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Solidarische Landwirtschaft

Unabhängig vom Markt werden

Helga Gebendorfer
am Dienstag, 24.05.2022 - 13:35

Wie kann man erreichen, dass Landwirte für ihre Produkte fair bezahlt werden? Indem man sie zu Mitgliedern eines Bauernhof-Vereins macht.

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Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ist eine neue Form der Landwirtschaft. Hier wird nicht das einzelne Lebensmittel finanziert, sondern die Landwirtschaft als Ganzes. Weil diese Idee immer mehr Landwirtinnen und Landwirte interessant finden, bot das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) gemeinsam mit dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft ein Web-Seminar für Einsteiger an.

Welche Prinzipien gelten und welche Fragen stellen sich zu Beginn? Antworten darauf gab Klaus Strüber, Gründer einer der ersten Solawi in Deutschland. Er bringt langjährige Erfahrung als Landwirt in einer Solawi mit und arbeitet seit 2014 als freier Berater von landwirtschaftlichen Betrieben sowie als Referent für das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.

Gemüse für 83 € pro Person im Monat

„Wenn ein Boden landwirtschaftlich genutzt wird, entstehen Kosten und Lebensmittel. Beides teilen sich die Menschen, die der Boden ernähren kann“, verdeutlicht Strüber und macht folgende Rechnung an einem Beispiels auf: 1 ha Gemüseanbau reicht für 60 Menschen. Für die Bewirtschaftung werden 60 000 € pro Jahr benötigt. Das sind pro Person 1000 € im Jahr oder 83 € im Monat. Statt einzelner Lebensmittel wird also die ganze Landwirtschaft finanziert.

Die Nutzung kann vielfältig sein – sowohl bio als auch konventionell. „In jedem Fall aber tragen mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag – egal ob viel oder wenig – erhalten“, so Strüber. Positiv sei, dass sowohl Erzeuger als auch Verbraucher durch den persönlichen Bezug zueinander die vielfältigen Vorteile einer kleinstrukturierten, marktunabhängigen Landwirtschaft erfahren.

Gemeinsames Landwirtschaften, so Strüber, bedeutet Teilung von Risiko und Verantwortung, solidarische Gestaltung des Wirtschaftsprozesses und Einigung bei den Anbaumethoden. Organisiert wird der Erzeuger-Verbraucher-Zusammenschluss meistens in Form eine eingetragenen Vereins (e.V.). Als Rechtsform für eine Solawi wird aber auch die Genossenschaft (eG) immer beliebter.

Laut Strüber könne auf diese Weise die Existenz der Menschen, die dort arbeiten, sichergestellt und ein essenzieller Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung geleistet werden. Solawis bieten noch viel mehr als Lebensmittel: zum Beispiel gelebte alternative Praxis, einen offenen Solawi-Betrieb als generationenübergreifenden Lernort, vielseitige Landwirtschaft, soziales Eingebundensein und vieles mehr.

Interessierte Mitglieder über Netzwerke suchen

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Wer eine nachhaltige Landwirtschaft selbst verwirklichen möchte, kann sich einem Solawi-Betrieb anschließen oder selber einen gründen. Für den Start ist es wichtig, eine Kerngruppe interessierter Menschen zu finden. Diese überlegen sich, wie sie sich einen solidarischen Betrieb vorstellen und mit was sie gerne versorgt werden wollen. Weitere Verbraucher können durch Mundpropaganda oder bestehende Netzwerke (z. B. Umweltgruppen, Kitas) angesprochen werden. Als nächster Schritt sind Infoveranstaltungen, z. B. mit Berichten von Menschen aus bereits bestehenden Solawis, zu empfehlen.

Solawi wurde in Japan und USA in den 1970ern erstmalig erprobt. In Deutschland begann der erste Betrieb 1986. Mittlerweile gibt es knapp 400 Solawi-Betriebe in Deutschland. Die Entscheidung zu einer Solawi sollte nach gründlicher Überlegung getroffen werden. Wie legt man los? Am besten einen Stufenplan Schritt für Schritt abarbeiten.

