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Einkommenssituation

Wirtschaftsjahr mit Licht und Schatten

Landwirtschaft
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 18.01.2022 - 14:39

Im aktuellen Wirtschaftsjahr können Acker- und Futterbaubetriebe etwas durchatmen. Für Schweinehalter ist die Situation existenzbedrohend.

Die Landwirtschaftskammern haben ihre Vorschätzung über die Entwicklung für das laufende Wirtschaftsjahr 2021/22 vorgelegt. Daraus geht hervor, dass das Wirtschaftsjahr 2021/22 unter den allgegenwärtigen Pandemiebedingungen für die landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe unterschiedliche Unternehmensergebnisse bringt. Im Ackerbau wird eine moderate Verbesserung der Gewinne prognostiziert.

Marktfruchtbetriebe können nach den Annahmen ihr Vorjahresergebnis überbieten. Im Futterbau erscheint die Talsohle des Milch- und Rindfleischmarktes der vergangenen Jahre durchschritten. Die Unternehmensergebnisse werden davon profitieren. Besonders hart trifft es im zweiten Jahr in Folge die Veredlungsbetriebe. Nach einem düsteren Vorjahr hat sich die Situation der Schweinehalter nochmals verschlechtert und nunmehr existenzbedrohende Formen angenommen.

Die Ergebnisse beziehen sich auf die Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. In der Tendenz dürften die Entwicklungen auch für andere Bundesländer, einschließlich Bayern, gelten.

Entweder zu viel oder zu wenig Regen

Der Winter 2020/2021 war wärmer als der langjährige Durchschnitt. Der Schädlingsdruck war hoch und bereitete im weiteren Vegetationsverlauf Probleme. Den angestrebten Soll-Wert an Niederschlägen erreichte das Frühjahr 2021 nicht. Einen deutlichen Schaden erlitt das Pflanzenwachstum durch eine Hitzephase Mitte Juni. Der Sommer war in Südwest-Deutschland der regenreichste seit zehn Jahren, teils mit katastrophalen Hochwasser-Ereignissen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

Häufig kam die Ernte der Druschfrüchte durch den Regen ins Stocken und Qualitätsprobleme stellten sich ein. Nach Nordosten hin blieb es wieder zu trocken.

Die Erträge bei Getreide lagen dicht unter dem langjährigen Mittel und damit auf dem Niveau des mäßigen Vorjahres. In den südwestlichen Teilen der Republik konnten sogar leichte Mehrerträge realisiert werden. In den nordöstlichen Regionen blieben die Hektarerträge hinter den Durchschnittswerten der Vorjahre zurück. Beim Raps wurde das schwache Vorjahresergebnis nur selten erreicht.

Die Zuckerrüben kamen mit dem Witterungsverlauf weitestgehend zurecht. Im Spätherbst gab es noch eine Phase mit Niederschlägen, die zu einem späten Massenwachstum führten. Die Zuckergehalte waren leicht unterdurchschnittlich.

Das in weiten Teilen Deutschlands sehr wechselhafte und nasse Sommerwetter führte zu Pilzinfektionen und wirkte sich negativ auf Ertrag und Qualität aus. Dennoch fiel die Kartoffelernte bundesweit höher aus als im Vorjahr. In den betrachteten Regionen wurden bei Kartoffeln Hektarerträge von bis zu 470 Dezitonnen erzielt. Allerdings war die Spanne der Erträge zwischen den Regionen ziemlich groß.

Der Silormais erfreute durch gute bis sehr gute Erträge. Auch das Grünland brachte reichlich Futtermenge ein. In der vergangenen Vegetationsperiode waren die Landwirte in der Lage, wieder Futtervorräte anzulegen. Eine kühle Witterung in Verbindung mit fehlenden Sonnenstunden verursachten jedoch niedrigere Futterqualitäten.

Preise für Marktfrüchte ziehen teils deutlich an

Die globale Getreideernte fiel wesentlich geringer als bislang erwartet aus. In gleich mehreren wichtigen Exportregionen blieb die Ernte deutlich hinter den Erwartungen zurück. Die Erzeuger-Preise für Getreide haben davon stark profitiert. Über das gesamte Wirtschaftsjahr gesehen rechnen die Landwirtschaftskammern mit Notierungen, die um gut 20 Prozent über dem Vorjahreszeitraum liegen.

Um den europäischen Markt mit Raps versorgen zu können, sind erhebliche Importe erforderlich. Vor allem Kanada als Exporteur fällt derzeit aus. Die Erzeugerpreise für Raps haben deshalb stark zugelegt. Für das komplette Wirtschaftsjahr betrachtet rechnen die Landwirtschaftskammern mit Preisen zwischen gut zwanzig und fünfzig Prozent über dem Vorjahreszeitraum.

