Energiewirt

Biogas: Der Rückbau beginnt

Biogas-Süß
Helmut Süß Portrait 2019
Helmut Süß
am Donnerstag, 30.07.2020 - 14:21

Die Branche stellt ihre aktuellen Zahlen vor und blickt nach vorne.

Der Höhepunkt ist überschritten. Der Fachverband Biogas geht von einem Rückbau im Anlagenbestand aus und damit auch von einer Reduzierung der aus Biogas erzeugten Strommenge. Dabei haben die deutschen Biogaserzeuger im vergangenen Jahr erstmals in der installierten elektrischen Leistung die Marke von 5000 MW erreicht. In seinem kürzlich veröffentlichten Branchenbericht geht der Fachverband für 2020 von schrumpfenden Zahlen aus.
„Die Biogasbranche steht aktuell für eine verlässliche und speicherbare regenerative Energieversorgung zur Verfügung“, sagte der Präsident des Fachverbandes Biogas, Horst Seide, bei der digitalen Pressekonferenz Ende Juli. „Aber wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass ab jetzt der faktische Rückbau der Biogasanlagen-Kapazität beginnt.“

Speicherbare Ergänzung zu volatilem Strom

33,33 Terawattstunden (TWh) klimafreundlichen Strom haben die gut 9500 deutschen Biogasanlagen 2019 erzeugt, was den Bedarf von über 9,5 Millionen Haushalten deckt und zusätzlich knapp 13 TWh Wärme bereit stellt. Das entspricht einem Viertel der deutschen Stromerzeugung aus regenerativen Quellen. Biogas ist damit die wesentliche speicherbare Ergänzung zu volatilem Strom aus Wind und Sonne.
Für das laufende Jahr zeigen die Branchenzahlen allerdings eine negative Tendenz. Standen 2019 den knapp 100 Neuanlagen nur 15 Stilllegungen gegenüber, erwartet der Fachverband Biogas für 2020 erstmals seit Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) einen signifikanten Rückgang im Anlagenbestand und auch in der Strom- und Wärmebereitstellung. Bei etwa gleichbleibender Zahl an Neuanlagen wird es 2020 voraussichtlich 250 Stilllegungen geben, was einem Netto-Rückbau von über 160 Anlagen entspricht. Die arbeitsrelevante Leistung sinkt dadurch von 3810 auf 3794 MW. Damit geht auch die Stromproduktion zurück. Darüber hinaus deutet sich ein sinkender Zubau flexibler Leistung an.

Deutschland steht an einem Kipppunkt

„Wir stehen mit der Biogasnutzung in Deutschland an einem Kipppunkt“, warnte deshalb Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE). In den nächsten Jahren werden viele Anlagen zur Erzeugung von erneuerbarem Strom nach 20 Jahren aus dem EEG fallen.

„Das sind funktionstüchtige Anlagen, in denen viel Know-how und die technischen Innovationen von zwei Jahrzehnten stecken“, ergänzte Peter. Sie forderte für neue, aber auch für alte, noch funktionstüchtige Anlagen, für die es ab 2021 keine EEG-Vergütung mehr gibt, einen fairen Marktzugang. Denn die Anlagen seien nicht nur energiewirtschaftlich relevant, sondern gerade auch für den Klimaschutz. „Die Bundesregierung muss Perspektiven schaffen, um Klimaziele und die Ausbauziele für Erneuerbaren Energien zu erreichen“, sagte Peter. Aktuell vermeiden Biogasanlagen pro Jahr über 20 Mio. t CO2 – und leisten damit einen wertvollen Beitrag zur Treibhausgasminderung in der Landwirtschaft.

Darüber hinaus verwies Horst Seide auf die zahlreichen Wärmekonzepte, die an den Biogasanlagen hängen. Ganze Ortschaften werden mit Biogaswärme beheizt. Wenn solche Biogasanlagen nicht weiter machten, bestehe die Gefahr, dass die Biogaswärme durch fossile Energie ersetzt werde, sagte der Präsident des Fachverbandes Biogas.
Die Gründe für die Stilllegung von Biogasanlagen sind vielfältig: fehlende Perspektive, ständig steigende technische Anforderungen und Auflagen sowie mangelnde Wertschätzung. Durch diesen sich abzeichnenden Rückgang bei den Bestandsanlagen ergeben sich auch weitreichende Konsequenzen bei den im Service und im Anlagenbau tätigen Biogasunternehmen. Deren Hauptbetätigungsfelder verlagern sich zunehmend ins Ausland, zum Beispiel nach Frankreich, wo aktuell neue ambitionierte Ausbauziele für Biogas und Biomethan gesetzt wurden.

Anlagenbestand muss stabilisiert werden

„Wenn jetzt keine politischen Entscheidungen getroffen werden, wird sich der Arbeitsplatzverlust und die Abwanderung von Know-how aus der Branche fortsetzen und dann auch nicht mehr zurückdrehen lassen“, warnte Seide. Deshalb fordert der Fachverband Biogas schnellstmöglich eine Stabilisierung und Weiterentwicklung des Anlagenbestandes über die Anpassung der Ausschreibungsvolumina und der Ausschreibungsverfahren, außerdem eine Weiterentwicklung der Sondervergütungsklasse für Güllevergärungsanlagen sowie die Abschaffung des Flex-Deckels im EEG. „Die Bundesregierung muss mit der in diesem Herbst geplanten EEG-Novelle eine klare Entscheidung für eine verlässliche, erneuerbare Energieversorgung und einen starke inländische Biogasindustrie treffen“, betonte der Verbandspräsident (siehe auch S. 13).