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Erneuerbare Energien

Bioenergie für die Gemeinde

hackschnitzel-heizung
Christian Dany
am Freitag, 11.03.2022 - 07:24

Holzenergie- und Biopionier Hans Sedlmeir beheizt mit Material aus Wald und Landschaftspflege Rathaus, Feuerwehrhaus und Kindergarten in Hollenbach.

Hans Sedlmeir

Nur Holz, das anderweitig nicht gebraucht wird, sollte verheizt werden“, nennt Hans Sedlmeir seine Prämisse für Energieholz. Außerdem soll das Holz aus einem Umkreis von maximal 50 km kommen. Die Kriterien seien bei seinem Biomasseheizwerk, mit dem er das Gemeindezentrum von Hollenbach und drei Wohnhäuser versorgt, mehr als erfüllt: „Gut 80 Prozent des Jahresbedarfs an Hackschnitzeln kommen aus meinem eigenen Wald“, sagt der Land- und Energiewirt.

Neben dem Waldrestholz setzt er Landschaftspflegematerial ein: „Wir haben an die 20 km Bachläufe im Gemeindegebiet. Die Gehölzstreifen brauchen ein regelmäßiges Auslichten“, schildert er. Außerdem mische er den Hackschnitzeln 5 bis 10 Prozent Miscanthus bei. Von der Landschilfpflanze hat Sedlmeir einige Hektar als Dauerkultur stehen.

Hofstelle direkt am Gemeindezentrum

Der überzeugte Biobauer aus Hollenbach im Kreis Aichach-Friedberg ist von schlanker, aber drahtiger Gestalt. Seine fachlichen Aussagen, die er im Technikraum des Heizwerks trifft, sind allerdings gewichtig: „Wir haben fast null Wärmeverluste. Das ist optimal.“
Der Hof des 56-jährigen liegt direkt neben dem Gemeindezentrum mit Rathaus, Feuerwehrhaus und Kindergarten. Als er 2015 das Biomasseheizwerk errichtete, mussten nur rund 30 m Leitung zum Rathaus und von dort weitere 45 m zum Kindergarten verlegt werden.

Zwei kleine Kessel sind besser als ein großer

Sedlmeir-Kiga-Heizwerk

Im Jahr 2014 war Sedlmeirs Maschinenhalle abgebrannt, sodass das Heizwerk von Grund auf mit zwei Hackschnitzelkesseln und zwei Lagerbunkern neu geplant werden konnte. „Die beiden Kessel sind mit jeweils 110 Kilowatt thermischer Leistung gleich groß. Eine Kaskadensteuerung sorgt dafür, dass sie gleichmäßig altern, also im Jahr auf gleich viele Betriebsstunden kommen“, erläutert der Nahwärmeunternehmer. Auch wegen der geringen Auslastung im Sommer sei diese Auslegung besser als ein größerer Kessel.

Zum Heizwerk gehören noch eine Satz-Trocknungsanlage, mit der neben Holzhackschnitzeln auch Getreide und Mais getrocknet werden, und zwei große Wärme-Pufferspeicher. Mit der Wärme aus Biomasse konnten ein alter Heizölkessel im Rathaus und Nachtspeicheröfen im Kindergarten ersetzt werden. Besonders letztere waren wegen der gestiegenen Strompreise zunehmend zum Ärgernis geworden.
„Der Kindergarten wird zurzeit erweitert und danach mehr Wärme brauchen. Die Leistung der Hackgutkessel reicht dafür aber noch aus“, erklärt Sedlmeir vorausschauend. In Sachen Energie engagiert er sich auch im Gemeindeleben, nämlich im Arbeitskreis „Elan“ (Energie, Landschaft, Natur und Naherholung), der schon vor über zehn Jahren im Rahmen der Dorferneuerung gegründet wurde. Bis 2014 war Sedlmeir auch im Gemeinderat, und das 18 Jahre lang.