Nach dem persönlichem Entschluss zur Solawi stellt sich die Frage: Welche Produkte, z. B. Getreide, Fleisch, Gemüse, Obst usw., sind in welcher Menge produzierbar? „Dabei ist es wichtig, von den erzeugten Produkten bis zum Ende, sprich vom Acker bis zum Teller, zu denken“, rät Strüber. Das nachgefragteste Produkt ist dabei Gemüse, gefolgt von Fleisch.

Folgende Fragen ergeben sich zum Start: Was geben Standort, Gebäude und Flächenausstattung her? Es wird davon ausgegangen, dass zur Versorgung einer Person durchschnittlich 2500 m2 benötigt werden. Bei Gemüse kann je nach Konzept ein Hektar für 100 Leute reichen. „Grundsätzlich ist die mögliche Erzeugung abhängig von den Arbeitskapazitäten, den natürlichen Gegebenheiten und der Höhe der Mitgliedsbeiträge.

Besonders beim Angebot von Gemüse spielt die Saisonalität eine starke Rolle. Daher ist eine gute Anbauplanung von großer Bedeutung. Der Tipp des Beraters: „Mit der Zeit zeigt die Erfahrung, wie viel von welcher Kultur benötigt wird.“ Die ersten Jahren seien immer auch ein Experimentieren und Ausprobieren, was gut funktioniert und was nicht.

Mit Gemüse auf kleiner Fläche viel bewegen

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Mit der Zeit und dem Wachstum der Solawi erweitert sich in der Regel auch das Angebot. „Bei Gemüse ist es möglich, aus relativ geringem Kapitalaufwand relativ viel Geld von einer relativ kleinen Fläche zu erwirtschaften“, macht Stüber deutlich. Außerdem ist eine Solawi gekennzeichnet durch eine diverse Landwirtschaft, also keine Monokulturen. Als Faustregel gilt: Ein Ernteanteil versorgt ein bis drei Menschen.

Wenn es optimal läuft, ist das Lebensmittelangebot – eventuell auch mit weiterverarbeiteten Produkten wie Käse, Brot, Sauerkraut – so vielfältig, dass eine Vollversorgung bzw. zumindest die vollständige Versorgung mit einzelnen Lebensmitteln gegeben ist. Eine Alternative ist, sich auf bestimmte Erzeugnisse zu konzentrieren und in anderen Bereichen mit anderen Höfen zu kooperieren.

Erfahrungsgemäß sind Solawi-Mitglieder häufig zufrieden mit der Qualität und Quantität der Produkte, der Frische der Lebensmittel, der Länge der Saison und der Verbindung zum Solawi-Betrieb. Dagegen sind sie häufig unzufrieden mit der Variation und Menge, der Bequemlichkeit, sozialen bzw. gemeinschaftlichen Aspekten sowie der Kommunikation mit den Landwirten.

Am besten funktioniert die Berechnung eines hundertprozentigen Zielbetriebs. Dabei gilt es, die echten Kosten zu ermitteln und einzuberechnen. „Der Solawi-Etat ist eine klassische Vollkostenrechnung, die alleine oder mithilfe von Beratungskräften erstellt werden kann“, informiert der Berater. Der Solawi-Jahresetat deckt die Kosten der Landwirtschaft inklusive Lohnkosten, Versicherungen, Reparaturen und notwendigen Investitionen. Einnahmen aus Solawi sind Einnahmen aus Produktverkäufen und werden in der Einnahmenüberschussrechnung angegeben.

Jahresverträge bilden eine verbindliche Grundlage

„Die verbindliche Grundlage ist ein Jahresvertrag. Beide Seiten müssen wissen, worauf man sich einlässt“, stellt Strüber klar. Idealerweise wird die Landwirtschaft vollständig über die Mitgliedsbeiträge finanziert. Dabei wird die Höhe des Jahresetats jedes Jahr neu durch den Landwirt ermittelt und im Rahmen einer Vollversammlung transparent erläutert.

Fast alle Solawi-Mitglieder möchten monatlich bezahlen, wobei ein Lastschriftverfahren eine bessere Lösung als ein Dauerauftrag darstellt. Nach einem Jahr verlängert sich üblicherweise der Vertrag automatisch. Wesentlich ist, dass die Summe der Mitgliedsbeiträge den Gesamtetat deckt. Durchschnittlich bewegen sich die Beiträge je nach angebotener Produktpalette von 50 € für Gemüse bis etwa 200 € für eine Vollversorgung je erwachsener Person und Monat.

