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Regenerative Energie

Biogasanlagen: Das stille Sterben

Christian Dany
am Freitag, 21.05.2021 - 10:31

Ende 2020 ist bei den ersten Biogasanlagen die EEG-Förderung ausgelaufen – für viele Biogas-Pioniere eine Zäsur. Zwei von ihnen berichten über ihre Beweggründe, den Betrieb ganz einzustellen.

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Die Biogasbranche in Deutschland befindet sich auf dem Rückzug: 2020 wurden erstmals weniger Anlagen neu gebaut als stillgelegt. Gerade auch in Bayern gibt es viele Kleinanlagen, bei denen die Wirtschaftlichkeit oftmals eine große Herausforderung darstellt. Während ein Betreiber aus dem Nördlinger Ries noch auf eine für ihn annehmbare Nachfolgeregelung hofft, hat ein Landwirt aus Oberbayern schon den Betrieb eingestellt. Beide betonen die Schwierigkeiten, den gestiegenen Gesetzesvorgaben und sicherheitstechnischen Anforderungen gerecht zu werden.

„Unsere Anlage war eine, wie sie eigentlich alle haben wollen. Aber im Endeffekt hatten wir keine Chance“, sagt ein Milchviehhalter aus einer oberbayerischen Grünlandregion, der nicht namentlich genannt werden will. Die Biogasanlage verwertete die Gülle und Grassilage. Um das BHKW mit circa 100 kWel auszulasten, kaufte er noch Körnermais zu. Als das Landratsamt 2019 eine Behälterprüfung anordnete, habe er „die Reißleine gezogen“. Die Anlage wurde stillgelegt und mittlerweile abgebaut. Für einen Weiterbetrieb hätte der Landwirt geschätzte 100.000 € an Ersatz- und Ertüchtigungsinvestitionen aufbringen müssen.

Zukauf von Körnermais zehrt an Wirtschaftlichkeit

Die Biogasanlage war im Jahr 2001 noch vom Vater des Milchbauern gebaut worden. Der Technikpionier setzte neben der Gülle auch Hefewaschwasser eines Industriebetriebs ein. Als dieser Betrieb selbst eine Biogasanlage baute, stellten die Landwirte auf nachwachsende Rohstoffe um. Der Zukauf von Körnermais habe dann schon erheblich an der Wirtschaftlichkeit gezehrt.

Die Probleme verschärften sich mit der Düngeverordnung 2017: Nachdem die verstärkte Anrechnung des Gärrestes zu Stickstoffüberschüssen führte, begann der Oberbayer, den Gärrest zu separieren. „Die abgepresste Festphase musste ich abgeben, um unter die Grenze von 170 kg N/ha zu kommen“, erläutert er. Der frühere Energiewirt legt den Schwerpunkt seines Betriebs jetzt auf Direktvermarktung im Hofladen und verschiedene Dienstleistungen. Er glaubt, dass die Düngeverordnung in Intensivregionen noch viele Biogas-Landwirte dermaßen bedrängt, dass weitere Stilllegungen folgen werden.

Düngeverordnung übt Druck aus

Ähnlich sieht das Ralf Engel aus Deiningen im Kreis Donau-Ries: „Die Düngeverordnung wird zu steigenden Pachtpreisen führen und somit die Wirtschaftlichkeit vieler Biogasanlagen gefährden“, befürchtet er. Seine 150-kWel-Anlage ist eine von über 90 Biogasanlagen im Ries. Engel meint, dass die enorm hohe „Biogasdichte“ hier die Behörden veranlasse, besonders streng zu sein. Der heute 48-Jährige hatte die Anlage 2001 mit geringerer Leistung gebaut. Nachdem er „viel Pionier- und Entwicklungsarbeit“ geleistet hatte, folgten 2008 die Vergrößerung und der Einsatz nachwachsender Rohstoffe. Das Inbetriebnahmedatum blieb dennoch bei 2001, sodass die Anlage Ende 2021 aus der EEG-Förderung fällt.

Engel hat zwar ausreichend Lagerraum, um der Anlagenverordnung für wassergefährdende Stoffe AwSV zu entsprechen. Sein Gärrestlager ist aber offen: Um auf 150 Tage Verweilzeit zu kommen, muss es gasdicht abgedeckt werden. Gasspeicher und ein neues Aggregat für den Flexbetrieb, neue Rührwerke und Pumptechnik, zählt der Schwabe auf. Zur Disposition stünden zudem AwSV-Maßnahmen wie Leckageerkennung und Umwallung. Zusammen genommen könnte sich die nötige Investition auf über 400.000 € summieren.

Wegen des zu geringen Höchstwertes an keiner Ausschreibung teilgenommen

Engel hat bislang wegen des zu geringen Höchstwertes von zuletzt 16,4 Cent/kWh an keiner Ausschreibung teilgenommen. „Auch 18,4 Cent pro Kilowattstunde reichen für die hohe Investition bei zehn Jahren Laufzeit nicht aus“, sagt der Biogas-Landwirt, der auch Geschäftsführer einer Gemeinschafts-Biogasanlage mit 900 kWel ist.

Großanlagen könnten damit auskommen, meint er. Für Gülleanlagen unter 150 kW fordert er jedoch eine Festvergütung von mindestens 20 Cent/kWh. Er begründet dies auch mit dem ökologisch sinnvollen Gesamtkonzept dieser Anlagen durch kurze Wege für Futter und Gärrest und die Integration in betriebliche Abläufe (Wärmenutzung, Gülleverbesserung, positive CO2-Bilanz).
Sein Anliegen hat Engel schon vielfach vorgetragen: Letzten September gab er ein Radiointerview im Bayerischen Rundfunk – an mehrere Politiker hat er sich direkt gewandt. „Bewirkt hab ich nichts. Stattdessen hat sich die Situation auf meine Gesundheit niedergeschlagen“, schildert er. Auch wenn in der Biogasanlage sein Herzblut stecke, sagt er: „Zu 90 % höre ich auf.“
Das EEG 2021 hat zwar bessere Bedingungen zur Teilnahme an Ausschreibungen für eine zehnjährige Anschlussförderung gebracht. Um das Biogasanlagen-Sterben aufzuhalten, wäre aber auch eine Regelung vonnöten, mit der ausgeförderte Anlagen in die bestehende Güllekleinanlagen-Klasse wechseln können. Dies hat die Bundesregierung zwar grundsätzlich anerkannt, die nötige Anschlussregelung aber nicht mehr rechtzeitig im EEG 2021 verankert. Stattdessen soll die Anschlussregelung auf dem Verordnungsweg eingeführt werden. Für Ralf Engel wäre das ungemein wichtig, um ihm eine Perspektive für den Weiterbetrieb zu ermöglichen.