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Energiewende

Biogas: Einsammeln und einspeisen

Messe-Gespräch
Helmut Süß
Helmut Süß
am Donnerstag, 21.07.2022 - 13:58

Die Branche sieht die Zukunft von Biogas kaum mehr in der Stromproduktion, stattdessen werden die Chancen in der Einspeisung ins Gasnetz verortet.

Es geschah nahezu zeitgleich: Während sich in Berlin Regierungspolitiker sorgenvolle Gedanken zur Energiekrise machten und über einen verlängerten Einsatz von Kohlekraftwerken nachdachten, wurden bei den Biogas-Infotagen in Ulm reihenweise innovative Ideen und Lösungsansätze für eine nachhaltige Energiezukunft vorgestellt. „Wir haben ganz viel Potenzial zu bieten“, war an beiden Messetagen immer wieder zu hören. Die gut 800 Besucher, vor allem Anlagenbetreiber aus dem süddeutschen Raum, bekamen bei 100 Ausstellern und in zwei Dutzend Fachvorträgen viele interessante Anregungen.

„Die Biogas-Branche ist auf alle Herausforderungen vorbereitet“, betonte Florian Weh, Geschäftsführer des veranstaltenden Vereins renergie Allgäu, in seinem Messe-Grußwort. Flexibilität und Resilienz gehören in diesem Geschäft zum täglichen Handwerkszeug. Anlagenbetreiber haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neu die Herausforderungen angepackt, um ihren Beitrag zur Energiezukunft leisten zu können – und das trotz zunehmend bürokratischer Hürden bei gleichzeitig nachlassender Förderung.

„Auch auf die aktuelle Energiekrise können unsere Mitglieder reagieren“, bestätigt Vereinsvorsitzender Thomas Hartmann und verweist beispielsweise auf die Möglichkeit, ins Erdgasnetz einzuspeisen oder Biomethan-Tankstellen zu errichten. Allerdings brauche es dafür deutliche Signale und Anreize durch die Politik. Statt Unsummen in den Import fossiler Energieträger zu investieren, müssten die erneuerbaren Quellen im eigenen Land gesichert und ausgebaut werden.

Biokraftwerke: Flexibel die Spitzen abdecken

Tatsächlich beschäftigt sich die Forschung schon sehr lange und intensiv mit der Weiterentwicklung von Biogas zu Kraftstoff oder Flüssiggas. Im Wissenschaftsforum, geleitet von der Universität Hohenheim, war ganz dem Themenkomplex Biomethanmobilität gewidmet. Und das parallel stattfindende Praxisforum stand im Zeichen der Biomethan-Einspeisung.

Geschäftsführer Florian Weh sieht die Biogasbranche vor einem erneuten Umbruch „Der Fokus liegt künftig auf hochflexiblen Spitzenkraftwerken“, sagt er und verspricht, weiterhin alle Möglichkeiten zu nutzen, um politisch Einfluss zu nehmen. Gerade die Biomethan-Aufbereitung zur Einspeisung ins Gasnetz und für die Mobilität beinhalten großes Potenzial, sind aber für viele landwirtschaftliche Biogasbetreiber schwer zu lösen. „Hier bedarf es der Investitionsförderung, um Gassammelkonzepte oder kleinskalierende Aufbereitungsanlagen zu entwickeln.“

Gewohnt stark besucht waren auch in diesem Jahr wieder die Vorträge des Regensburger Fachanwalts Dr. Helmut Loibl. Er stellte rechtliche Möglichkeiten vor, wie Kleinanlagen durch Zusammenschlüsse Perspektiven für eine Biomethan-Einspeisung gewinnen könnten. „Die Einspeisung ins Gasnetz muss forciert werden“, war denn auch immer wieder an den verschiedenen Ausstellerständen zu hören. Martin Wucher, Vertriebsmitarbeiter beim Leutkircher Unternehmen Paulmichl, sieht da nicht nur die Politik in der Verantwortung, sondern auch die Branche selbst. „Wir müssen mehr und mehr auf die Vergärung von Reststoffen setzen, auf flexible Erzeugung und zusätzliche Wärmenutzung.“ Solche Effizienzmaßnahmen steigern Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gleichermaßen.

In anderen Ländern sei man deutlich weiter, wusste beispielsweise Andreas Schmidberger, Geschäftsführer des gleichnamigen Maschinenbaubetriebs aus Thierhaupten. Er mache inzwischen die Hälfte seines Umsatzes in Frankreich, wo gar nur noch etwa zehn Prozent der Anlagen zur Stromerzeugung dienen. Alle anderen speisen ins Gasnetz ein. „Das muss bei uns auch endlich möglich werden“, fordert der Fachmann für Einbringtechnik und Entschwefelungsanlagen entsprechende Unterstützung und Steuerung durch die Politik.

Gleichzeitig gebe es in Frankreich kaum mehr NaWaRo-Anlagen. Stattdessen werde dort ganz auf die Verwertung von Abfällen und Reststoffen gesetzt. „Da landet der Mais in der Dose – und nur die Blätter und der Stängel kommen in der Biogasanlage.“

Auch wenn es in diesem Jahr aufgrund des pandemiebedingten Sommertermins spürbar weniger Besucher waren als in früheren – die Qualität der Gespräche an den Messeständen war unverändert gut und intensiv. Nicht nur beim Veranstalter renergie Allgäu, wo unter anderem Biogasfachexperte Konrad Gruber, Energieberaterin Isabel Rues und der neue EEW-Experte Felix Hofele ununterbrochen Auskunft gaben zu den Finessen der Nachhaltigkeitszertifizierung, Direktvermarktung, Ausschreibung oder den verschiedenen Fördermöglichkeiten zur Effizienzsteigerung.

Auch an den übrigen Ständen war immer Publikumsverkehr. „Und genau darauf kommt es ja an“, zeigte sich Frank Westphal, Verkaufsleiter beim neu gegründeten Unternehmen Allgäuer Pumpen Technik, sehr zufrieden mit der Messe. Austausch, Kontaktpflege, netzwerken – das funktioniert ganz offenbar auf einer kleinen, familiären Messe wie den Biogas-Infotagen besonders gut.