Mikro-Wärmenetze sorgen für kurze Leitungen

„Im Arbeitskreis mehren sich zurzeit die Stimmen, die Ölheizung in der Grund- und Mittelschule zu ersetzen“, erzählt er. Sedlmeir plädiert hier für eine Biomasse-Heizzentrale, an die auch Gebäude in der nächsten Umgebung anschließen können; so wie das in der 2400-Seelen-Gemeinde schon mehrfach praktiziert werde:
In jedem der fünf Ortsteile seien kleine Wärmesysteme aufgebaut worden, mit denen über „Mikro-Wärmenetze“ jeweils mehrere Objekte versorgt würden. Die Wärme werde entweder in Hackgutheizungen oder in Biogasanlagen erzeugt. Wegen der oft großen Entfernungen in einem typischen Straßendorf seien die kleinen Systeme effizienter. Nur das Nachbardorf Igenhausen habe einen Nahwärmeverbund mit mehr als 50 Anschlüssen, der fast den ganzen Ort überspanne.
„Das Ganze steht und fällt mit der Person, die es durchzieht“, meint Sedlmeir. Neue Nahwärmeunternehmer könnten auf den Erfahrungen der Pioniere aufbauen. „Technisch und organisatorisch ist das heute keine große Affäre mehr“, beteuert Sedlmeir. Er hat schon Anfang der 90er-Jahre den ersten Hackgutkessel auf seinem Hof einbauen lassen.
Im Jahr 1991 trat er mit seinem Landwirtschaftsbetrieb dem Bioland-Verband bei. Ihn freut es, dass der Bioanteil in der Gemeinde inzwischen flächenmäßig bei 30 Prozent liegt, nachdem auch drei größere Betriebe umgestellt haben.

Kooperationen: Gärdünger und Kürbiskerne

Vor zwei Jahren hat Sedlmeir die Leitung des Landwirtschaftsbetriebs seines Schwiegervaters übernommen, auf Ökolandbau umgestellt und allmählich die Viehhaltung aufgegeben. Insgesamt bewirtschaftet er jetzt 140 ha Ackerland. Um die Nährstoffversorgung zu verbessern, betreibt er „Futter-Dung-Kooperationen“ mit zwei Bio-Biogasanlagen: Dabei liefert er Kleegras an die Biogasanlagen und bekommt dafür in der gleichen Nährstoffmenge Gärdünger, den er bedarfsgerecht auf seinen Feldern ausbringen kann.
Zu einem Haupt-Standbein haben sich bei dem Hollenbacher steirische Ölkürbisse entwickelt. „Eine spezielle Maschine erntet nur die Kerne. Das Fruchtfleisch bleibt als Dünger auf dem Feld“, erklärt Sedlmeir. Mit acht Biolandwirten schloss er sich 2019 zur „Bio-Kürbiskern-Anbaugemeinschaft Aichacher Land“ zusammen. „Die Kerne werden zum Teil zu Snack-Ware veredelt. Den Großteil kaufen Bäcker im Landkreis und im Raum Augsburg“, verrät der Biopionier.
Die Vermarktung der Kürbiskerne sei zu einem Vorzeigeprojekt der Öko-Modellregion Paartal geworden: „Weil die Nachfrage so groß ist, möchte ich den Kürbisanbau nächstes Jahr von 10 auf 25 ha ausweiten – auch wenn das viel Pflege braucht, zum Teil auch in Handarbeit.“
Doch Sedlmeir hat auf seinem Betrieb die Unterstützung von mehreren Familienmitgliedern, die bei Bedarf mit anpacken; unter anderem von Sohn Lukas, der zurzeit noch in Freising-Weihenstephan Agrarwissenschaften studiert.

Möglichst viel Strom selbst herstellen

Außerdem: Neue Wege zu gehen, hat Sedlmeir noch nie gescheut. So errichtete er schon sehr früh auf seinem Hofgebäude eine Photovoltaikanlage. „Wenn bald die gesetzliche Einspeisevergütung für den Solarstrom ausläuft, möchte ich damit möglichst viel des Stromverbrauchs auf dem Hof decken“, erklärt er. Hierzu plant er, sich einen Batteriespeicher zuzulegen, den Energieverbrauch wo es geht zu senken sowie Maschinen und Fahrzeuge, die Benzin und Diesel brauchen, durch solche mit Elektroantrieb zu ersetzen.
„Wir müssen unsere ‚Alles-immer-Mentalität‘ hinterfragen und zu einem bewussteren Lebensstil finden“, sagt Sedlmeir über seinen Antrieb als Ökobauer und Ökoenergie-Erzeuger. Ihm ist wichtig, möglichst heimische, umweltverträgliche Ressourcen zu nutzen und er wirft ein: „Der Ölpreis kennt nur noch eine Richtung: nach oben!“ Da sei es nur eine Frage der Zeit, bis weitere Nachbarn, mit denen er die Anschlussmöglichkeit ans Biomasseheizwerk schon abgeklärt habe, auf ihn zukämen. Er müsse dann wohl größere Heizkessel anschaffen, was aber ohne mehr Platzbedarf möglich sei.