausreichende Versorgung mit Energie ist damit genauso wichtig für den Frieden wie das tägliche Brot.

Teller- oder Tank-Diskussion greift zu kurz

Ein Rückfall in die alte Teller- oder Tank-Diskussion greift hier zu kurz. Denn zum einen steigert ein Verzicht auf Energie aus Biomasse den Bedarf an fossilen Energieträgern, die ihrerseits wieder Konflikte heraufbeschwören, die die Lebensmittelversorgung gefährden und darüber hinaus das Klima schädigen. Zum anderen ist ein hoher Anteil der Biomasse, die in Energeianlagen wandert, für den menschlichen Verzehr nicht geeignet, wie Gülle oder Grüngutschnitt. Dritten ist zu berücksichtigen, dass Nebenprodukte der Energiegewinnnung ihrerseits wieder wertvolle Rohstoffe sein können, wie etwa Rapsschrot, das als Eiweißfuttermittel den Import von Soja erübrigt. Und nicht zuletzt: Auf die Nahrungsbereitstelllung wirkt sich eine energetische Verwertung nicht anders aus als eine Flächenstilllegung. Das eine zu verteufeln, das andere aber zu fordern, ist Ausdruck einer mangelnden Konsequenz im Handeln.

Deshalb gehen Misereor und der Bundesverband für Erneuerbare Energien einen anderen Weg. Ihr Ansatz lautet: Heimische Erneuerbare Energien leisten als Friedensenergien nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Energiesouveränität der Länder, sondern auch zur dauerhaften Bezahlbarkeit von Energie und gleichzeitig auch zur Einhaltung der Klimaziele von Paris. Sie müssen jetzt mit voller Kraft ausgebaut werden.

Den globalen Süden berücksichtigen

Nicht nur in Europa sind die steigenden Energiepreise ein großes Problem für zahlreiche Haushalte. Viele Länder des Globalen Südens leiden noch immer stark unten den finanziellen Nachwehen der Corona-Pandemie und können daher aus ihren Staatsfinanzen keine vergleichbaren Entlastungsprogramme wie die reicheren Industrienationen mobilisieren. Darauf weist Peter Meiwald, Abteilungsleiter Afrika und Naher Osten bei Misereor hin.

Mit dem Ukrainekrieg wächst nun der Druck auf diese Nationen, ihre fossilen Energievorkommen noch schneller zugunsten des Globalen Nordens auszubeuten. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, braucht es neue Ansätze.

Was die beiden Organisationen konkret vorschlagen

  • Nachbesserung des „Osterpakets“ der Bundesregierung zur Beschleunigung des Ausbaus Erneuerbarer Energien im parlamentarischen Verfahren und schnelle Ausarbeitung des geplanten „Sommerpakets“, mit dem unter anderem mehr Flächen und Genehmigungen für den Bau von Erneuerbaren-Energien-Anlagen geschaffen werden sollen.
  • Ausbau von Bürgerbeteiligung und kommunaler Teilhabe.
  • Attraktivere Ausgestaltung der Eigen- und Direktversorgung mit Solarstrom.
  • Unbürokratische Mieterstromregelung, die es auch Mieterinnen und Mietern erlaubt, den solar erzeugten Strom selbst zu verbrauchen.
  • Stärkung des Repowerings, also des Ersatzes von alten durch neue Anlagen.
  • Schaffung von tatsächlichen Perspektiven für Bioenergie, Geothermie und Wasserkraft.
  • Anpassung des Strommarktdesigns an die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energieträgern im Rahmen der angekündigten „Plattform klimaneutrales Stromsystem“.
  • Initiativen der Bundesregierung zur Einschränkung von Konsum und Energieverbrauch.
  • Eine umfassende Mobilitäts- und Wärmewende.
  • Gezielte Unterstützungsmaßnahmen für einkommensschwache Haushalte.
  • Solidarische Unterstützung für die Länder des Globalen Südens beim Aufbau der Energiesouveränität.
  • Einhalten der Versprechen für internationale Klima- und Energiegerechtigkeit.