Durch die pandemiebedingte Absage vieler Großveranstaltungen sinkt die Nachfrage nach Kartoffeln. Auch der Absatz an Restaurants mit Speisekartoffeln hat nachgegeben. Dem gegenüber verkauft der Lebensmittelhandel mehr Kartoffeln denn je. Vor dem Hintergrund einer vermehrten Nachfrage durch Endverbraucher haben sich die Kartoffelpreise deshalb von ihren Tiefständen zu Beginn der Coronakrise in regional unterschiedlichem Umfang erholt.

Trendwende am Milchmarkt

Die anhaltend rückläufige Milchproduktion stützt die Milchpreise EU-weit. So haben auch die heimischen Preise im ersten Halbjahr des neuen Wirtschaftsjahres zugelegt. Nach Einschätzung der Landwirtschaftskammern werden sich die Preise auch im zweiten Halbjahr auf höherem Niveau halten. Insofern gehen die Kammerländer von einem ganzjährigen Plus des Erzeugerpreises zwischen sieben und einundzwanzig Prozent aus.

Im zurückliegenden Sechsmonatszeitraum des Wirtschaftsjahres haben die Rindfleischpreise Rekordhöhe erreicht. Für das zweite Halbjahr ist mit schwankenden Kursen zu rechnen. In der Gesamtvorschau werden Preise prognostiziert, die sich mit zwölf bis zwanzig Prozent über dem Vorjahresniveau bewegen. Die Kälberpreise ziehen über das gesamte Jahr gesehen überwiegend an. Ähnlich stellt sich die Situation bei Altkühen und bei Färsen dar.

Ferkelpreise im freien Fall

Trotz des deutlichen Abbaus der Angebotsüberhänge am Schlachtschweinemarkt bleibt die Gesamtlage sehr angespannt. Insbesondere coronabedingte Stornierungen, Exportbeschränkungen und eine verhaltene Nachfrage aus der Gastronomie drücken auf den Fleischabsatz. Bereits im abgeschlossenen Wirtschaftsjahr 2020/21 mussten betroffene Landwirte das niedrigste Preisniveau für Schlachtschweine seit 15 Jahren hinnehmen. Im laufenden Wirtschaftsjahr rutschen die Erzeugerpreise noch einmal ab.

Der Preisverfall für Ferkel ist auch im laufenden Wirtschaftsjahr fortgeschritten. Um die Jahreswende 2021/22 bekamen Sauenhalter noch knapp 20 Euro pro Tier. Die Landwirtschaftskammern rechnen damit, dass die Ganzjahrespreise für das laufende Wirtschaftsjahr 2021/22 daher auf noch niedrigerem Niveau als im Vorjahr verharren werden.

Enorme Kostensteigerungen machen positive Marktsignale zunichte

Pandemiebedingte Lieferschwierigkeiten auf den internationalen Rohstoffmärkten sorgen auch in der Landwirtschaft für besorgniserregende Kostensteigerungen.

Die Aufwandspositionen für Dünger haben sich im laufenden Wirtschaftsjahr zeitweise verdreifacht. Preise für Energie, Diesel und Heizöl sind deutlich gestiegen.

Auch die landwirtschaftlichen Dienstleistungen werden dadurch teuer. Kosten für Mischfuttermittel und Einzelkomponenten liegen erheblich über dem Vorjahresniveau.

Marktfruchtbetriebe erwarten verbessertes Unternehmensergebnis

Wie beschrieben haben die landwirtschaftlichen Betriebe im laufenden Jahr mit deutlich gestiegenen Ausgaben zu kämpfen. Im Bereich des Ackerbaus betrifft dies vor allem die Positionen Düngemittel sowie Treib- und Schmierstoffe. Auch die Erntemenge überzeugte nicht. Dafür bewegen sich aber die Preise für Marktfrüchte auf hohem Niveau.

Relativ verhalten wird die Situation für Schleswig-Holstein bewertet. Dort wird mit einem zweiprozentigen Zuwachs auf einen Gewinn von 52.000 Euro gerechnet. Niedersachsen erwartet eine Verbesserung um neunzehn Prozent. Erreicht werden so 76.000 Euro. Mit besonderem Optimismus wird in Rheinland-Pfalz prognostiziert. Gerechnet wird mit einem Zuwachs an Gewinn um achtundzwanzig Prozent, was einem absoluten Wert von 83.000 Euro entspricht.