Diese Gelder fließen meist auf ein Konto, von wo aus sie entweder von der für die Finanzen zuständigen Person weiterverteilt werden oder sich die Verantwortlichen dort selbst entnehmen, was sie brauchen.

„Das typische Mitglied ist zwischen 30 und 49 Jahren alt, besitzt eher einen Hochschulabschluss und wohnt im städtischen Raum. Die Mehrheit ist weiblich und lebt in einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von vier Personen“, schildert Strüber.

Im Vertrag werden auch die Abholzeiten, -orte und -mengen festgelegt. So gibt es die Möglichkeit, die Lebensmittel entweder direkt vom Solawi-Betrieb abzuholen oder sie liefern zu lassen. Beides kann für den persönlichen Erzeuger-Verbraucher-Dialog genutzt werden. Lieferscheine informieren über Entnahmemenge pro Person.

Bei reichlicher Ernte können sich die Verbraucher meist frei bedienen. Fällt die Ernte geringer aus, können Angaben über die Mengen gemacht werden, die jedem zustehen. Übermengen und leicht verderbliche Waren können in die Direktvermarktung gehen, eingemacht werden oder an die Tafel weitergereicht werden.

Gute Kommunikation fördert die Gemeinschaft

„Solawi bedeutet viel Kommunikation“, stellt Strüber klar. Es ist von der Unternehmensform abhängig, wer Entscheidungen trifft. Auf einem Familienbetrieb sind es in erster Linie die Hofbetreiber. Eine gute Möglichkeit ist in jedem Fall, Inhalte zuvor von einer Kleingruppe vorzubereiten und dann der Gemeinschaft vorzustellen. Bei der internen Kommunikation überwiegt meist der persönliche Austausch. Gut ist es, wenn es eine Person gibt, die darauf achtet, dass die interne Kommunikation in Gang bleibt.

Von Solawi zu Solawi ist es verschieden, ob und wie weit die Verbraucher in die praktische Arbeit mit einbezogen werden. „Die Selbsternte kann vorausgesetzt, erwünscht oder auf Nachfrage möglich sein“, erklärte der Berater. Darüber hinaus gibt es übers Jahr verteilt in der Regel ein bis zwei gemeinsame Aktionen. Hinzu kommen Versammlungen, bei denen Finanzielles, das Solawi-Betriebsgeschehen oder die Weiterentwicklung der Solawi besprochen werden.

Die vielen Vorteile einer Solawi

Was den Kern einer Solawi ausmacht, beschreibt das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft so:

Die Verbraucher

  • erhalten gute Qualität,

  • gewinnen Transparenz,

  • fördern regionale Nachhaltigkeit

  • und bekommen Zugang zu Erfahrungsräumen und Bildung.

Die Erzeuger

  • erhalten Planungssicherheit und die Möglichkeit der Unterstützung durch eine Gemeinschaft,

  • teilen das Risiko, das die landwirtschaftliche Produktion mit sich bringt,

  • erhalten ein gesichertes Einkommen und somit die Möglichkeit, sich einer gesunden Form der Landwirtschaft zu widmen,

  • erhalten einen größeren Gestaltungsspielraum für ihre Arbeit, z. B. die Anwendung von einer guten landwirtschaftlichen Praxis, die unter marktwirtschaftlichen Sachzwängen nicht immer möglich ist

  • und erleben mehr Mitbestimmungsmöglichkeit.

Der Solawi-Betrieb ist geschützt vor Veränderungen des Marktes, kann Produkte verwerten, die normalerweise aufgrund von Marktnormen im Müll landen würden. Durch Solawi wird bei den Verbrauchern ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen und somit werden weitaus weniger Lebensmittel weggeworfen. Der Betrieb kann eine größere Vielfalt, zum Beispiel seltene Gemüsesorten oder bedrohte Haustierrassen, anbieten.

Die Region kann durch die Vielfalt in der Landwirtschaft ein Ort mit höherer Lebensqualität werden. Weitere Projekte können durch die Fähigkeiten der Verbraucher entstehen, z. B. Tauschringe, Nachbarschaftscafés, Einmach-Treffen, und die Region erfährt durch zunehmende Wertschöpfung einen ökonomischen Impuls.