Damit können die eingesetzten Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital nur in einigen Bundesländern vollumfänglich vergütet werden. Das Maß der Vergütung wird als Nettorentabilität bezeichnet und in Prozent angegeben. Die anzustrebende 100-Prozent-Marke wird nur in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erreicht. Die Bundesländer Schleswig-Holstein und Saarland sowie Niedersachsen schneiden mit Werten zwischen 58 Prozent sowie 87 Prozent auf eher mäßigem Niveau ab.

Futterbaubetriebe auf Erholungskurs

Die deutlich gestiegenen Preise für verarbeitete Milchprodukte und Rindfleisch wirken sich trotz deutlich höherer Futtermittelkosten positiv auf die Gewinne der Futterbaubetriebe aus.

Nur gering prägt sich dieser Effekt für Nordrhein-Westfalen aus. Zu erwarten ist eine Steigerung um elf Prozent auf 57.000 Euro. Schleswig-Holstein erwartet einen Gewinnzuwachs von siebenundsiebzig Prozent auf 108.000 Euro. Für die entsprechend spezialisierten Betriebe der verbleibenden Bundesländer (NI, RP, SL) wird mit Betriebsergebnissen zwischen 61.000 (NI) und 71.000 (SL) Euro gerechnet. Die damit verbundenen Werte der Nettorentabilität schwanken zwischen 70 Prozent in Nordrhein-Westfalen und 137 Prozent in Schleswig-Holstein.

Veredlungsbetriebe stehen vor ruinösen Verhältnissen

Das Vorjahr war für die Schweinehalter schon sehr kritisch. Im laufenden Jahr wird die Situation hoch dramatisch. Verbrauchte Finanzreserven und Kostensteigerungen in Verbindung mit weiter sinkenden Erzeuger-Erlösen sind als Ursachen anzuführen. Näher betrachtet werden die Bundesländer Niedersachsen und NRW, in denen die meisten Schweine gehalten werden.

In Nordrhein-Westfalen brechen die Gewinne um weitere fünfundneunzig Prozent ein. Mit gut 1.000 Euro Unternehmensergebnis wird eine schwarze Null prognostiziert. Die Veredlungsbetriebe in Niedersachsen müssen damit rechnen, dass unter dem Strich sogar Verluste erwirtschaftet werden. Nach den bereits existenzbedrohend schlechten Verhältnissen des vergangenen Wirtschaftsjahres wird der bereits deutlich zu erkennende Strukturwandel dieser Betriebsform weiterhin fortschreiten.

Im Weinbau Stabilisierung der Ergebnisse erwartet

Die Weinmosterträge lagen 2021 auf dem guten Niveau des Vorjahres. Regional erschwerte starker Pilzbefall den Winzern die Ernte und führte vereinzelt bis zum Totalausfall. Auch Starkregenereignisse, vor allem an der Ahr, vernichteten ganze Ernten. Das Erntegut stellt allgemein höhere Anforderungen an die Kellerwirtschaft. Die Kosten, nicht nur in diesem Bereich, steigen.

Trotz allgemeiner zum Teil deutlicher Kostensteigerung werden Weinbaubetriebe im Wirtschaftsjahr 2021/22, bei leicht höheren Preisen gegenüber dem Vorjahr 2020/21, ihr Unternehmensergebnis halten können.

Misere am Schweinemarkt verhagelt das Gesamtbild

Im Überblick aller Betriebsformen zeigen sich in den unterschiedlichen Regionen der deutschen Landwirtschaft zwei Trends: Die Folgen der Corona-Pandemie fügen vor allem der deutschen Schweinehaltung schweren Schaden zu. In den veredlungsintensiven Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, werden die positiven Marktsignale im Getreide- und Hackfruchtsegment von den desaströsen Einflüssen des Schweinemarktes überschattet. Die Wertschöpfung verharrt hier auf dem schwachen Vorjahresniveau. Für Nordrhein-Westfalen könnten sich Gewinne von 45.000 Euro ergeben, was mit einer Nettorentabilität von 56 Prozent korreliert. Auch für Niedersachsen ergibt sich eine Nullrunde. Deren durchschnittlichen Gewinne aller Betriebe stecken bei 49.000 Euro fest, ebenso die Nettorentabilität bei 56 Prozent.

In den vom Ackerbau geprägten Bundesländern Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz sowie den Futterbaubetrieben im Saarland ist mit einer Verbesserung der Wirtschaftsergebnisse zu rechnen. Gewinne zwischen 59.000 (SL) und 84.000 (SH) Euro werden erwartet. Eine Verbesserung der Nettorentabilitätsraten auf eine Spanne zwischen 79 (SL) und 105 (SH) Prozent wären die Folge.